SuMuze
Susannes Weblog

furnissharry

I'd say the word you cease to sing,
Will tell all tales you can't.
I'd end the work you darn't begin,
Grow trees you'll never plant.
I'd be the season and the soul,
The layer and your fee,
Good reason and far better goal,
Because I love to be.

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Have Fun! Autotranslate!
brave_new_world_01
meet the locals!

"womit hörst du wenn ich keinen mund habe?"
"womit sprichst du falls ich dich höre?"
(O.Pastior)




Mittwoch, November 11, 2009

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Nachtrag (allerletzter Eintrag)/gossip



Noch ein kurzer Nachtrag:

Erstens danke ich allen, die mir das Beenden dieses Blogs schwer machten. Es tut mir Leid, daß ich ihnen nicht entgegen kommen kann.

Zweitens kann, wer will, meine Texte auf der Baustelle nachlesen. Ein paar neue Texte stelle ich vielleicht dort auch noch hinein.

Drittens schreibe ich hier auch hin und wieder etwas hinein, was aber nicht namentlich zugeordnet wird (auch Dirk Schröder und vielleicht noch andere schreiben dort hinein). Es bleibt jedem überlassen, die Texte Personen zuzuordnen, wenn ihr oder ihm das wichtig zu sein scheint.

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Freitag, November 06, 2009

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Letzter Eintrag/gossip



Dieses Blog wird (vermutlich) mit diesem Eintrag geschlossen. Daher der Titel.

Ich habe nun mehr als drei Jahre lang mit viel Enthusiasmus gebloggt. War hier, fast jeden Tag, bin mit meinem Laptop ins Internet gegangen, egal wo ich auch gerade war, habe die diversen Sites aufgerufen, die ich gerne lese, und das, was ich in meinen Kladden oder im Kopf hatte, einfach hinein getippt.

Oft war es mir peinlich. Manchmal war ich ärgerlich, weil ich woanders so viel Mist las. Immer aber war es für mich ein Anreiz, hier etwas hinein zu schreiben, was aus meinem Tag hinaus in irgend eine Ferne zeigte. Ich vermute, daß ich eine Menge Unsinn hier und auf anderen Blogs hinterlassen habe, polemische Kommentare und vielleicht auch Unverständliches. Das tut mir jetzt Leid.

Mag sein, manches war auch nicht ganz verkehrt, aber ich achte die Bereitschaft anderer Menschen, solches anzuerkennen, gering. Weil ich natürlich dabei von mir ausgehe, und ich bin sehr rechthaberisch!

Der Grund, warum ich jetzt aufhöre, ist egoistisch.

Ich habe einfach keine Lust mehr, all die Arbeit zu erledigen, die es mit sich bringt. Ich hätte nichts dagegen, Texte irgendwo auf einer Site einzustellen, die jemand anderes betreibt, aber ich habe keine Lust, mich mit anderen Menschen zu sehr gemein zu machen. Ich kenne kaum jemand, der mir dafür erträglich erschiene. Was sicherlich eine meiner weniger netten Idiosynkrasien darstellt.

Dieser Blog wird noch bis Ende des Jahres zugänglich sein, dann werde ich ihn löschen. Wer Texte darüber hinaus von mir haben will, kann mich anmailen (susanne.sarfatti(at)t-online.de) und ich werde jede vernünftige Anforderung gerne und möglichst prompt erfüllen. Ich mag ja, wenn jemand liest, was ich schreibe!

Darüber hinaus beende ich meinen Ausflug in das Internet hiermit und hoffe sehr, daß alle, die sich dieser Illusion von Authentizität weiterhin hingeben wollen, davon nicht zu sehr und zu schnell enttäuscht werden. Mit hat es viel Spaß gemacht und in gewisser Weise auch sehr geholfen.

Unendlicher Spaß also allen!

Und meinen Dank allen, mit denen dieses Blog je Kontakt herstellte.

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Lebt wohl!/singing

Ich habe jetzt, ach, bald
mehr als drei Jahre lang
und noch gar manchen Tag
ins Funkennetz geschrieben.
Echt ein Spaß!

Ich wurde älter,
fand
und verlor
so manche Freud.

Am Rande meines Mundes
ist eine Falte, die zuvor
noch nicht da war.

Und wenn ich morgens
aus dem Fenster schaue,
weiß ich noch immer nicht,
wohin.

Ich denke oft,
daß ich zu nutzlos sei.

Ich denke auch,
daß ich nur warten muß.

Ich schäme mich,
widme ich mich dem Genuß,
und tröste mich,
entsage ich ihm mal.

Ich habe Tage voller Spaß,
und Nächte ohne das.
Ich habe Wochen,
die mit Licht sich schmücken,
und Monate, die nicht.

Ich trage immer noch
zu kurze Röcke,
die Nase hoch,
die Hacken dito,
ich hoffe immer noch,
daß meine Welt
jemand gefällt.
Ich bin noch immer
nicht unersetzlich,
ein Federkleidchen,
das nur schwebt.

Ich kann von Nutzen sein,
ganz leidlich,
ich kann die Launen heben
und den Schwanz,
für Menschen,
die mich gerne sehen,
oh ja, ich kanns!

Und gerne tue ich,
was and're wollen,
doch weiß ich nie,
was mir denn diese sollen.

Ich putze mich
an jedem Morgen,
ich schmücke mich,
als wäre das,
was ich da tue,
unvermeidlich.
Ich tue oft,
was ich tun muß.

Egal!

Und wäre nur
das Lächeln,
das ich dir
durch Jahre wahrte,
ein Rest von dem,
was ich je war -
das wär' doch was!

Und wie ich stolz wär!

Ich war stets blass,
stets winzig,
warum das ändern,
trete ich ab?
Ich bin nur Tropfen,
nicht die See, nicht Meer.
Ein Kuß von mir
wiegt nicht sehr schwer.

Komm mit,
nimm meine Hand.
Wir lachen -
nichts Eigeneres
hat Menschheit je gekannt!

Ich tanzte mit dir Bossanova,
oben auf dem Treppenabsatz -
bis unter's Dach
hab' ich es nie geschafft.

Und abends will der Lichterbaum
in meine Seele leuchten,
und wenn ich schwach bin,
laß ich ihn.

Ich weiß doch kaum,
wie meine Lippen zu befeuchten,
wenn mir der Sinn
nach Hellem steht.

Lebt wohl,
und aufrecht.
Lebt wohl,
und mehr!

In hunderttausend Lügen
muß eine Wahrheit sein.
Und wär' sie nicht,
wozu der Trug?

Am Rand der Welt
hellt sich, wie immer,
ein milder, neuer Tag.

Ich wär' so gerne eine,
die man mag.

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Mittwoch, November 04, 2009

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Sonne vom Herbst aus gesehen/singing

It is a bright and sounding day
I lay under the leaves
the apple trees give to my pleasure
not a measure
to the joy I feel
the one beloved
the one adored
I swear
I've never felt
another way.
Wenn ich der Sonne unterliege
mich weich und schattig wiege
in dem Laub der Apfelbäume
und ich träume
von der Freude
die Geliebte
die Gewollte
schwöre ich
niemals hab ich
was anderes gewollt.

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Steilküste #9/talking

zurück zu #8

Wir sind noch nicht zwei ganze Tage hier, aber die Zeit kommt mir vor wie eine bis zum Platzen prall gefüllte Ewigkeit. Erst heute kommen wir dazu, uns alles anzuschauen, was es an Einrichtung hier gibt. Hinter dem Haus hat es einen kleinen Verschlag, den ich überhaupt noch nicht wahr genommen haben. Jetzt gucke ich beim Aufräumen neugierig hinein und finde darin neben allerlei Gerümpel vier sehr solide aussehende Klappstühle mit Sitzen aus Holzlatten und einen dazu passenden, runden Tisch. In einer Ecke lehnt ein bunter Sonnenschirm, der mir riesig groß und ausgesprochen unhandlich vorkommt. Aber gegen die nachmittägliche Sonne womöglich gut helfen könnte. Ich zerre dran und er rührt sich kaum. Männerarbeit, sage ich mir mit einem Augenzwinkern, und pfeife Henk herbei, damit er mir hilft, das Monstrum auf die Terrasse zu wuchten und aufzubauen.... (mehr) Es ist nicht nur mordsmäßig schwer, sondern hat die Qualitäten eines schwer lösbaren Puzzles, wenn es darum geht, die Speichen korrekt auseinander zu klappen. Der Mechanismus sollte an sich einfach sein. Irgendwie müssen die an die massive Stange gefalteten Speichen mittels einer Leine gleichmäßig ausgestreckt werden, um den Stoff zu einem runden Dach aufzuspannen. Die Leine ist leicht zu finden, rührt sich jedoch nicht, und andere Angriffspunkte sind nicht zu entdecken. Einmal fallen wir mitsamt dem Schirm lang auf die Bretter hin und lachen und spielen gut drauf Sein, was prima in einen Werbespot für ein Produkt für die junge Liebe paßte. Lächerlich, denke ich, um Korrektheit im Geiste bemüht, obwohl ein wahrer Kern darin steckt.

