| 3/10/2007 09:25:00 PM | Autotranslate to English | Espanol | Francais | Deutsch | ||
Induktive Liebe/soap
| [Anfang] | [Zurückblättern] |
![]() Thackeray Illustration zu: Book of Snobs |
Induktive Liebe
Die Fensterbank drückt sich gegen meine Oberschenkel, kühl und unnachgiebig. Ich schaue nach draußen, hinein in das dichte Grün der Bäume auf der anderen Straßenseite. Darunter her gelingt hier und da ein Durchblick auf den Park, den großen Spielplatz, auf den See. Kinder rennen umher und schreien, beäugt von jungen Müttern und Vätern. Die Kinderwagen sehen aus wie fahrbare Versorgungsdepots. Die Männer spielen betont aufwendig mit den Kleinen. Vermutlich alles neue Männer. Die Frauen rauchen. Ich würde auch gerne rauchen. Aber ich habe Bauchschmerzen. Ich sehne mich so sehr nach dir.... (mehr)
Ich drehe mich um und betrachte ihn lange. Er liegt im Bett und schläft wie ein Bär. Wenigstens dazu tauge ich noch. Er gefällt mir, sein Gesicht ist entspannt, seine Haut glänzt bleich und fein und die Haare auf seinen Armen sehen aus wie frischer Ruß. Ich habe mir sein Hemd über gezogen, als könnte dessen Geruch meine Sehnsucht lindern. Tut er aber nicht, nicht der Geruch und nicht das samtige Gefühl, das er für ein paar Augenblicke in mir hinterlassen hat. Nichts kann das.
Ich sauge jede Einzelheit auf. Seine kurzen Haare, die jetzt doch ein wenig in Unordnung geraten sind, das dunkel schimmernde Kinn, nach dessen Berührungen mein Gesicht immer noch brennt. Der lange starke Arm, der quer über der Stelle liegt, die ich vorhin noch eingenommen habe. Und die muskulösen Beine, im Schlaf ineinander verknotet, als würde er sich an einem Traumstrick hinauf hangeln müssen. Etwas sehr haarig für meinen Geschmack. Aber schön rund jetzt. Der Widerwillen, der mich eben überkam und aus dem Bett trieb, ist verraucht und kommt mir nun albern und gemein vor. Hatte ich doch keinerlei Widerwillen, als er mir seine Arme gab und seine breite flache Brust. Und ich mich für ihn öffnete, auch wenn er nichts verstand von dem, was mich bewegte. Die Erinnerung daran erregt mich sofort wieder.
Ich lege eine Hand zwischen meine Beine, fühle seinen Samen, der jetzt langsam an meinen Schenkeln herab sickert. Er stört mich nicht. Ich beginne, mit den Fingerspitzen darin herum zu spielen, ihn wie einen Haufen ungezogener Lämmer zur Herde zurück zu scheuchen. Ich muß lächeln, als ich ihn ansehe: wie ruhig und zufrieden er dort schläft, während ich versuche, seine Streichhölzer nochmal zu zünden.
Der Schmerz in meinem Bauch wird schwächer, ich schließe die Augen und konzentriere mich darauf, ihn mit meinen Fingern zum Verschwinden zu bringen. Ganz gelingt es mir nicht, aber allmählich sinke ich hinein in eine wohltuende Mischung aus wehmütiger Lust und weicher Verlorenheit. Bis ich höre, oder ahne, daß er wach ist und mich beobachtet. Schlagartig wird mir kalt. Ich öffne die Augen, sehe seine, die mich mit einem seltsamen Ausdruck beobachten. Für eine Sekunde kriecht Angst in mir hoch und Panik zupft heftig an meinen Nerven. Dann lächelt er, verlegen und neugierig - und deutlich erfreut. Die Hitze kehrt freudig zurück in meinen Körper, vorzugsweise in die Backen.
„Nachtisch?“ fragt er, und sein Lächeln erweitert sich zu einem ausgemachten Grinsen. In einem Anfall von Mut setze ich meine Hände rechts und links auf die Fensterbank, strecke mich und schaue auffordernd zurück. „Das ist jetzt der Spätfilm,“ höre ich meine Stimme. Und sie klingt gar nicht mal so schlecht. Vielleicht täusche ich mich auch. Bilde mir sonstewas ein und mache mich nur lächerlich. Aber was kümmert mich das jetzt? Du fehlst mir so sehr, daß mir alles gleichgültig zu sein scheint. Wie ich aussehe, wie ich mich anhöre, wie ich mich anfühle. Was ich mache und was ich geschehen lasse. Ich bin so winzig. Nur ein Nichts ohne dich. Eine Daune im Dreck.
