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Beschäftigung #3/soap
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Sie lehnte hinter dem Tresen auf einem beweglichen Hocker, der genau zu diesem Zweck dort stand, und dachte an die letzten Tage. An die Anspannung, die der Beginn seines so lange herbei gesehnten Kurses für sie bedeutet hatte. An seine Hoffnungen auf eine Arbeit, die sich trotz aller Bedenken damit verbanden. Er hatte dennoch keine uneingeschränkte Freude darüber verspürt. Da war eine heimliche Angst in ihm, ob er es schaffen würde. Das konnte sie beinahe riechen. Sie hatte versucht, ihm vorzuspielen, daß sie keinerlei Zweifel an ihm hegte. Doch sie war sich mehr als unsicher, ob ihr das gelungen war. Er kannte sie zu gut, um sich so einfach von ihr täuschen zu lassen. Und sein Mißtrauen, das sich zunächst gegen sich selbst gerichtet hatte, machte ihn doppelt sensibel für jede kleinste Regung auf ihrer Seite, die seine Ängste nähren konnte. Gerade davon aber gab es mehr als genug.... (mehr)
"Und was bist du dann hinterher?" hatte sie ihn vor ein paar Tagen gefragt. Es sollte offen und neugierig klingen, ihr Interesse an ihm und seiner Fortbildung zeigen. Doch er las nur Herablassung heraus. Seine Augen kniffen sich mißtrauisch zusammen und seine Backen wurden kantig und hart. "Einen offiziellen Titel hat das nicht," sagte er unwirsch. "Wie!?" gab sie überrascht zurück. Viel zu schnell, sie hätte genauer überlegen müssen. "Wozu dann der ganze Aufwand?" - "Natürlich kriegt man ein Zertifikat." - "Und was steht da drin: Hochqualifizierter erster Sieger der Herzen?" Das hatte ihn verletzt, sie sah es sofort. Die Verschiedenheit ihrer Abschlüße war immer ein Problem zwischen ihnen. "Prima," maulte er wütend, "du kannst einem wirklich Mut machen."
Sie hätte nachgeben müssen, das war ihr nachher klar gewesen. Früher hätte sie das auch getan. Als er es nicht so bitter nötig hatte, daß sie nachgab. Heute fiel es ihr zu schwer, und im entscheidenden Moment dachte sie nicht schnell genug daran. Niemals würde er sein Selbstbewußtsein aus ihr beziehen können, wie sie es sich einmal eingebildet hatte. Er bräuchte immer etwas Drittes. Etwas Sachliches, wenn nichts anderes greifbar war. Darin lag an sich keine Mißachtung. Obwohl sie umgekehrt selbst eine solche fühlte, wenn er ihr wieder einmal deutlich zeigte, wie viel ihm daran lag, was irgend jemand anderes von ihm dachte. Und damit, wie sie sofort gekränkt folgerte, ihr demonstrierte, wie wenig sie ihm war und wie wenig es doch bedeutete, was sie von ihm dachte. Was natürlich auch nicht stimmte. Aber den dumpfen Zorn darüber erzeugte es stets zuverlässig, und dieser Zorn lagerte sich mehr und mehr in ihr ab.
Ein Poltern an der Tür unterbrach ihre Gedanken. Ein älterer Herr in hellgrauen Sommerhosen und einem beigen Freizeithemd unter einer hellen Windjacke versuchte, herein zu kommen, hatte aber Schwierigkeiten mit der nicht gerade leichten Tür. Schnell lief sie hin, riß an der Tür und hielt sie ihm weit auf. Mit einer merkwürdigen Mischung aus Dankbarkeit und Ärger über seine Unfähigkeit bedankte er sich mürrisch bei ihr. Sie kannte ihn. Er hieß Falk, sah aber kaum nach einem Falken aus, sondern viel eher wie ein lustiger kleiner Uhu. Jetzt wie ein etwas zerzauster und unsicherer Uhu. Er war einer der häufigsten Gäste des Cafés. Dieses speiste den Fluß seiner Einnahmen aus drei Hauptquellen: einem nahe gelegenen Krankenhaus, dem diesem gewissermaßen inoffiziell angegliederten Friedhof, der mit einer recht gut besuchten, hübschen Gemeindekirche ausgestattet war, und zwei ebenso nahe gelegenen Schulen. Die Schüler bildeten den Hauptteil des Publikums am Vormittag und der Laufkundschaft im Laden, in dem Herr Florian oder seine Frau bedienten. Die Siechen sowie ihre ungeduldigen Besucher dominierten eher die Nachmittage. Und dann gab es noch die vereinzelten Stammgäste, ältere Damen und Herren, oft regelrecht verschworene, kleinere Gemeinschaften. Menschen, die es liebten, namentlich angeredet und auf Details angesprochen zu werden. Was bewies, daß man sie wichtig nahm und achtete. Und die dann ihrerseits solche Freundlichkeit nur zu bereitwillig mit gleicher Münze beglichen. Was auch sie zu lieben begonnen hatte.