So Hand in Hand miteinander zu agieren besitzt für mich eine Menge Reiz. Selbst wenn mein Verhältnis zu demjenigen, dem ich meine Hand dabei reiche, nicht ganz einfach ausfällt. Nach dem kurzen Aufwallen post-koitaler Sehnsucht von vorhin kreisen meine Gedanken jetzt nicht mehr um den Jungen mit der flotten Lanze, auf den ich mit eher gemischten Gefühlen warte, sondern um Henk. Er widmet sich nach dem am Ende halbwegs erfolgreichen Aufstellen des Sonnenschirms – er steht, aber vom Tisch aus gesehen in einer Richtung, aus der Sonne nur morgens scheinen dürfte - der Aufgabe, unsere Terrasse mit dem Gestühl aus dem Schuppen gastfreundlicher zu gestalten. Und tut das mit einer summend gut gelaunten Hingabe, die mich begeistert. Was mich daran denken läßt, daß unsere Freundschaft eigentlich genau aus den vielen kleinen Begeisterungen bestanden hat, die wir füreinander empfanden. Sex und das Rühren an mehr haben wir nach Möglichkeit vermieden. Mag sein, das ist zum Teil Einbildung, korrigiere ich mich vorsichtshalber. Es hat immer wieder Momente gegeben, in denen wir diesen künstlichen Umkreis verließen. Nur haben wir sie nie füreinander festgehalten und damit irgend etwas zwischen uns definiert. Wie Liebe, wie Liebschaft, wie Affäre. Meistens versickerte die Bedeutung irgendwo.

Mir fällt auf Anhieb der Abend ein, an dem ich beinahe seine ganze Wohnung mit meinen Tränen unter Wasser gesetzt hätte. Henk hatte mich zu einem Konzert bei Freunden von ihm eingeladen, die mit bewundernswertem Enthusiamus sich privat für die musikalische Kultur im Landkreis einsetzten. Alle paar Monate ließen sie unbekannte Interpreten in einem kleinen Saal in ihrem Haus gegen ein Entgelt auftreten. Das geschah zwar in dem leicht snobistischen Rahmen der üblichen andächtigen Weihen, mit dem solche Menschen sich umgeben zu müssen glauben, aber ich nehme an, die dort für Geld Auftretenden scherte das herzlich wenig. Es waren fast immer nicht gerade auf Rosen gebettete Musiker, aus dem Osten oder noch weiter weg, die sich hierzulande meistens artfremd ihr karges Geld zu verdienen hatten. Die alteingesessene, einheimische Konkurrenz beäugte sowohl deren im Vergleich zu den eigenen spartanischen materiellen Forderungen als auch ihre häufig ganz exzellenten Fähigkeiten neidisch und voll Mißgunst. Wir Gäste zahlten für die Darbietungen einen, wie ich fand, angemessenen Obolus. Nach der Kultur gab es sogar noch reichlich zu spachteln. Das Essen und der höchstens durchschnittliche Wein gefielen mir allerdings noch weniger gut als die Musik, aber trotzdem war das Preis-Leistungsverhältnis, verglichen mit der staatlich subventionierten Musikszene, einfach grandios. Was mit dem doch reichlich penetranten und eingebildeten Publikum und dem, was dieses vermutlich als gehobene Konversation bezeichnete, wieder aussöhnte.

An diesem Abend waren zwei Violinen, eine Bratsche und ein Cello aufgetreten. Bis auf die zweite Geige bedient von etwas bärbeißig drein blickenden jungen Damen und Herren aus Polen, die eher gegeneinander als miteinander spielten, so daß sie sich nicht unbedingt wie ein ausgewachsenes Streichquartett anhörten. Musikalisch war nur die Cellistin umwerfend, zumindest für meine Ohren. Optisch die Ausnahme bildete der sicherlich allseits beneidete Star dieses Quartetts: ein so ätherisch wirkendes junges Mädchen, daß ihr Spiel aussah, als hielte sie sich an ihrer Geige fest und nicht umgekehrt. Haare und Haut verschwammen in dem diffusen Licht zu einem einzigen, golden schimmernden Farbton, dessen Kontrast zu ihrem schwarzen Kleid so stark wirkte wie Sonne nach einem Gewitter. Sie sah aus, als müßte sie gar nicht erst ihre Geige streicheln, um das Publikum in Verzückung zu versetzten, und sie spielte so, als wäre das auch die bessere Idee. Jedenfalls für meinen Geschmack. Aber natürlich kam sie überall bestens an, auch bei Henk, wie ich sehen konnte. Die leisen Andeutungen bewundernder Blicke, die Henk den Abend über neben der zweiten Geige auch mir zukommen ließ, besänftigten jedoch meinen heimlichen Neid. Ich glaube, dieses Konzert war die erste Gelegenheit, zu der Henk mich in kompletter Gala samt Sahnehäubchen und Seidenschleifen zu Gesicht bekam. Und ich hatte mir wirklich Mühe für ihn gegeben und sah bestimmt danach aus, daß mich der erste zu laut angeschlagene Ton aus dem Kleid werfen würde, wenn nicht ein starker Begleiter mich davor schützte.

Möglicherweise erklärte aber auch allein der schiere Kontrast zu meinen üblichen Alltagsfummeln, in denen er mich meistens sah, wenn wir uns nach der Arbeit trafen, einen Großteil seiner Begeisterung. Trotzdem sonnte ich mich darin und ließ mich nach der mit Anstand überstandenen Soiree ganz klassisch im Auto unten vor seiner Haustür mit den üblichen Mitteln dazu überreden, noch auf ein paar Minuten mit hoch zu kommen. Er grinste, als er sah, wie ich hinter dem Steuer blitzschnell abtauchte und flink wieder die schicken Schuhe anzog, die ich beim Fahren gegen praktischere Treter ausgetauscht hatte. Die engen und mit prosaischen Kochdünsten vom Tage statt Schwaden von poetischem Räucherstäbchenrauch geschmückten Treppen zu seiner Wohnung führte er mich an der Hand hoch, als wären wir Prinz und Prinzessin, die in sein Schloß zurück kehrten statt in Zwei-Zimmer-Küche-Bad im sozialen Wohnungsbau. Solche Winzigkeiten unterschätzen viele Menschen leider. Ich wette jedenfalls, es sind deutlich mehr Frauen durch die Mitwirkung eines galanten Türaufhaltens erfolgreich ins Bett gelockt worden als durch eine korrekte Erklärung der Welle-Korpuskel-Dualität des Lichtes.

Vorerst lockte mich Henk an jenem Abend aber nicht ins Bett, sondern auf sein neues Zweiersofa aus dem bekannten nordischen Möbelhaus. Das gute Stück sah mir für spannende erotische Leibesübungen ein wenig zu winzig und zu wacklig aus. Aber dann, als wir ganz konventionell nebeneinander darauf saßen, animierte es mich sofort zum Anlehnen und Schmusen. Beides geschah prompt, aber nicht allzu tiefschürfend. Unser eher schüchternes Petting wurde durch Henks diverse Versuche, mich mit allen ihm zu Gebote stehenden Sorten von Espresso aus seiner zweifelhaften Maschine zu verwöhnen, ein wenig behindert. Die Freude an Kaffee und seinen verschiedenen Abarten war eine unserer bereits zur gegenseitigen Begeisterung entdeckten und mit Hingabe praktizierten Gemeinsamkeiten. Eine andere war, daß Henk begonnen hatte, in der Art eines zufälligen Fortsetzungsromans mir zu passenden und unpassenden Gelegenheiten seine abenteuerliche Familiengeschichte zu erzählen. Ich hatte anfangs sträflich naiv angenommen, seine Vorfahren wären etwa zum Zeitpunkt des Big-Bangs mit Schaufeln und Spaten von einem sprachlich sehr empfindsamen Gott in Nordholland abgesetzt worden, um für den Rest der Weltgeschichte wortkarg ihre niedlichen Vorgärten gegen das Wüten des Meeres zu verteidigen. Peu à peu korrigierte er mit seinen Erzählungen nun seit Wochen geduldig und ziemlich erfolgreich diese doch eher sehr geistlose Vorstellung.