Er klettert aus dem Bett heraus und kommt auf mich zu. Neugierig wie ein kleines Kind betrachte ich seinen Schwanz, der schlaff und müde auf den Hoden ruht. Die einzige Form, in der ein männlicher Schwanz mir erotisch zu sein scheint. Eregiert sehen sie für mich stets ein wenig albern aus, wie ein verlassener Fahnenjunker inmitten allgemeiner Auflösung, der krampfhaft mutig seine Standarte in die Luft reckt.
Ich halte den Atem an, als er mich in die Arme nimmt. Sein Geruch ist plötzlich so viel intensiver, und die Wärme, die er ausstrahlt, vertreibt die letzten Reste der Kälte, die durch die Ritzen der Fensterrahmen hinter mir dringt. Nur diesen Schmerz in meinem Leib vertreibt sie nicht. Er versucht mich zu küssen, ich mache aber nicht mit, weiche aus, will jetzt keine Küsse, will nicht mal, daß er mich ansieht. Dennoch lehne ich meinen Kopf an seine Schulter, ach ja, er hat die passende Größe für mich und die richtige Stabilität.
Wenn er jetzt nur nicht fragt, ob ich nicht zufrieden gewesen sei! Ich warte fast, daß diese Frage kommt. Wie war ich? War's gut? Alles wunderbar? Ich würde ihn hassen, auf der Stelle. Doch er schweigt, wie schön. Streichelt mir sanft den Rücken und schaut jetzt vielleicht auch aus dem Fenster, wie ich vorhin.
Der Gedanke, daß wir kurz hintereinander den gleichen Blickwinkel eingenommen haben, amüsiert mich. Woran er wohl denkt, wenn er spielende Kinder und ihre Eltern sieht? Oder schaut er nur nach den Bäumen? Ich bin plötzlich ungeheuer gespannt darauf, mehr über ihn zu wissen. Zu erfahren, wie er gelebt hat, wie er groß geworden ist, wie er als Kind geweint hat, wie er gelacht hat - tausend Dinge, die ein Leben unverwechselbar machen sollten und wertvoll. Ich lege eine Hand auf seinen Rücken und taste sein Rückgrat ab. Als wollte ich den Bestand aufnehmen. Die Jahresringe zählen und in die kleinen Geheimnisse seiner Kindheit eintauchen.
Das erregt ihn, was wahrlich kein Geheimnis bleibt. Ich bin überrascht, habe nicht ernsthaft damit gerechnet, daß er zu mir herüber gekommen ist, weil ich ihn dazu aufgereizt habe. Noch immer erstaunt es mich, daß ich in anderen Menschen Gefühle erzeugen kann, Gier und Abscheu, Zuneigung und Mißachtung. Als könnte nur ich so empfinden, und als wären nur sehr wenige Ausnahmen zugelassen. Wie stark er doch ist, fast mühelos hebt er mich hoch, ich muß kaum nachhelfen, ein wenig mit dem Arsch wackeln, die Beine anheben, und alles paßt und er ist mir wieder so nahe wie eben. Kurz überlege ich, ob das jetzt gut ist, ob ich das mag. Dann aber ist es schon zu spät. Es würde ihn zu sehr kränken, wenn ich jetzt ab spränge, und das will ich nicht, keinesfalls. Ich fahre durch seine kurzen Haare und habe auf einmal sanfte mütterliche Gefühle für ihn. Was mich lachen läßt und ganz unverschämt fröhlich macht. Welch eine Fallhöhe von meinem fürsorglichen Muttergriff in seine Haare hier oben bis hinunter auf die Ebene, auf der er nun mit viel Mühe mir seine Manneskraft erneut beweisen will. Fast tut er mit Leid.
