| 3/02/2007 01:42:00 PM | Autotranslate to English | Espanol | Francais | Deutsch | ||
Antiques/soap
| [Anfang] | [Zurückblättern] |
![]() Thackeray Illustration zu: Book of Snobs |
Antiques
Ich habe mir den Sekretär jetzt schon das vierte Mal angeschaut. Der knittrige Alte im Hintergrund des Ladens nickt mir nur noch wie einer alten Bekannten zu, wenn ich herein komme. Er weiß vermutlich, daß er sich nicht mehr anzustrengen hat, besser schweigt. Daß ich mich schon selbst überreden werde.... (mehr)
Es ist ein ziemlich schlichtes Stück, nichts schreit an ihm. Innen in der Mitte ist eine hübsche Einlegearbeit, das Holz blank, aber nicht poliert. Dunkles und helles Holz, ich habe keine Ahnung aus welchem Baum, will es auch nicht wissen. Ich mag diese fachkundigen Auskünfte nicht, die Menschen so gerne über alte Möbel absondern, ich kenne nicht die Unterschiede zwischen Eiche und Esche und Buche - wozu auch? Aber daß mir dieser Sekretär gefällt, das weiß ich. Deswegen komme ich auch immer wieder her.
Der Rest des Ladens ist Ramsch, diese ganze Straße hier ist voll mit solchen Läden. Vermutlich ließe sich das eine oder andere interessante Stück finden, wenn ich mir Mühe gäbe. Ich habe die Straße erst vor kurzem entdeckt, als ich dich abholen wollte, aber zu früh dran war. Keine Lust hatte, meine verwaiste Wohnung aufzusuchen, dann doch hin ging, Post sortierte und weg schmiß. Es war ein schöner Tag, also ging ich noch ein wenig spazieren. Im Park wimmelte es von Menschen, ich durchquerte ihn schnell, unter der Brücke hindurch und weiter bis zu einer merkwürdig großen Treppenanlage, die ich noch nicht kannte. Danach kamen Straßen, die mir ebenfalls unbekannt waren. Irgendwas aber brachte mich dazu, meinen Mut zu sammeln und einfach weiter zu gehen.
Bis ich dann in diese Straße kam, mit ihren Neppläden, vieles stand auf dem Bürgersteig herum, und dann, in einem der Läden, fand ich diesen Sekretär. Viel zu hübsch für den Laden. Irgendwie wäre es mir wie eine Rettungsmaßnahme vorgekommen, ihn zu kaufen.
Der Alte ließ mir Zeit. Dann, langsam, als hätte er kein rechtes Ziel, kam er heran. Stand endlich neben mir, beinahe zufällig, und beschaute sich mit mir zusammen das Stück. Eine saubere Arbeit, denn sofort war da eine Art Vertrautheit zwischen uns, als wären wir gemeinsam herein spaziert und schauten uns nun ein uns beiden am Herzen liegendes Liebhaberstück an.
Er sagte nichts, wartete. Half mir, den Sekretär ein wenig von der Wand zu rücken, um einen Blick dahinter zu werfen. Was ich da sehen wollte, weiß ich nicht. Ich probierte die kleinen Schubladen, das Kästchen mit dem feinen Schlüssel. Befühlte die dünnen Wände des Brieffachs. Zog die Trecken unten auf. Alles ließ sich gut, aber nicht zu leicht zu bewegen. Das Holz hatte Flecken, genug, um glaubhaft auszusehen, aber nicht so viele, als daß es damit angab. Ein paar Stellen waren geflickt. Sehr sauber. Das Schlüsselloch der Klappe war mit einer Porzellanverkleidung kaschiert, die feine Risse aufwies. Hier waren keine pfuschenden Restaurateure am Werk gewesen. Hier hatten Menschen mit Verstand gearbeitet.
Ich schaute mich, nur so, noch ein wenig um. In einer Vitrine hübsches Porzellan, KPM, nicht aufdringlich, fast schlicht. Der Alte schaute mir dabei zu. Nickte freundlich, als ich ein Milchkännchen in die Hand nahm. Er mochte zwielichtig aussehen, hatte aber bestimmt ein Gespür für seine Kunden. Als ich noch einmal zum Sekretär ging, bevor ich den Laden verlassen wollte, war er ganz rasch neben mir. Legte eine Hand auf das Holz und lächelte leise.
„Wenn Sie Interesse haben?“
Ich nickte, schaute ihn an. Seine Augen waren klein, inmitten vieler waagrechter Falten, unter struppigen, ungepflegten Haaren, die ihn ein wenig wie einen Räuberhauptmann-Darsteller aus dem Kinderfernsehen aussehen ließen, Aber sein dunkler Anzug saß korrekt, trotz der Hitze draußen war es kühl hier im Laden, er trug sogar eine Weste. Er gefiel mir. Ich nickte.