Seine Großmutter war Belgierin und stammte aus einem Dorf in den Ardennen, in dem die Menschen ihrerzeit wohl noch davon gelebt hatten, durchreisende Fremde zu fangen und anschließend in den Wald Pilze sammeln zu schicken. Zumindest hörte Henk sich so an. Dort also hatte sein Großvater sie bei einem Ausflug mit dem Rad kennen gelernt und vom Fleck weg entführt oder gleich sogar geheiratet. Henks erotisches Temperament hatte er sicher von ihm geerbt, nahm ich deswegen an, leider aber nicht die Schönheit, wie er mir anhand einige alter Fotos bereitwillig selbstanklägerisch bewies. Sein Großvater sah darauf aus wie ein Mann, mit dem entweder gar nicht oder ganz wunderbar gut Kirschen essen wäre. Ich glaube, solche Menschen werden heute gar nicht mehr hergestellt. Sein spontanes Werben um die Schöne aus der Fremde muß damals nicht nur sehr romantisch, sondern auch äußerst dramatisch verlaufen sein, denn sein Großvater hatte anschließend ganz Belgien sein Leben lang gemieden. Henks Wissen über jene turbulenten Ereignisse wies erhebliche Lücken auf, und das wenige, was er wußte, klang mir verdächtig nach der Volksausgabe für die Kinderstube. Wie dem auch sei, alle Besuche bei der Familie seiner Großmutter hatten Henk und zuvor schon sein Vater stets ohne den Großvater absolvieren müssen. Freundlich aufgenommen hatte man sie dabei selten. Selbst die Großmutter wurde in ihrer Heimat scheel angesehen. Umgekehrt hatten die lieben Holländer wohl auch nicht gerade begeistert auf eine die Phantasie beider Geschlechter heftig befeuernde Belgierin inmitten ihres beschaulichen Dorfes reagiert. Die vielen feinen Vorbehalte gegeneinander in Mitteleuropa scheinen fürchterlich schwer auszurotten zu sein. Meine eigene, dumme Voreingenommenheit gegen die Franzosen nährte sich ja ebenfalls aus Quellen, die mit Verstand und genauem Hinsehen wenig zu tun hatten.

Zum Glück hat sich das aber mit diesem Wochenende gelegt. Und zwar auf eine äußerst anregende Weise, wie ich mir lächelnd überlege. Ein paar Sekunden bin ich von den verschiedenen diesbezüglichen Erinnerungen abgelenkt, während ich in der Küche die Bestückung des Geschirrschrankes kontrolliere. Es ist genug für zwei Personen da, und mit etwas Strecken wird es auch für vier reichen. Was erstaunlich ist, denn das Haus bietet regulär nur Platz für zwei Personen, und als sehr großzügig in solchen materiellen Dingen kommen mir die Franzosen nicht gerade vor. Mit der perfekten Bewirtung der zu erwartenden Gäste wird es dann wohl doch nichts. Das ärgert mich. In Fragen der Gastfreundschaft mag ich keine Mängel. Wenn du fünf Leuten Kaffee einschenken willst, geht das nicht, sind nur zwei Tassen und zwei Becher da. Amüsiert überlege ich, wie es wohl ausgehen wird, sollte ich, ganz die noble Gastgeberin, dankend verzichten, woraufhin sich die Platzhirsche gegenseitig darin überbieten müssten, mir meinen Verzicht galant aber energisch auszureden. Henk zumindest kann ausgesprochen ritterlich werden.

Damals war er das auch. In der Küche fluchte er unterdrückt, weil seine heimtückische Maschine nicht richtig arbeitete. Ich hatte schon einmal erlebt, wie sie mit einem an einen wütenden Drachen erinnernden Zischen den Inhalt ihres Wasserbehälters in die Umgebung ausgespien hatte, und befürchtete bereits das Schlimmste für Henk. Aber als er nach eine paar Minuten mit zwei dampfenden Tässchen nebst einer Zuckerdose, die so typisch nach einer holländischen Windmühle aussah, daß es fast weh tat – die Leidenschaft für Kitsch teilten Henk und ich ebenfalls -, auf einem kleinen Silbertablett zu mir herüber kam, lächelte er gewinnend und servierte mir den Espresso wie eine erlesene Kostbarkeit. Eigentlich war also alles vorbereitet für zumindest einen kuscheligen Abend, wenn nicht sogar für eine Verlängerung desselben in die Nacht und weitere zwischenmenschliche Handlungsfelder hinein. Henk wußte das natürlich nicht, aber im Wagen lag auf dem Rücksitz eine Tasche mit all dem, was ich brauchen würde, sollte ich bei ihm bleiben und am anderen Morgen aus seinem Bett heraus direkt zur Arbeit fahren. Ob ich mir das tatsächlich so ausgemalt hatte, als ich zu Hause die Tasche ins Auto gelegt hatte, ist eine dieser Fragen, die niemals beantwortet werden können. Im Grunde war es eine automatische Handlung gewesen, ein vorsorgliches Rechnen mit allen Eventualitäten. Oder zumindest verkauft es sich besser so.

Die Mischung aus der gerade eben überstandenen Musikdarbietung, dem vielen Koffein und der munter dahin plätschernden Erzählung Henks über Großmutter und Mutter - beides sehr reservierte und zu sich und anderen ausgesprochen unangenehm harte Frauen - mag erklären, daß mir zwei sehr unterschiedliche Dinge passierten. Das eine davon war eher ungewöhnlich für mich. Ich empfand nämlich jede Berührungen seiner Finger auf einmal als ein kaum auszuhaltendes Kitzeln. Er nutzte selbstverständlich unsere Sitzposition und mein ungewohnt elegantes Kleid aus, nicht nur an meinem Gesicht und den Schultern und Armen herum zu machen, sondern widmete sich sehr ausgiebig den Beinen und insbesondere den Knien. Mir gefiel das an sich gut. Aber plötzlich kitzelten mich die sanften Striche seiner Fingerspitzen, deren Wirkung durch die dünnen Strümpfe noch verstärkt wurde, und ich war nahe daran, in das laute Kichern einer dummen Gans auszubrechen, was ich selbstverständlich unbedingt vermeiden wollte. Ihn zu bitten, mich nicht mehr anzufassen, kam aber noch weniger in Frage. Schließlich lösten meine verzweifelten Versuche, an mir zu halten, das genaue Gegenteil aus und ich fing an zu weinen. Ein Geschehen, das nun wiederum für mich nicht allzu ungewöhnlich ist, mich aber in diesem Moment ausgesprochen überraschte. Henk ebenso, aber er reagierte souverän und schleppte in Windeseile eine noch nicht angebrochene Jumbopackung Papiertaschentücher herbei. Und was sicher eher witzig gemeint war, erwies sich dann schnell als ausgesprochen hellsichtiger Vorgriff auf die weitere Zukunft.

Ich weiß nicht immer, warum ich weine. Es sei denn, es ist eine rein physische Reaktion auf etwas, das mich zu sehr aufwühlt oder erschreckt. Wer je mich in einen Thriller ins Kino geschleppt hat, kann ein Lied davon singen. In der Oper weine ich allerdings nie. Was damit zusammen hängen dürfte, daß ich sie nach Kräften meide. Ich betrachte es nicht gerade als einen meiner Vorzüge, wie ein Naivchen aus dem Bilderbuch auf jähe Gefühlsstürme zu reagieren, aber auch nicht als etwas, das ich unbedingt vor jedermann verstecken muß. Manche Menschen schnarchen oder haben Fußgeruch oder beklauen dich, wenn du nicht hinschaust. In anderen als den obigen Fällen sind mir die Gründe jedoch oft mehr als unklar. Was ich dagegen fast immer sehr genau weiß ist, wozu ich weine. Was ich damit jeweils erreichen oder von mir abwehren will. Oft eher weniger vorzeigbare Ziele und Motive, das dürfte klar sein. An jenem Abend jedoch wußte ich überhaupt nicht, was los war. Die Nachwirkungen der Musik konnten es nicht sein, dazu läßt sie mich, allzumal in der Gestalt etwas zu hektisch vorgetragenen Geigengefidels, zu kalt. Henks Geschichte war, abgesehen davon, daß mir eine vage Verlorenheit in der Schilderung seiner Mutter anzuklingen schien, nicht übermäßig traurig. Im Gegenteil, er hatte Talent, einfache Begebenheiten spannend und witzig zu beschreiben. Und er redete nie zu lange um etwas herum, sondern kam schnell auf den Punkt. Das konnte also ebenfalls nicht der Grund für mein plötzliches Heulen sein. Besonders sexuell erregt war ich ebenfalls nicht, obwohl ich leise und durchaus positiv daran gedacht hatte, was nachher im Bett alles passieren könnte, und mich sicherlich gegen energische Vorstöße in diese Richtung nicht lange gesperrt hätte. Und mein Leben verlief damals recht stabil. Ich arbeitete, viel und gerne und regelmäßig und im große Ganzen sogar erfolgreich, und schaute erwartungsvoll in die nähere Zukunft. Was zu anderen Zeiten leider eher die Ausnahme in meinem Leben darstellt.