Herr Falk war einer dieser Stammgäste. Die letzten seiner einstmals dunklen Haare trug er quer über den Schädel hinweg gestrichen. So bewahrte er sich zwar bei seinen Blicken in etwaige Spiegel durchaus noch die Ahnung einer womöglich einmal vorhandenen Haarpracht, doch im Sitzen bot er den Blicken Dritter auf seinen Scheitel ein eher jämmerliches Bild. Das er aber selbst nicht sah und das ihn daher offensichtlich nur wenig beeindruckte. Nach dem anfänglichen Mißgeschick mit der Tür blieb er an der Garderobe dann auch noch mit der Hand im Ärmel seiner Windjacke hängen. Zappelte verzweifelt herum und war nahe daran, entweder zu stürzen oder die dort hängenden Zeitungen von ihrem Haken zu fegen. Sie sprang erneut hinzu und zog ihm sachte die Jacke vom Arm. Diesmal bekam sie ein dankbares und freundliches Lächeln dafür, welches sich noch verstärkte, als sie seine Jacke sorgsam auf einen Bügel hing, weil der Aufhänger hinten im Kragen abgerissen war.
Sie wartete, bis er es sich schnaufend und mit vielen Seitenblicken für die beiden Schülerinnen in seiner Lieblingsecke bequem gemacht hatte, bevor sie zu ihm hinüber ging. Stellte sich gerade aufgerichtet neben seinen Stuhl, die Füße ordentlich nebeneinander gesetzt, und harrte seiner Bestellung. Er mochte das, wie sie sehr wohl wußte, und sie merkte sich alle diese Eigenheiten der Stammgäste nur zu gerne. Einer der Gründe, warum sie im Lauf der Zeit bei den meisten der alten Gäste des Cafés sehr beliebt geworden war. Und vielleicht indirekt auch ein Grund, warum sie so wenig Probleme mit ihrem Arbeitgeber hatte. Die anderen beiden Bedienungen, die sich mit ihr abwechselten, schienen ein viel schlechteres Gedächtnis zu besitzen. Oder sie brachten den Willen zu solcher Sorgfalt einfach nicht auf.
"Was haben wir denn heute Hübsches, Fräulein Susanne?" fragte er sie nach einem kurzen Blick auf ihre Gestalt – und natürlich auch auf Knie und Füße - und einem längeren Blick auf die Speisekarte, die gewiß seit Jahren keine nennenswerten Veränderung erfahren hatte. Sie beugte sich vor und flüsterte in sein Ohr, was er ganz besonders mochte. "Der Apfelkuchen taugt nichts," raunte sie mit einem Augenzwinkern im Verschwörerton, "aber die Käsetorte sieht einfach wunderbar aus. Ich könnte mir vorstellen, sie schmeckt auch so." Er nickte und lächelte glücklich. Zumindest schien es ihr ein Ausdruck von Glück zu sein, der jetzt sein Gesicht ein wenig jünger aussehen ließ. Seine Zähne sahen dagegen leider nicht so gut aus heute morgen. Immerhin trug er sie im Mund und hatte sie nicht zu Hause vergessen. Was auch schon vorgekommen war. Trotz dieser kleinen Schwächen schenkte sie ihm ein fröhliches Strahlen ihrer Augen, was sicherlich seinen Tag rettete. "Dann bringen Sie mir doch ein Stück davon," entschied er mit einem munteren, fast schon kecken Unterton in der zuvor eher müden Stimme, "und einen extra starken Kaffee." Sie machte einen knappen Knicks - Herr Florian war begeistert, ja, regelrecht aus dem Häuschen gewesen, als sie das zum ersten Male vorgeführt hatte - und entschwebte dann. Dabei sicherlich mehr als intensiv verfolgt von seinen Augen. Während der Automat den Kaffee zubereitete, klinkte sie die auf einen Stock gespannte Tageszeitung aus dem Haken neben der Garderobe, an dem verschiedene derart präparierte Zeitungen auf ihre Leser warteten. Sie wußte, daß er wieder einmal vergessen hatte, sich seine Zeitung beim Hereinkommen gleich mitzunehmen. Und sie wußte auch, welche der Zeitungen er zu lesen pflegte.