„Ein sehr wertvolles Stück.“ Nun versuchte er es also doch auf die plumpe Tour. Ich runzelte die Stirn und lächelte nur. „Ein recht schönes Stück,“ platzierte ich das Möbel da, wo es hin gehörte. Er reagierte sofort und korrekt. Nickte, nannte aber keinen Preis. Wodurch er mir noch mehr gefiel. Ich mochte alte Männer mit Manieren und Verstand schon immer.
„Ich komme wieder,“ sagte ich, aus Sympathie. Er lächelte, dachte nach. Ob er mir mit einem möglichen baldigen Verkauf drohen sollte. Ich konnte die Überlegung seinem Gesicht ablesen. War gespannt, ob er so dumm sein würde. Und erleichtert, als er nur nickte. „Es würde mich freuen.“
Ein paar Tage später schleppe ich dich hin. Zuerst bist du ein wenig verwundert. Dann entdeckst du allenthalben „tolle“ Stücke. Ich beginne mich zu fragen, warum ich dich nur hergebracht habe. Der Alte schaut dir zu wie einem Kind, daß seinen Laden zu demolieren droht. Sagt aber nichts. Ich rücke einen Stuhl vor den Sekretär, lege meine Kladde auf die Klappe und schreibe ein wenig. Es gefällt mir. Weniger gefällt mir, was dir hier alles gefällt. Dein Geschmack. Vielleicht bist du aber nur einfach selbst ein wenig ärgerlich auf mich.
Die nächsten Male komme ich wieder allein. Lerne auf diese Weise das Viertel hier nun doch noch kennen. Die breite Straße, die hinunter nach Osten führt, die Häuserreihen, einen schönen Platz mit Cafes und vorbei brausender S-Bahn. Eine Menge Leute immer unterwegs, ein reiches Viertel mit lebensfrohen Menschen. Seltsam, daß hier sich meine Wohnung befindet. Seit fast einem Jahr, und ich bin hier fremd wie auf dem Mond.
Heute sind wir wieder zu zweit. Heute werde ich das Stück kaufen. Du weißt es noch nicht, ich aber weiß es. Und der Alte weiß es auch. Du prustest laut auf, als er seinen Preis nennt. Willst etwas sagen, bist überzeugt, daß ich nicht handeln kann. Das ärgert mich. Ich lege meine Hand auf deinen Arm und kneife dich, nicht stark, aber genug, daß du den Mund hältst. Aus meiner Tasche hole ich das Bündel Hunderter, das dort seit gestern herum lungert. Lege es oben auf den Sekretär.
Der Alte grinst, nimmt das Bündel und zählt gelassen. Kaum die Hälfte von dem , was er nannte. Aber dick und fett da. Und mehr war da nicht in meiner Tasche, das habe ich ihn sehen lassen. Er braucht nicht lange. Ist ein alter Fuchs und wird immer noch seinen Schnitt machen. Und Ma wäre sicher stolz auf mich, ha!
Du bist still. Schaust ein wenig verkniffen zu, wie ich meine Anschrift angebe, einen Termin für die Lieferung ausmache. Ich fühle mich unbehaglich dabei und beginne mich zu ärgern. Ich habe mich freuen wollen, meine Freude mit dir teilen, wie, weiß ich nicht, aber du solltest dabei sein. Jetzt störst du mich. Siehst aus wie ein einziger Vorwurf, ohne daß mir klar ist, was du mir vorwirfst.
Wir gehen ein paar Schritte die Straße hinunter und setzen uns in ein Cafe nach draußen. Ein Haufen Stühle und Tische ist dort frei, es weht ein frischer Wind, der alle Worte hastig und unruhig macht. Keine gute Voraussetzung. Ich rauche schnell nacheinander, was du nicht magst. Ich sehe, wie du mich dabei beobachtest. Meine fahrigen Bewegungen, mit denen ich die Zigaretten ausdrücke. Jeden Zug, den ich nehme.