Nichtsdestotrotz heulte ich rücksichtslos Henks sämtliche Vorräte an Taschentüchern in Grund und Boden. Es wollte einfach nicht aufhören. Henk verhielt sich großartig. Ich nehme an, eine beharrlich weinende Frau ist für einen Mann in etwa das nervige Äquivalent einer partout nicht in Form zu bringenden Haartracht plus Herpes an der Oberlippe, wenn du am Abend eingeladen bist. Abgesehen von den intellektuellen und moralischen Aspekten, versteht sich. Die meisten Männer suchen früher oder später verzweifelt nach einem schnell wirksamen Mittel, das entsetzliche Getue doch bitte endlich abzustellen. Koste es, was es wolle. Ich kann das niemanden verdenken. Ich reagiere nämlich genauso. Aber die Oberliga spielt natürlich ganz anders. Dort wirst du behutsam aufgefangen und umsorgt. Und darfst sozusagen behütet heulen, wie lange du auch immer weitere Tränen aus dir heraus quetschen kannst.

Die echten Spitzenreiter finden als Surplus am Ende dann noch stets einen winzigen Dreh, ein Wort, eine Geste, irgend etwas Kleines und Unbedeutendes, das dich wieder ans Tageslicht und in die normale Menschheit zurück bringt. Henk auch. Nachdem er lange Zeit sanftmütig und hilfsbereit Packung auf Packung aufgerissen, jedes Taschentuch einzeln und gebrauchsfertig auseinander gefaltet und angereicht und mir dabei so vorsichtig, als könnte ich jederzeit in die Luft gehen, über den Kopf gestreichelt und obendrein jede andere Aufdringlichkeit vermieden hatte, machte Henk mir am Ende einfach etwas zu Essen. Ein solider, guter Gedanke, den ich nur weiter empfehlen kann. Nahrung gleicht deinen durch die Tränenproduktion aus dem Gleichgewicht gebrachten Elektrolythaushalt bestens wieder aus und wirkt, weil du eine Weile intensiv damit beschäftigt bist, zu beißen und zu kauen, unauffällig ablenkend. Bei mir jedenfalls wirkte es. Und als ich mich dann schließlich wieder beruhigt hatte, war ich entschlossen, wie es sich als Belohnung für seine Trösterrolle gehörte, bei Henk zu übernachten. Mit allen Konsequenzen. Und das beileibe nicht nur aus Dankbarkeit, dem meiner Ansicht nach am häufigsten unterschätzten Motiv für sexuelle Handlungen in dieser Welt.

Ich kramte also meine Autoschlüssel heraus und bat Henk mit nur einem hauchzarten Anflug von Verlegenheit, meine Tasche bitte herauf zu holen. Das amüsierte ihn natürlich, und er fragte spitzbübisch grinsend, ob er nicht gleich noch zur Tanke fahren solle, um neue Taschentücher zu kaufen. Er solle sich nicht in Unkosten stürzen, ich würde ab jetzt direkt ins Laken heulen, witzelte ich tapfer zurück. Unkosten würde ihm das nicht bereiten, erwiderte er galant, er könne ja die Packung Kondome, die er vorsorglich für den Abend erstanden habe, kostenneutral gegen eine Palette Taschentücher eintauschen. Ich fing fast an, ihn lieb zu haben für diese Bemerkung. Nein, antwortete ich daher mit diesem überzeugend unschuldigen und schwachen und zugleich verheißungsvoll vielsagenden Lächeln, das du eigentlich nur nach einer solchen Tränenorgie richtig gut hin bekommst, und natürlich nur, wenn jemand dir zuschaut, für den du das unbedingt hin bekommen willst und leider kein anderes Drehbuch zur Hand hast als dieses total abgegriffene aus dem Regal neben dem Telefon, wo immer im letzten Moment der Plot der nächsten Folge durchgegeben wird. Das solle er auf keinen Fall sich wagen, die bräuchten wir bestimmt noch, säuselte ich und kam mir zugleich cool und witzig und munter und beinahe neugeboren vor. Er beeilte sich prompt mit der Tasche und räumte flink auf, während ich mir die von den Tränen übrig gelassenen Reste meiner Schönheit aus dem Gesicht wusch. Wenn du so verheult bist, wie ich das war, hat es keinen Sinn mehr zu versuchen, irgend etwas zu kaschieren.

Es kam dann im Verlauf der Nacht allerdings entgegen meinen Erwartungen zu keinerlei direkt als sexuell zu bezeichnenden Handlungen. Zumindest keinen, an die ich mich nachher präzise erinnern konnte. Ich fing, kaum daß wir nebeneinander im Bett lagen, damit an, Henk aus meiner Kindheit zu erzählen. Vielleicht als Ausgleich für seine Erzählung, oder mehr, weil ich mich ihm nicht nur körperlich nahe fühlen wollte. Die, wie kann es anders sein, leicht verlogen wehmütige Fassung meiner Erinnerungen lenkte mich von der an sich angesagten und durchaus wohl beiderseits angestrebten Erotik vollkommen ab. Ich glaube, bevor ich endlich erschöpft und vermutlich mitten im Satz einschlief, streifte ich ihm sogar mehrfach ein frisches Kondom aus der so geschickt von ihm ins Spiel gebrachten Packung über, um damit die entsprechenden Aktivitäten vorzubereiten. Aber jedes Mal ergab sich die fachgerechte Verwendung des perfekt präparierten Organs nicht so recht und keiner von uns machte nennenswerte Anstalten, das zu ändern. Wir knabberten und fummelten aneinander herum, ohne richtiges Ziel, und trotzdem fühlte ich mich behaglich und begehrt. Noch mehr als das Eindringen in eine dir unbekannte Welt aus Erinnerungen und Gefühlen ist das Öffnen deiner eigenen Innenwelt eine spannende Sache. Es ist ja nicht damit getan, Türen und Fenster aufzureißen und den Anderen aufzufordern: „Komm herein und sieh dich um!“ Du erfindest dich jedes Mal neu, wirst redend, lügend, verschweigend und vieles umdeutend zu einer neuen Person, in dir drin und ebenso für denjenigen, dem gegenüber du dich öffnest. Und fast immer siehst du dabei im Nachhinein das eine oder andere Neue in deinem Leben.

Henks Art, mit mir umzugehen, während ich unaufhörlich in seine Ohren hinein brabbelte, half mir sehr. Er sagte wenig, fragte nur nach, wenn er etwas nicht verstand, und kommentierte kaum, was ich vor ihm ausbreitete. Jedenfalls nicht mit dem Mund. Dafür waren seine Hände doppelt aktiv an mir. Wenn ich etwas eher wenig Vorzeigbares in dafür vorzeigbar selbst-kritisch angehauchte, aber auf keinen Fall zu krasse Farben tünchte, dann kniff er mich oder drückte seine Finger sanft tadelnd in die weicheren Stellen meines Leibes. Gab ich aber mächtig mit etwas an, auf das ich unzerstörbar stolz war, dann bekam ich anerkennende Streicheleien genau dort, wo ich sie liebe, und exakt so intensiv, wie es liebe. Seltsamerweise verlockte mich das aber nicht dazu, nur meine wenigen Schokoladenseiten ihm zu zeigen. Ich glaube, er bekam einen fast realistisch wirkenden Eindruck von mir. So weit ich es ihm gestatten wollte, selbstverständlich. Nur seine Libido bediente ich allerdings nur bedingt, denn sein armer Schwanz war insgesamt gesehen doch einer am Ende leider fruchtlosen Berg- und Talbahn aus Reiz und Enttäuschung ausgesetzt. Wenigstens erhielt er als Trostpflaster eine besondere Aufmerksamkeit in Form des mehrfachen An- und Entkleidens mit frischen Kondomen. Die im übrigen, wie ich Henk naserümpfend noch im Bett mitgeteilt haben soll, diese Tatsache jedoch wieder vergaß und äußerst peinlich berührt war, als er sie mir nach Tagen einmal unter die Nase rieb, weder angenehm rochen noch gut schmeckten. Naseweiß hätte ich ihm geraten, so berichtete er mir später zufrieden breit grinsend, für eine mögliche andere Liebesnacht samt safer Sex besser vorher auf mein geschmackssicheres Urteil in diesem Punkte zurückzugreifen. Es muß also doch in der Nacht zu irgendwelchen Intimitäten gekommen sein. Nur sind sie vollständig aus meinem Gedächtnis verschwunden.

Ganz genau aber erinnere ich mich an den Morgen. Ich war müde, elend, verlegen und ein kleines bisschen in den Mann verliebt, in dessen Bett ich erwachte. Und wollte partout nicht aus diesem Bett heraus und statt dessen lieber einen tollen Morgen eben darin erleben. Obwohl es sich um einen normalen Arbeitstag handelte und ich mir eigentlich nicht einmal erlauben konnte, auch nur einen halben Morgen blau zu machen. Ich hatte das eine Weile viel zu oft getan und mein Fehlstundenkonto arg ausgereizt, wie Henk genau wußte. Daher tat er etwas, das zugleich meiner Stimmung wie auch den Notwendigkeiten meines Arbeitslebens entgegen kam. Es hätte jedoch leicht ins Gegenteil umschlagen können. Er wusch mich und zog mich nämlich an, wie es ein Vater mit seiner trotzköpfigen, verwöhnten Tochter vielleicht machen würde, um sie pünktlich zur Schule zu bringen. Oder eher eine Mutter, denn Väter würden vermutlich niemals so weit gehen, wie Henk das tat und wie ich es nach anfänglichen Problemen damit am Ende richtiggehend genoß. Was einer Sensation gleich kam.