Als er mich zum Bett hinüber trägt, bin ich immer noch fröhlich. Ein wenig peinlich, ich weiß es, ich muß kichern wie ein Backfisch, er versteht es sicher nicht, kichert dann einfach mit. Wie solidarisch und großzügig er doch jetzt ist! Wie stolz auf seinen gelungenen Kraftakt. Er lacht wie ein kleiner Junge, was meine Fröhlichkeit noch steigert. Ich packe seinen Kopf und presse ihn gegen meine Brust. Mein Kleiner!
Und jäh verwandelt sich meine ganze Fröhlichkeit in wilden Schrecken, als mir bewußt wird, daß er dabei ist, sich in mich zu verlieben. Daß alles, was ich hier tue, ihn nur immer weiter an mich bindet, jede Bewegung, jeder Kuss, jedes sanfte Stöhnen und jede Zärtlichkeit.
Ich erstarre, er erstarrt sofort mit. Was tue ich da? Seine Augen sind plötzlich so verletzt. Er weiß nichts. Wie auch! Ich lerne seine Augen auswendig - was soll er denn anderes denken? Egal, sagt etwas in mir, wenn du mich nicht mehr lieben willst – er will es, er wird es. Und ohne das will ich nicht leben. Soll er also. Nur zu!
Ich nehme seine Hand und lege sie mir auf die Brust. Ich Jane, du Tarzan. Kleines Mädchen mit großen Augen zu verschenken. Gott was kann ich theatralisch sein! Aber ihm gefällts. Nun, mit seiner Hand da, wo sie jetzt ist, würde ihm vermutlich alles gefallen.
„Soll ich uns was zu essen machen?“ platze ich heraus. Er nickt, hat sicherlich gar nicht gehört, was ich ihn gefragt habe. Ich springe auf und überlege einen Moment, ob ich mich anziehen soll. Lasse es dann. Machen wir die Romanze perfekt. Auf dem langen Weg in die Küche schläft mein Gewissen wieder ein. Ich setze Wasser auf, mahle Kaffee, all die kleinen Verrichtungen, die in solchen Momenten so beruhigend wirken.
Er kommt langsam hinter mir her, hat sich nur schnell seine Jeans über gezogen. Das sieht gut aus, verdeckt angenehm seine haarigen Beine und zeigt seinen hübschen Oberkörper. Nicht zu muskulös, sondern mit diesen einfachen harten Muskeln, die nicht aus dem Studio zu haben sind. Irgendwie irdisch, finde ich, und höre schnell auf, zu viele Blicke dorthin zu werfen. Das Brot ist leider verschimmelt, und im Kühlschrank liegt nur meine Pentax. Ich weiß nicht, warum. Er lacht, als er meine Verwirrung sieht, tritt hinter mich und greift mir zwischen die Beine.
Ich halte den Atem an und schließe die Augen. Sekunden ist mir, als stündest du hinter mir, dieser so vertraute Griff, den ich liebe, in den ich mich immer und immer wieder habe fallen lassen, gegen deinen starken Körper, deine gelassene Sanftheit, dein leises Fordern. Auch er ist stark und fordernd, auch gegen ihn kann ich mich lehnen. Vielleicht nicht ganz so sanft und gelassen, durchaus lauter fordernd. Wie ich mich nach dir sehne!
Alles geht mir jetzt durcheinander, der leere Kühlschrank, meine Sehnsucht nach dir, seine Hand und meine Gier danach. Jetzt fange ich doch wieder an zu weinen, ich versuche, es zu verhindern, was die Tränen nur schneller und das Schniefen heftiger macht. „Ist doch nicht so schlimm,“ flüstert er mir ins Ohr, „ich habe keinen Hunger jetzt.“ Wie einfach es doch mit ihm ist!
Ich lege meinen Kopf zurück, als er mich in den Nacken küßt und mir sein Hemd über die Schultern zieht. Nehme ich ihn eben, gut, er ist da. Und du nicht. Deine Schuld!
Labels: soap, wg Fontane


1 Comments:
deine geschichte gefällt mir. du schreibst in einem schonungslos ehrlichen, nüchternem stil- aber nicht ohne romantik. wenn ich dich darin sehen sollte, habe ich den eindruck einer starken frau, mit der es die männer nicht gerade leicht haben... ;)
selbst ohne einbeziehung deiner eigenen person gewinnt man diesen eindruck- so, wie du die innenschau deiner protagonistinnen zeigst (hab erst zwei geschichten gelesen)
lg
biggy
Kommentar veröffentlichen
Links to this post:
Link erstellen