Das passierte ihm jetzt seit einigen Wochen oft und war möglicherweise kein gutes Zeichen für den Zustand seines Verstandes. Auch daß er in einem so informellen Freizeithemd hierher kam, und daß der Aufhänger seiner Jacke abgerissen war, wäre noch vor einem halben Jahr undenkbar gewesen. Manchmal betrübte es sie zutiefst, daß sie immer wieder solche Veränderungen an den älteren Gästen wahrnahm. Diese merkten selbst selten etwas davon. Sie aber registrierte jede kleine Verschiebung in Verhalten und Aussehen, in Sauberkeit und Körperkontrolle. Als sie ihm die Zeitung reichte, schaute er einen Moment voller Unverständnis zu ihr auf. Dann huschte so etwas wie Wut über sein Gesicht, machte aber rasch einer ihr weh tuenden Verlegenheit Platz, die dann endlich in eine übertriebene Dankbarkeit mündete. "Wie vergesslich von mir," tadelte er sich mit zitternder Stimme. Sie schüttelte den Kopf und setzte selbst eine möglichst verlegene Miene auf. "Nein, das war allein meine Schuld," sagte sie reumütig und schenkte ihm einen Augenaufschlag, wie es ihn zu seiner Zeit bestimmt auch schon gegeben haben mußte, "ich hatte die Zeitungen noch nicht aufgehängt." Für eine Sekunde hakten sich seine Augen in ihre fest, fragend vielleicht. Oder mit einem Rest von Stolz und Kraft. Was aber nicht anhielt. Er blinzelte, und dann akzeptierte er ihre Fassung der Wirklichkeit. Daß sie etwas vergaß, kam durchaus vor, es klang wahrscheinlich, und es paßte ihm jetzt in den Kram. Gut gelaunt machte er sich an seine morgendliche Lektüre, und fast ebenso gut gelaunt ging sie zurück zu ihrem Tresen. Vielleicht mit einem kleinen Wermutstropfen in ihrer guten Laune, denn der Ausdruck seiner Augen, den er sie eben für einen winzigen Moment hatte schauen lassen, ging ihr nicht aus dem Sinn.
Sie setzte die nun fertige Tasse Kaffee und ein kleines Milchkännchen auf eines der ovalen, schweren Tabletts. Diese bestanden aus einem Material, das wie altes Silber aussah und auch beinahe so schwer war. Und mindestens so schwer zu polieren war wie Silber. Unter die Tasse kam zusätzlich immer eine runde Papierscheibe, welche die oft an ihr herab rinnenden Kaffeespuren auffangen sollte, damit kein Tropfen den Gästen mit den ein wenig zu zittrigen Händen auf die Kleidung fallen würde. Und auf ein weiteres winziges Tellerchen kamen stets ein paar Stücke Würfelzucker, falls der Gast Zucker in seinen Kaffee trank. Herr Falk nahm nur ein Stück, aber sie legte zwei Stücke hin und gab ihm so die Möglichkeit, sich auch einmal anders zu entscheiden. Sie mochte dieses Arrangement, es war funktionell, sehr sorgfältig durchdacht und sah in ihren Augen ausgesprochen elegant aus. Herr Falk nahm stets fettarme Milch zum Kaffee. Auch das war etwas, das sie sich zu merken bemühte. Manche nahmen normale Milch, andere Sahne. Zu guter Letzt kam noch ein Glas Wasser hinzu. Die neumodische Sitte, einen Keks zum Kaffee zu reichen, war an den Mauern des Florian unbeachtet abgeprallt. Wer hier Kekse essen wollte, mußte sie sich schon bestellen.
Sie ging mit dem Tablett in der Hand zurück zu seinem Tisch und stellte es vorsichtig seitlich neben seine Hand, die zur Faust geballt den Holzstock mit der Zeitung hielt. Mit einem leichten Zittern, aber doch mit Erfolg. "Dankesehr," sagte er wie nebenbei. Als sie den Teller mit dem Käsekuchen brachte, wiederholte sich das Ganze. Sie wußte, wie gerne er - und die meisten seiner Altersgenossen - es hatten, wenn sie möglichst oft an ihren Tisch kam und nicht alle Besorgungen effektiv mit nur wenigen Gängen erledigte. Die Leute wollten mit jemandem reden und auch etwas zu schauen haben. Deswegen kamen sie unter anderem hierher. Und Zeit brachten sie alle im Übermaß mit. So berühmt waren die Torten - die das Café seit einiger Zeit von einer größeren Konditorei bezog - hier auch nicht, als daß allein ihr Wohlgeschmack einen hinreichenden Grund für ihr Kommen hätte abgeben können.