An sich teile ich nie das Bad mit einem fremden Menschen, schon gar nicht mit einem Mann. Ich mag es nicht einmal leiden, wenn mir jemand beim Händewaschen zusieht. Ein Mann muß mir schon sehr, sehr vertraut sein, wenn ich seine Anwesenheit dulde, ertrage oder vielleicht sogar mag, während ich im Bad herum wirtschafte. Und Vertrautheit meint hier nicht das rasch vergängliche Nebeneinander, das aus einer gemeinsamen Nacht im Bett schnell entsteht. Die genauen Kriterien kenne ich nicht, die ein Mensch erfüllen muß, damit er diese Schwelle der Intimität bei mir überschreiten darf. Vielleicht, wenn er einen festen Platz in mir gefunden hat, von dem ihn nichts mehr verjagen kann, was immer auch geschehen wird. Henk war sicher an jenem Morgen noch nicht ganz so weit vorgedrungen, trotz aller Zuneigung und den Ereignissen des Vortages. Das konnte er nicht wissen, daher handelte er aus seiner Sicht vermutlich nicht einmal allzu abenteuerlich. Vielleicht aber nahm er sich gerade mit seiner Handlung jenen Platz in mir, den es gebraucht hätte, damit er sie ohne Befürchtungen in Angriff hätte nehmen können. Mag sein, nur so funktioniert das überhaupt.

Wie auch immer, Henk hob mich sanft, aber ohne Widerstand zu dulden, aus dem Bett heraus, brachte mich trotz meiner Proteste ins Bad und half mir dort oder sah mir dabei zu, wie ich mich murrend, aber letztendlich seinem Druck beugend, für den Alltag fertig machte. Zunächst war ich sauer, aber viel zu schwach, um mich zu wehren. Dann war ich entsetzt, als er mich wie ein Krankenpfleger auf die Toilettenschüssel setzte, und nahe davor, mich nicht nur passiv schmollend ihm zu verweigern. Immer noch aber viel zu verwirrt. Zähneputzen und Waschen tat ich dann schon beinahe mechanisch. Als er endlich vorsichtig begann, mir die Alltagsbekleidung aus meiner Tasche Stück für Stück überzuziehen, genoß ich endlich jeden seiner Griffe wie eine Liebkosung. Obwohl selbstverständlich alle seine Berührungen rein sachlich bedingte Handreichungen bildeten. Ich denke dennoch, daß er sich just in jenem Moment seinen Platz in meinem Herzen eroberte. Während seine Hände mich an den Hüften festhielten, damit ich einen letzten, kontrollierenden Blick auf mein Gesicht im Spiegel werfen konnte, hatte ich das Gefühl, er hielte mich mit diesem Griff mitten in meinem Leben fest. Diese sanfte und dennoch sichere Berührung zweier Hände war wie die Summe alles je Erlernten und Erworbenen, das dich erst zu einem Mitglied jener Welt macht, in der du leben willst. Eine Sekunde lang fühlte ich so etwas wie Glück. Aber natürlich drängte die Zeit.

Kaum fertig angezogen goß er mir schon eilig in der Küche dampfenden Kaffee ein, exakt richtig gezuckert, verfütterte mir eine halbe Scheibe seines überaus delikaten Dinkelbrotes mit einem trüben, zähen Honigaufstrich darauf und verfrachtete mich danach mit unnachgiebiger Konsequenz und ohne erneutes Zähneputzen in meinen Wagen. Ganz so, als wäre ich ein kostbares Paket, das er eilig abzuliefern hätte. In die Stadt hinein fuhr er wie ein junger Gott. Die Ampeln verneigten sich allesamt grün vor Neid und vor ihm und ich war richtiggehend stolz auf ihn und wollte das auch sein. Woher er so genau wußte, welches Parkhaus ich nahm, wenn ich einmal statt mit der Bahn mit dem Wagen zur Arbeit fuhr, war mir unklar. Er wußte es. Und er brachte mich bis zum Eingang des Hauses, wo das Büro, in dem ich arbeitete, schon auf mich wartete. Ich war fast pünktlich. Zumindest ausreichend früh, daß mein Erscheinen den Rahmen der betrieblichen Vereinbarungen zur Gleitzeit nur unwesentlich sprengte. Jetzt gerade fühle ich mich fast wieder so wie an jenem Vormittag. Henk rennt durch das Haus oder ums Haus herum und macht sich aus allem Möglichen ein Gewerbe. Und ich lerne die Kücheneinrichtung auswendig und entscheide, daß es nachher nichts zu essen geben wird. Wir haben nicht genug da und ich keine Lust mehr, etwas vorzubereiten. Ich habe eigentlich jetzt nicht einmal Lust, überhaupt jemand Fremden hier zu empfangen.

Statt dessen denke ich leicht wehmütig angehaucht darüber nach, warum aus Henk und mir nie ein richtiges Liebespaar geworden ist. Eigentlich waren alle Voraussetzungen erfüllt. Sicher sah er nicht gerade aus wie ein Mann, auf den die Frauen fliegen, aber das war noch nie ein Grund für mich, nicht auf einen Mann zu fliegen. Oft half mir dabei ja gerade, daß ich mich heimlich dafür schämte, so leicht auf einen Mann zu fliegen, der exakt danach aussah. Tatsächlich flogen aber die Frauen auf Henk, und oft waren es Frauen, die ich als umwerfend attraktiv ansah. Vielleicht einer der unbewußteren Gründe, warum ich mich ihm gegenüber zurück hielt. Wer verliert schon gerne wieder und wieder? Nicht lange nach dem Abend der eingeschränkt niedlichen Heulboje hatte ich diesbezüglich ein einschlägiges Erlebnis. Wir trafen uns per Zufall auf einer Sommerfeier eines sehr auf seine Exklusivität bedachten Institutes, in dem eine Freundin von mir als bessere Sklavin ausgebeutet wurde. Als Ausgleich durfte ich dort für lau den Sternenhimmel und den warmen Sekt konsumieren, weil ich sie später in meinem Wagen mit nach Hause nehmen sollte. Henk war dort wegen Doris, die einen der Mitarbeiter gut kannte. Sie kannte hier herum überhaupt fast jeden gut, den du gut kennen mußt, wenn du keinen Abend ohne Einladung und nur wenige Nächte allein in deinem eigenen Bett verbringen willst. Und dazu noch ein paar Leute mehr. Ich versuchte gerade, mir von einem Mann mit grauen Schläfen, schlechten Manieren und einer Spur Mundgeruch die Prinzipien des wohltemperierten Klaviers erklären zu lassen, ohne daß er meinen Bauch als exemplarische Klaviatur heran zöge. Nichts wirklich einfaches, wie ich schnell mit bekam. Da geriet Henk an der Seite von Doris - oder sie an seiner Seite oder beide zusammen - in mein Blickfeld. Ein absolut bemerkenswerter Anblick.

Im Prinzip wußte ich ja bereits aus ein paar kurzen Andeutungen Henks von ihr. Wie er zu ihr stand, wie sehr er hinter ihr her war und wie kühl sie ihn behandelte. Und wie toll sie aussah, seinen Schilderungen nach, und wie wütend und eifersüchtig er war, weil sie sich auf nichts Konkretes mit ihm einlassen wollte. Das alles hatte er mir mit der typischen Rücksichtslosigkeit eines nur diffus in dich verliebten Mannes erzählt. Und ich hatte es mir mit der typischen Duldsamkeit einer ebenfalls eher diffus verliebten Frau angehört und mir dennoch jedes noch so unwichtige Detail gemerkt. Bloß den Kern der Sache nie richtig akzeptiert – nämlich daß Henk verzweifelt wie der Bischof hinter der schönen Nonne hinter dieser Doris her war. Hinter ihr, nicht mir! Mich traf er auf einen Kaffee in der Mittagspause oder nahm mich mal irgendwohin mir. Dann lachten wir und machten uns über andere Leute oder die Stadt oder das Leben lustig und er nahm mich in den Arm, wenn wir wieder auseinander gingen. Aber auf dem Zahnfleisch kriechen, das tat er nur wegen dieser Doris und nicht wegen mir. Als ich sie jetzt sah, verstand ich ihn sogar.

