Manchmal berührt mich ein einzelnes Wort. Ganz ohne daß es eine Bedeutung hätte oder sich ein Hintergrund auftäte. Nur ein Wort eben. Ich könnte in mir herum baggern und gucken, was ich alles ans Tageslicht brächte, nutzte ich das Wort als Spaten. Wie, wenn du in einem Beet anfängst zu graben und allerhand zum Vorschein kommt. Wurzeln und Scherben und irgendwas, das du lieber nicht zu genau betrachten möchtest. Oder wenn du Winden aus einem Busch heraus ziehst. Du weißt schon, was dir blüht. Dreißig Meter Winden und unter Garantie eine Brennnessel und die eine oder andere Brombeerranke. Danach sehen deine Arme aus wie Cholera, Pest und Lepra beim Ringelpietz auf dem Jahrmarkt.
Also ein Wort. Diesmal:
Bleiwind.
Kein großartiges Wort, ich hatte es im Ohr, plötzlich wie eine Böe. Bleiwind sagt mir nun gar nichts. Aber wenn ich es spreche, fängt es an zu leben. Wind ist ja an sich nichts, nur Luftdruckverschiedenheit, die Objekte hierhin und dorthin und überall herum schiebt. Blei aber ist eine Menge, schwer und giftig und ein wenig unheimlich. Ein Bleiwind potenziert das alles, irgendwie. Du muß es nur laut sagen, und sofort kommen andere Worte angekrochen. Das ist, was Sprache ausmacht. Kein Wort steht für sich allein. Dem Bleiwind folgen Worte, die schon mehr bedeuten. Stahlgewitter ist so eines, angelesen und vielfach belegt. Bleiern müde auch. Sind wir ja alle öfters. Beiwind, weil es ähnlich klingt. Ein Wind so nebenher, Scherwind, Scherenschleifer, Schleifpapier, Schleifen, Schliff, Schilf im Wind. Womit wir wieder bei Wind wären. Windeseile, gar nicht bleiern, Windstille dann schon eher.
Nun haben wir einen Haufen Worte. Damit läßt sich spielen. Vielleicht machen das nicht alle, Spielen ist vielfach verpönt. Egal. Was also läßt sich aus Bleiwind machen?
Bleiwind schleift glatt alle Wanten.
Fällt mir so ein, warum also nicht damit anfangen? Wanten werden natürlich nicht vom Wind glatt geschliffen, aber was, wenn doch? Um die Wanten herum gibt es die Bespannung. Aus Holz oder Stahl, Beplankung, die Haut des Bootes, der Rand vom Schiff. Nun ja, wie wäre es dann damit:
An den Rändern schwinden Kanten.
Kleines Zögern, denn – Mist - ein Reim, wie unmodern! Aber wen stört's? Kanten, Ränder, Grenzen, das ist immer gut, das klingt nach tieferer Bedeutung und, wenn du's witzig meinst, nach Satire oder Ironie und Scherz. Was mich an den frierenden Teufel erinnert. Grabbe ich mir den also und packe ihn in einen Satz:
Eiskalt ist des Teufels Händchen.
Das macht den Kerl handhabbar, und das tut gut. Mit dem Teufel auf 'Du' zu stehen, macht mächtig, eigen und gewichtig. Läßt die Hölle zufrieren und Petrus hat das Nachsehen. Wir retten uns auf's Boot und lassen uns übersetzen. Genau:
Müde bleibt zurück das Ländchen.
Wo wir schon mal beim Reimen sind, bleiben wir halt auch dabei. Gemeinsam und an den Händen gefaßt, aber dennoch ein wenig melancholisch, weil da etwas zurück bleibt, wo wir einmal fest darauf standen, eben das Land. Aber es ist fern und wir sind in Begleitung des Teufels oder eines seiner Schatten, sagen wir, des Fährmanns, demnach fühlen wir uns stark genug, das Land zu verniedlichen.
Blicken vorwärts, Kicherclub.
Woher das nun wieder kommt, weiß ich auch nicht, vielleicht Intuition, also nix dran ändern, sondern Augen auf und durch! Außerdem stoppt es den leiernden Tonfall, oder? Club, das klingt klein und heimelig, ein Haufen dümmlich grinsender Leute in einer kahlen Halle beim Bingo. Kaninchenzüchter, Sängerknaben oder sowas. Aha, Singen ist gut. Jetzt also singen wir:
Lobgesang ist fast genug.
Lob leitet sich ab aus dem vorwärts, eine Blick- und Bewegungsrichtung, die immer gut ankommt und daher sich des Lobes gewiß weiß. Erfolg ist demnach garantiert, und der ist, weil wir auf dem Styx oder einem anderen, auf jeden Fall äußerst finsteren Gewässer kreuzen, immer mit dem erhellenden und rettenden Anlanden verbunden. Daher weiter mit:
winkt der Hafen uns entgegen.
Tut natürlich kein Hafen, eher seine Signaltürme, Leuchtfeuer und Bojen und all diese Dinge. Einen Moment sind wir versucht, ins technisch Moderne abzugleiten, aber das Anbiedern an den Zeitgeschmack sparen wir uns lieber für später auf, jetzt fahren wir ein in den Hafen, erinnern uns an den Anfang (den Bleiwind) und verlassen (um nicht als blöde Reimtrine zu gelten) den tumben Zwang des Reimes und bilden den Schlußsatz:
Matter Tod im Silberkleid.
Tod haben wir im Blei, und matt auch (bleiern müde), und silbern schimmert sogar das Blei manchmal, wenn es nur gut poliert ist, und Kleid ist immer gut, um einen prima Eindruck zu hinterlassen. Endlich ist Silberkleid ja fast schon ein wenig sexy, and that sells!
Mehr braucht es jetzt nicht mehr, das Ganze ist fertig und sieht nachgerade nun so aus:
Bleiwind schleift glatt alle Wanten.
An den Rändern schwinden Kanten.
Eiskalt ist des Teufels Händchen.
Müde bleibt zurück das Ländchen.
Blicken vorwärts, Kicherclub.
Lobgesang ist fast genug,
winkt der Hafen uns entgegen.
Matter Tod im Silberkleid.
Labels: gossip, lyrik selbst gemacht