„Ich wußte nicht daß du deine Wohnung neu einrichten willst.“ Das kommt spitz, ist spitz, denn du weißt ganz genau, daß sie noch gar nicht richtig eingerichtet ist, brach liegt. Ich sage also nichts. „Anfangs dachte ich ja, du wolltest mein Zimmer voll ramschen.“ Du kommst langsam in Fahrt. Ich aber auch. „Nun, ich habe diese Bemerkung neulich schon verstanden.“ - „Welche Bemerkung?“ - „Über den 'gerechten Anteil' an den Nebenkosten.“ Du überlegst. Vielleicht irre ich mich auch, bin mir aber ziemlich sicher. „Wer soll das gesagt haben?“ Ich zucke die Achseln. „Weiß nicht mehr, ich weiß nur, daß es nicht jemand gesagt haben soll, sondern daß es jemand gesagt hat.“
Du ziehst dir eine Zigarette aus meiner Packung, eine Seltenheit, und beginnst mit deinem albernen Rauchritual. Sonst amüsiert es mich, jetzt wächst nur mein Ärger durch die Ungeschicklichkeit, die du mir in aller Seelenruhe vorführst.
„Es wird wohl Zeit, daß ich meine Wohnung in Besitz nehme.“
Du kicherst, es klingt gehässig. „Und dazu gibst du mal so eben das aus, was ich in drei Monaten nicht verdiene?“ Ich stutze. So habe ich meinen Kauf nicht gesehen. Aber es ist zu spät, um das Ruder herum zu werfen. Ich könnte versuchen, deinen Eindruck abzuschwächen. Aber ich will jetzt nur noch meinen Ärger los werden.
„Darf ich mich nur bei Ikea einrichten?“ - „Das wäre deutlich billiger“ - „Das ist aber nun mal nicht mein Geschmack.“ - „Ach so, du hast die Nase voll von meinem Stil, ja?“ - „Das habe ich nicht gesagt.“ - „Der Ausflug ins gemeine Volk wird langsam langweilig, ja?“ - „Beende nicht immer jeden Satz mit ja!“ - „Soll ich nicht, nein?“ - „Nein, sollst du nicht.“
Kurze Pause. Wir beide sind unsicher, ob wir wirklich weiter machen wollen. Die Sonne sticht mir in die Augen, und oben auf den Gleisen auf der anderen Seite des Platzes donnert ein Zug vorbei. Ich fühle mich dreckig, verschwitzt, der Stuhl ist zu hart. Ein paar Kinder rennen an den Tischen vorbei. Schreien laut.
„Aber meine Meinung darf ich doch noch äußern, oder?“
Du bist also entschlossen, zu Ende zu führen, was immer da jetzt zwischen uns abgeht. Gut. Das kann ich auch: „Wenn es dir Spaß macht, mir jede Freude zu verderben.“
Ich bereue das sofort, es ist auch dummer Unsinn, was mich aber nur noch mehr ärgert. Du bist einen Moment starr, deine Stirn zieht sich jetzt bedrohlich zusammen, deine Augen blicken fest und gerade herüber. Ich spüre Tränen hinter meinen, mein Gesicht brennt vor Enttäuschung und Zorn.
„Manche Freuden sollte jede besser für sich allein genießen.“
Du sagst das mit dieser kühlen Ruhe, gegen die ich nicht ankomme, nie. Mein Herz pumpt, als hätte ich gerade einen Dauerlauf hinter mir. Ich kann nicht viel sehen, dein Gesicht, den harten Blick, mit dem du mich auf Abstand hältst, daneben ist alles verschwommen, gegen die grelle Sonne schwarz.
„Keine schlechte Idee.“ Seltsam, auch meine Stimme klingt sehr ruhig. Als wäre es gar nicht meine Stimme. Dieses Zutrauen in sie habe ich an sich nicht. Sie müßte jetzt schrill klingen, hilflos, nach Verirren und Heimweh und Verwirrung sich anhören. Statt dessen klingt sie recht scharf. Knapp und präzise. Ich werde panisch. Wer spricht denn da für mich?
Bevor ich etwas sagen kann, stehst du auf. Schaust auf mich herunter, in jeder Hinsicht. „Zahlst du für mich mit? Oder hast du keinen Hunderter mehr in Reserve da in deiner Tasche?“ Ich beschatte meine Augen mit der Hand, sehe zu dir hoch, möchte dich gerne bitten, jetzt nicht zu gehen. Für einen Moment dringt der Wunsch, vor dir auf die Knie zu fallen und um dein Dableiben zu betteln, hoch. Macht mich aber nur um so wütender, als er nicht gegen meinen Zorn gewinnt.
„Dafür wird’s noch reichen,“ sage ich betont ruhig. Du zuckst mit den Schultern und gehst. Die lange Linie deiner Hüften zupft an meinem Bauch, als du dich durch die Tische von mir fort schlängelst.
Aber nicht an meinem Zorn.
Labels: soap, wg Fontane


0 Comments:
Kommentar veröffentlichen
Links to this post:
Link erstellen