Doris ist eine Frau, deren Schönheit nicht in der Perfektion des Details liegt, sondern in der gesamten Komposition. Sie nimmt dich für sie ein, ohne daß du je im Einzelnen sagen könntest, woran das genau liegt. Ihre Haare sind nicht die Glanzvollsten, ihr Gesicht ist nicht das Gleichmäßigste, ihre Brust ist nicht die Formvollendetste und ihre Hüften sind nicht die Geschwungensten. Sogar ihre Beine sind nicht so hübsch wie meine. Sagte Henk jedenfalls einmal. Trotzdem würdest du sofort Stück für Stück deines Aussehen mit ihr tauschen, wenn du sie siehst. Und ihr noch obendrein was drauf legen. Ich glaube, außer Schweinchenrosa gibt es keine Farbe, die ihr nicht stünde. Und selbst dabei habe ich meine Zweifel. Sie kann einfach alles tragen. Wie Mantel, Kostüm, Kleid, Hemd, Jacke, Rock oder Hose geschnitten sind, spielt absolut keine Rolle. Ob ihre Schuhe keinen Absatz haben oder einen, der so hoch wie der Mount Everest ist, auch nicht. Ich vermute, auf einem Foto wirkte sie eher langweilig, fiele zumindest kaum sofort ins Auge. Ihre Schönheit kommt aus ihrer Lebendigkeit heraus, aus nichts sonst. Sie schminkt sich, daß die meisten Männer glauben, sie wäre so auf die Welt gekommen. Und sie bewegt sich, als wäre das sogar wahr. Und nichts, absolut gar nichts davon macht sie irgendwie eingebildet. Dagegen kommst du niemals an. So für den Hausgebrauch kann auch ich schon ein wenig Einfluß auf andere Leute ins Feld führen, aber Doris mobilisiert mit einer Fingerbewegung riesige Heere zur Rechten wie zu Linken. Und wenn sie dazu noch lächelt, sinkt jedermann glückselig vor sich hin lächelnd vor ihr auf die Knie und betet Rosenkränze oder etwas in der Art.

Mit anderen Worten: ich war auf Anhieb überzeugt davon, daß sie gegen mich immer und überall mit Links gewinnen könnte. Henk am Arm dieser Frau zu sehen, war daher schon eine gewaltige Prüfung für Mensch und Material. Und natürlich fiel ich krachend durch! Henk erkannte mich auf der Stelle und steuerte sich sowie seine Begleiterin direkt in meine Richtung. Ich ahnte, was kommen würde, versuchte mich dagegen abzuhärten und zuckte doch zusammen, als Doris offen lächelnd das unvermeidliche „Du bist also Susanne“ heraus kramte. Ich wurde gegen meinen Willen klein, fies und gemein, wie sollte ich auch anders. Mit meiner süßesten Beerdigungs-Unternehmers-Gehilfinnen-Stimme flötete ich zurück: „Und du mußt Helga sein.“ Die Welt blieb nicht gerade stehen, aber ich wäre sehr gerne ob meiner kleinlichen Dummheit in einer ihrer Falten verschwunden. Henk dagegen hätte mich am liebsten gegen mein Schienenbein getreten. Doris lachte nur hell auf wie der junge Tag. Wir wußten beide, was Sache war, und daß ich extrem wenig Chancen hatte, bei ihr viel Land zu sehen. Und erst recht bei Henk. Also korrigierte sie mich lediglich mit einem knappen und fast schon nicht mehr an mir interessierten „Doris“ und steuerte bereits in Gedanken andere, bei weitem interessantere und weniger erbärmlich unbedeutende Gäste an. Danach war ich tatsächlich ein paar Sekunden lang versucht, dem mit offenem Mund zugehört habenden Musikerhansel neben mir Chancen bei mir einzuräumen. Glücklicherweise schaltete ich schnell genug auf stur, als dieser die Gunst meiner Verwirrung nutzend nun tatsächlich meinen Bauch zur Demonstration seiner langweiligen Theorien über diverser Harmonien oder Akkorde und ähnlichen Kokolores heran zog. Sein Mundgeruch war dafür einfach zu penetrant.

Trösten – obwohl ich jeden ermordet hätte, der dieses Wort auf das anzuwenden gewagt hätte, was ich nach meiner Begegnung der vierten Art mit Doris dringend brauchte – trösten tat mich dann Henk gar selbst, als er viel später mit mir in einer stillen Ecke des Institutsgartens wild herum knutschte. Richtig knutschte! Nicht nur so ein Alibigetue, sondern das komplette Programm, mit den Fingern genau da, wo sie dabei hingehören und mit langen Küssen und teuflisch netten Worten und allem Theaterdonner, den das Herz begehrt. Zuvor aber hatte ich einen heftigen Streit mit einer im Institut fest angestellten und schon deswegen blitzgescheiten Dame über die Arbeitsbedingungen vor Ort. Genauer über das Verhältnis der Arbeitszeiten der wie sie fest angestellten Mitarbeiter zu denen der nicht fest angestellten – wie etwa meine Freundin. Der Streit eskalierte schnell, vor allem wohl meinetwegen. Ich peppte nämlich meine nur mangelhaft ausgewiesene Position durch einen Vorsprung darin auf, Tages- und Wochenarbeitszeiten zu monatliche Stundenzahlen schneller und genauer als sie umrechnen zu können. Im Eifer, mich auf meinen Gebiet dumm dastehen zu lassen, verplapperte sie sich an einer wichtigen Stelle und hielt mir triumphierend die Zahl von achtundvierzig Stunden Arbeitszeit im Monat, die sie weiß der Himmel wie und woher errechnet hatte, meinen achtunddreißig Stunden Wochenarbeitszeit entgegen. Die einmalige Gelegenheit zu einer kühlen und knappen Richtigstellung ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Sie sah aus, als würde sie mir am liebsten umgehend die Bastonade verabreichen lassen. Unsere drei anfänglichen Mitstreiter, die unter der Wucht meines für sie sicherlich nur schwer nachzuvollziehenden Zorns sich allmählich zu unbeteiligten Zuschauern gewandelt hatten, quittierten das mit einem milden, aber vermutlich mit dem Nachhall vieler anderer Streits mit dieser Dame aufgeladenen Lachen. Und ich ignorierte im Folgenden halsstarrig alle eher qualitativen Gesichtspunkte wie etwa den, ob eine Stunde Lehrverpflichtung mit einer Stunde Forschungstätigkeit - oder wie immer das freie Dösen am Vormittag oder am Nachmittag oder in den Abendstunden sich nennt - vergleichbar seien. Was mir, begleitet von einem Heben ihrer einen Augenbraue bis in den Olymp hinauf, die scharfe Zwischenfrage der zu diesem Zeitpunkt bereits bis aufs Blut gereizten Dame einbrachte, von welcher Fakultät ich denn wäre. Ihre Worte klangen zum Verwechseln ähnlich dem in anderen Kreisen erheblich beliebteren „Wo kommen Sie denn her?“ Ich war schon fast so weit, nach Hause zu fahren, um dort als Übersprunghandlung den Hund zu quälen, mußte aber zähneknirschend noch bleiben, weil ja meine Freundin auf mich als Mitfahrgelegenheit zurück greifen wollte. Was sie am Ende dann gar nicht tat, sondern überraschend mit einem ihrer Kollegen die weitere Gestaltung der Nacht in Angriff nahm.

Meine Laune bewegte sich daher am unteren Ende des unteren Bereiches, als Henk mich wie aus heiterem Himmel wortlos am Arm nahm und durch die Reihe frisch gepflanzter Rhododendren hindurch zog. Sie sollte den Institutsgarten seitlich gegen eine gerade neu hochgezogene Sozialbausiedlung abschirmen, in die bald die ersten Bewohner einziehen würden, welchen man keine zu großzügigen Einblicke in das emsige Wissenschaftsgeschehen im Garten zubilligen wollte. Henk hatte richtig Schwung und fiel über mich her, als wollte er mich gleich an Ort und Stelle unter den ekelig fleischigen Blättern auf dem Torf vernaschen. Ich war sprachlos, natürlich vor allem, weil er meine Lippen mit seinen Küssen verschloß. Aber auch aus tausend anderen Gründe, die mir alle verbaten, etwas dagegen zu unternehmen, was er gerade tat. Eine halbhohe, zwei Hände breite Mauer verlief auf einem Gutteil der Länge der Grenze, und Henk setzte mich nach den einleitenden Küssen kraftvoll und ohne ein Wort zu sagen dort oben hin. Schwang sich daneben und riskierte mutig unseren möglichen Absturz, weil er wie ein Wilder dahinter her war, seine eine Hand in meine Jeans und die andere von hinten um dem Rücken herum in meine Bluse zu schieben. Es dauerte, bis seine Anstrengungen ein wenig erlahmten, und dann tat es mir fast Leid, daß das so war.