Die Aufgabe der eigenen Backstube war eine der sehr schmerzlichen Konzessionen, die Florian an den Kostendruck der modernen Zeiten hatte machen müssen. Vielleicht vergleichbar der Einführung des elektrischen Lichtes, so dachte sie manchmal ein wenig boshaft und dann auch wieder voller Zuneigung. Die hier wohl irgendwann um den zweiten Weltkrieg herum erfolgt sein mußte. Wenn sie eine der altmodischen Sicherungen zu ersetzen hatte, die manchmal unverhofft ihren Geist aufgaben, etwa wenn der Kaffeeautomat eine seiner unvorhersehbaren Selbstreinigungsphasen einlegte, kam sie sich vor wie in die Zeit Thomas Alvar Edisons versetzt. Diese Sicherungen wurden in kleine Kapseln gelegt, die wiederum in Blechfassungen hinein geschraubt wurden. Für die gesamte Beleuchtung der Gaststube war ein dickbauchiges Ding zuständig, dessen Porzellankörper mit schwarzem, im Lauf der Jahrzehnte sehr klebrig gewordenem Isolierband umwickelt war und nur dadurch wohl auch zusammengehalten wurde. Lediglich für die Kühlvitrine und die Stromkreise der vermieteten Wohnungen über dem Café gab es normale, moderne Sicherungen mit Kippschaltern. Ob das mit irgendwelchen Bauvorschriften in Einklang zu bringen war, schien ihr mehr als zweifelhaft.
Bei nur drei Gästen konnte sie sich auch schon einmal eine kurze Zigarettenpause im Hof erlauben. Herr Florian sah das nicht gerne. Weniger, weil er etwas gegen das Rauchen seiner Bediensteten hatte. Sondern eher, weil er seine Gäste nicht gern warten ließ. Er ließ überhaupt niemanden gerne warten. Eine Eigenschaft, die sie über viele andere Marotten von ihm hinwegsehen ließ. Wenn Mittags eine ihrer Kolleginnen ihre Schicht begann und der Ladenverkauf für eine halbe Stunde von seiner Frau allein geschafft werden konnte, kam er manchmal mit ihr auf den Hof hinaus und half ihr beim Rauchen. Er bevorzugte dünne Zigarillos. Einmal hatte sie einen ausprobiert. Er schmeckte nicht schlecht, aber seine Blätter waren ihr doch zu hart zwischen den Lippen. "Das steht ihnen auch gar nicht, Susanne," hatte er zu ihr gesagt und milde - sehr milde und nachdenklich - gelächelt, als sie den Zigarillo mit verlegener Miene austrat und sich eine ihrer üblichen Zigaretten angesteckt hatte. So ungefähr die persönlichste Bemerkung, die sie von ihm gehört hatte, seit sie hier arbeitete. Und vermutlich etwas, das einem Kompliment - um nicht zu sagen: der Äußerung von Zuneigung - so nahe kam, wie eine Aussage oder eine Geste bei ihm nur irgend kommen konnte.
Für einen Augenblick war sie drauf und dran gewesen, ihn spontan zu berühren oder ihm einen Satz aus der Mottenkiste zu gönnen, wie etwa ein kieksendes "Aber, Herr Florian." Sie hatte manchmal solche dummen und abgrundtief albernen Ideen, wenn sie verlegen war. Doch dann beließ sie es zum Glück bei einem warmen, ziemlich aufrichtigen Lächeln in seine Richtung. Vielleicht lernte sie von ihm noch Anstand und Gelassenheit, hatte sie sich gedacht. Und eine ganze Menge Zuneigung zu ihm verspürt. Beide schauten sie danach schweigend herüber zu den großen alten Bäumen, die möglicherweise älter als das Café waren, und sie hatte sich in diesen Minuten unverschämt wohl gefühlt, mit ihrer eigenen Zigarette in der Hand bequem gegen die Hauswand gelehnt, und neben sich ihren Chef mit seinem dünnen feinen Zigarillo in seiner kaum merklich zitternden Hand.
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Labels: beschäftigung, soap

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