Selbstverständlich hatte Doris ihn wieder einmal abblitzen lassen, gestand er mir, nachdem die erste Hitze abgeflaut war. Ich hatte mir das schon gedacht. Der Nachteil einer semi-erotischen Beziehung zu einem Mann - die landläufig gerne als gute Freundschaft verkauft wird - besteht darin, daß er ganz hemmungslos und ohne jedes schlechte Gewissen deinen Körper benutzt, wie seine Launen es jeweils verlangen. Weil er das stets tut, ohne ihn, äh bäh, für seine Lust zu benutzen. Was dich für die Dreistigkeit des Übergriffs auf deinen Leib entschädigen könnte, ihm aber wiederum ein zu schlechtes Gewissen ein impfte. Zu allem Überfluß drängt er dir seine erotischen Probleme mit anderen Frauen, in die er glaubt verliebt zu sein, so rücksichtslos auf, als hättest du in der späten Eisenzeit deine letzten gleichartigen Erlebnisse gehabt. Ich vermute, würdest du eines schnuckeligen Abends ihm seelenruhig seinen Penis aus der Hose holen und angesichts seines Stolzes dich lang und breit über deine Probleme mit einem gleichartigen Organ auslassen, welches allerdings ein paar Kilometer weiter zwischen zwei ganz anderen Beinen herum baumelte, dann wäre die Hölle los. Aber an deiner Brust oder sogar in deinem Schoß Trost und Schutz gegen eine andere Frau und ihre Bösartigkeiten zu suchen, das hält noch jeder Mann für sein ur-ur-eigenstes Recht. Viele glauben sogar, dir damit einen wunderbaren Beweis ihrer Zuneigung zu schenken. Oder, und das ist dann das absolut Schlimmste, dir damit zu zeigen, daß und wie sehr ihre Zuneigung zu dir eben nicht durch gemeinen Sex verschmutzt sei. Was zu allem Überfluß auch noch stets zu einem Zeitpunkt des Tages geschehen zu müssen scheint, an dem du gegen ein wenig Verschmutzung seiner Zuneigung gar nicht viel einzuwenden hättest.

Henk druckste nicht lange herum und erzählte mir fast im Stil eines Jugendlichen aus dem Fernsehen, wie und daß seine angebetete Doris die Gesellschaft einiger Studenten und Dozenten ihres Fachbereichs der Zweisamkeit mit ihm vorgezogen habe. Offen und vor allen Leuten habe sie ihm zu verstehen gegeben, daß sie lieber mit den Anderen noch auf eine kleine Feier irgendwohin ziehen wolle, als sich mit ihm in seine kleine Wohnung zurück zu ziehen. Ob er denn so dumm gewesen sei, das von ihr zu fordern, fragte ich sofort. Er nickte und schämte sich gebührend und sah aus wie ein Kind, das sein neuestes Spielzeug gerade kaputt gemacht habe. In solchen Momenten könne er einfach nicht denken und wäre immer total ungeschickt. Das sagte er, während seine Finger mir weiter unten gerade das genaue Gegenteil bewiesen. Er solle jetzt mal aufhören mit dem Fummeln, forderte ich ihn leicht gekränkt und nicht zum ersten Male auf. Sein halb automatisch erfolgendes Drängen ließ daraufhin tatsächlich etwas nach. Wie ich sie denn fände, wollte er dann wissen. Das ist ein wirklich schönes Thema für ein Pärchen im Mondschein: wie sie eine andere, abwesende Schönheit 'findet'! Die möglichen Folgerungen dieses Themas werden eigentlich nur dadurch in ihrer Brisanz eingedämmt, daß der Fragende diese Frage meistens in einem Zustand fortgeschrittener geistiger Verwirrung stellt, und daher auch mit fast jeder dämlichen Lüge abgespeist werden kann, die der Gefragten einfällt, um ihre wahren Gefühle und Ansichten zu kaschieren.

Toll, sagte ich mit echt falscher Begeisterung, und zog mir bei dem Versuch, Henks Hand aus meiner Bluse heraus zu fischen, gleich selbst die rechte Brust schmerzhaft weit mit heraus. Aua, machte ich mit in diesem Falle absolut begründeter Wut und wurde eine Weile sanft getröstet. Ganze drei oder vier Sekunden lang! Dann wiederholte er vor Neugier platzend meine äußerst differenzierte Qualifizierung: Toll! Meinst du ehrlich? Beim ihm klang das selbstverständlich ganz anders. Ich habe schon oft überlegt, wie und ob du in einer solchen Situation überhaupt eine Chance hast, auf den Fragenden einzuwirken. Offensichtliche Lügen wie, sie hätte krumme Beine oder sei dumm wie Bohnenstroh, fallen als leicht durchschaubare, gemeine Sticheleien sofort unter den Tisch. Offensichtliche Wahrheiten wie, sie sei dir so willkommen wie deine Schwester samt lärmender Kinderschar morgens um sechs Uhr vor deiner Tür, wenn du einen Kater hast, oder gar, sie schaue sich eben immer noch um, ob sich nicht etwas Besseres fände, führen zu echtem Ärger oder werden bestenfalls ignoriert. Differenziertere Aussagen wie, sie wüßte um die Bedeutung von eigenständigen, informellen Kontakten auch und gerade im Studium und er solle sich dreimal überlegen, ob er sie daran hindern und aus ihr ein Heimchen machen wolle, dringen niemals durch die Mauer aus Simplizität, die Verliebtheit in der Regel rund ums Großhirn herum errichtet. Eigentlich ist es, der festen Überzeugung bin ich, absolut gleichgültig, was du sagst. Einen nennenswerten Effekt wirst du nie damit erzielen. Was natürlich das ganze Konstrukt der Bedeutung einer vorgeblich platonischen Freundschaft ad absurdum führt, jedenfalls soweit es sich auf Dinge wie die Besserung der Beteiligten durch ein gegenseitiges Befruchten, Helfen, Kritisieren und Unterstützen bezieht. Im Übrigen übersetze ich mir platonisch im Zusammenhang mit einer Freundschaft wie der zu Henk inzwischen stets mit 'keiner, seltener oder schlechter Sex'. Unserer an diesem Abend unter freiem Himmel war unzweifelhaft von der schlechteren Sorte.

Ganz nett war lediglich, daß ich mich, nachdem ich seine Finger an allen Fronten zum Rückzug veranlaßt hatte, lang auf der Mauerkrone ausstrecken und meinen Kopf in seinen Schoß legen konnte. Das war bequem, und Henk ist ein Meister darin, gleichzeitig meine Haare zu streicheln und intellektuell beinahe wertvolle Themen abzuhandeln. Er verfängt sich dabei nie ungeschickt in meinen diversen Strähnen oder in Widersprüche und redet auch nie banal belehrend daher, als käme ich aus dem Mustopf. Sein Thema war Doris, das verstand sich von selbst, aber in der hübschen Variante, daß er mehr darüber sprach, wie er sich ihr gegenüber verhielte, als wie sie sei. Er sah das Dumme seines Handelns durchaus präzise, aber gerade darin schien er seine überbordende Zuneigung zu ihr jenseits allen Verstandes spontan und grandios ausdrücken zu wollen. Im Grunde tat er mit schnell Leid. Alle seine komplizierten Gedanken waren nichts anderes als Versuche, die Grundtatsache, daß er sie sich heute hatte schnappen und mit nach Hause nehmen wollen und damit bei ihr auf Granit gebissen hatte, Ego-verträglich zu bemänteln. Was er dann nach einer Weile tatsächlich auch offen zugab und dabei sehr traurig wirkte, womit er mich fast mehr tröstete als mit seinem beharrlichen Streicheln. Denn das machte mich eher müde. Mein Tag war lang gewesen und verlief für mich wohl ebenfalls nicht ganz so Ego-verträglich, wie ich es mir hin und wieder im Verlauf des Abends gewünscht hatte.

Ähnliches kann mir heute ebenso passieren, denke ich, als ich aus diesen Erinnerungen wieder in die Gegenwart zurück kehre. Henk hat die Terrasse sehr schön her gerichtet. Es wird spannend sein, die Sitzordnung sich später entwickeln zu sehen. Ich brauche solche simplen Dinge, um mich abzulenken, wenn ich wegen etwas unsicher und nervös bin. Was ich jetzt zweifelsohne bin. Daß Henk so tut, als würde er sich als mir gleichwertiger Gastgeber fühlen, tut mir gut. Ein Anderer hätte vielleicht darauf bestanden, die feine Differenz mit Gesten oder Worten zu betonen, die darin liegt, daß ich die Einladung ausgesprochen habe, ohne ihn vorher zu fragen. So etwas macht Henk aber nicht, was ein weiterer Grund wäre, ihn zu lieben. Es ist verrückt, aber seit ich weiß, daß ich das nicht kann, sammele ich Grund auf Grund, es doch zu tun. Vielleicht will ich mich dazu überreden, denke ich. Oder er ist wieder einmal dabei, mich ohne daß ich es bemerke, zu etwas zu verführen, das ich eigentlich nicht will. Das kann er gut. Vor allem, wenn er das nicht bewußt tut. Am besten, auch ich lasse jetzt einfach alles geschehen und auf mich zukommen. Was soll schon passieren? Henk und Bernard werden sich belauern, wie ich das damals und zu anderen Gelegenheiten mit Doris auch tat. Und heraus kommen wird ebenfalls kaum etwas anderes. Irgendwelche bösen Überraschungen stehen uns nicht ins Haus, also sollte ich mich beruhigen. Ein wenig hilft diese Überlegung. Ein Übriges tut, daß die Sonne jetzt richtig heiß vom Himmel herunter scheint, so daß wir vermutlich ohnehin alle viel zu matt sein werden, um ein Feuerwerk an Aufregungen zu vertragen. Ich jedenfalls lege mich auf die Bank vor der Küche, stopfe mir eines der dicken Kissen in den Rücken und lasse meinen Bauch von der Sonne aufheizen. Mal sehen, was passiert. Der Himmel wird mir schon nicht auf den Kopf fallen.

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Dienstag, November 03, 2009

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Apfel's Rache/singing

Ich war mal, wo die wilden Kerle sind.
Bot mein Brust für ihre Lust.
War weiße Schenkel, weicher Bauch.
Und lachte auch!

Ich war mal, wo das Licht nie endet.
Nur Elfenklang den Tag entlang.
Das eine heller noch als alle ander'n.
Da wollt ich wandern!

Ich war mal, wo die Perlen platzen.
Gewicht aus Fleisch auf Tatzen.
Man brummte und ich summte mit.
Ich hielt fast Schritt!

Ich war mal, wo die Wellen brechen.
Ich rollte mich, man wollte mich.
Ich lebte jede Stunde wie die letzte.
Und wie ich hetzte!

Warum darf ich nicht weinen,
weil die Welt nicht hält,
was ihre Strahlen in den Himmel malen?

Warum darf ich nicht sein,
wo jeder ist, der jeder ist,
und niemals weniger als nie allein?

Ich war mal, wo das Lachen war.
Und jedes Staubkorn wunderbar.

Warum bin ich gegangen? Stumm?
Ich weiß es nicht. Wie dumm!

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Das traurige Mädchen/singing

Ich wäre so gern bunt!
Dann würden ihre Lippen zucken,
die braunen Augen bögen sich
entlang der Nasenspitze,
wo ein kleiner, roter Spritzer
frech aus Weiß aufschaut.

Ich wäre auch gern laut!
Dann würden ihr Ohren horchen,
die klugen Augen schauten zu,
was ich zu rufen hätte,
mitten in den Lärm der Worte,
Gischt in ihrem Haar.

Ich wäre ihr gern nah!
Dann würden ihre Finger fliegen,
die sanften Augen glitten an
den Händen hin, mit denen
ich auf ihren Wangen riebe,
daß ihr Blut sich freut.

Wie es mich reut,
das eine nicht
und nicht das andere
zu sein.

Jeder ihrer Tage
stirbt allein.

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Montag, November 02, 2009

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Odysee nach Feierabend/singing

Der Tulpenmann
hat seine Stulpen
unter die Hacken
eingeklappt,
aus seinem Stiefel
schwappt
der messerscharfe
Regen.

Der Brotbefeuchter
leuchtet
in den Ofen
mit der Lampe
tief hinein.
Im Teig
gärt Furcht.
Der Linguist erzählt,
korrekt,
doch keiner
hört ihm zu.

Die Frau am Nebentisch
heißt Miriam,
ein herzensguter Mensch,
sie trägt verbissen ihre
Stiefel ein, die sie
ganz unwiderstehlich
machen.

Gleich vorn am Eingang
sitzt ein Mensch,
der Steffen heißt,
harmlos, sei denn,
man läßt ihn nicht
in seiner Welt,
dort tötet er
die Gegner
stumm im Geiste.
Die Drogerie
liegt gegenüber,
macht sicherlich
in Kürze zu,
das Mädchen
an der Kasse,
hübsch,
es findet sich
ganz sicher einer,
und sie will,
sie würde gerne.

Das Streichholzwunder
an der Theke
trinkt nur Tee,
das erste Bier
verfällt.
Am Tresen tut
das Knie mir weh.
Der Arbeiter
bewacht sein Glas,
zählt Stunden,
lächelt auch,
um seinen Arm
ein Tuch gebunden,
und unten dran
ein strammer Bauch
voll Wunden.

Im Handyshop
ist Anzugzwang,
das sieht seriöser aus,
der Kundenstamm
trägt Wintertracht,
er schwitzt
im Sommer bös,
im Frühjahr sind
Tarife.
Ein Teufel kreist
um den Altar,
es dröhnt
die Hupe seiner Macht
durchs Kirchenschiff,
der Glaube leiht ihm
Kerosin für seinen
Unheilsgleiter.

Ich hatte meine Liebe hier,
suchte nach Platz
zu stehen,
fiel die Treppe
hoch zur Kanzel,
wo herunter sah
ein strenger Blick,
Gebet
spendet mir Gnade,
Vergebung gibt
der Gottesdienst.

Ich will nicht
jede Woche
sterben.

Ich häufe
nähere Bestimmungen
auf vage Sehnsucht hin,
verschraube
meine Ängste
mit dem Glück.
Kein Tropenhelm
hilft gegen Sturm.

Das Ganze ist
kaum nur ein Stück.
Das Waldhorn
schlägt die Orgel.

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Sonntag, November 01, 2009

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One Night Stand/singing



Komm, laß uns spielen, Sohn.
Du lachst und ich bin glücklich.
Ich küsse jeden Spann
auf deinen Füßen
beuge mich für dich
der Nacken weiß und zart.

Komm, laß uns träumen, Sohn.
Du zeigst und ich kann sehen.
Ich schildere die Welt
mit meinen Worten
spreize mich für dich
die Stirn ist bleich und hart.

Komm, laß uns tanzen, Sohn.
Du führst und ich bin biegsam.
Ich folge deiner Spur
durch alle Räume
schmiege mich an dich
die Kehle straff gespannt.

Komm, laß uns lieben, Sohn.
Du drängst und ich bin willig.
Ich nehme deinen Saft
aus deiner Mitte
winde mich für dich
die Glieder heiß bewehrt.

Komm in mein Zelt, du Fremder.
Ich sterbe, wenn du gehst.

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Steilküste #8/talking

zurück zu #7

Ich wache langsam und zäh in den Tag hinein auf, als müßte ich mich aus einem tiefen See aus klebrigem Teer hervor arbeiten. Das strengt an, weil es Nachdenken erfordert. Mein Geist aber möchte nicht nachdenken. Ich bin viel zu sehr angefüllt mit der weichen Hilflosigkeit eines schlechten Gewissens und den schwammigen Residuen der Zufriedenheit eines Körpers, der sich um keine Schuld scheren will und trotzdem davon kontaminiert wurde. Meine Gelenke und Muskeln schmerzen. Ich habe Durst und mir ist zu heiß. Meine Haut spannt sich straff über meine Knochen wie brüchiges Pergament, das jeden Moment aufreißen könnte.... (mehr) Im Magen scheint sich ein harter Knoten zusammen gezogen zu haben, der in rasch aufeinander folgenden Wellen einen beißend scharfen Geschmack nach Verdorbenem die Speiseröhre hinauf schickt. Mein trockener Mund arbeitet erfolglos daran, ihn postwendend wieder herunter zu schlucken. Bewegen kann mich kaum. Und weiter unten herum brennt mein Leib, als straften ihn die harten Steine einer alten Kirchenmauer noch nachträglich für mein nächtliches Treiben ab. Mühselig finden meine Gedanken zurück in die Gegenwart. Die erste bewusste Empfindung ist eine tiefe Niedergeschlagenheit, weil offenbar niemand da ist, der mich tröstet, wie ich getröstet werden will, wenn ich an einem viel zu warmen Morgen mit bleiernen Gedanken aufwache. Und dann meldet sich mit einem Schlag eine schrille Empörung, als meine endlich aufgewachten Sinne mir signalisieren, was der Mann in meinem Rücken, der an sich für das Trösten verantwortlich wäre, statt dessen macht.

Er hält meine Handgelenke mit einer Hand umklammert und preßt sie vor mir fest gegen das Bettlaken. Die Bettdecke hat er zurück geschlagen, um mich offen Wind und Wetter auszusetzen. Meinen Oberkörper zieht er mit Hilfe seines Griffes nach vorne, so daß er sich zur berüchtigten Löffelchenstellung dicht an mich hat heran robben können. Eine Position, die er im Begriff ist, mit Hilfe der ebenso berüchtigten Morgenlatte dreist und im wahrsten Sinne des Wortes hinterrücks auszunutzen. Zugleich versetzt er meinem Gesäß mit der flachen Hand auffordernde und durchaus schmerzhafte Hiebe. Nicht behutsam wie ein besorgter Liebhaber, der seiner Geliebten den Takt seines Körpers zukommen lassen will. Viel eher wie ein strenger Vater aus den Zeiten Pestalozzis, dem Worte nicht genügen, um seinem ungezogenen Kind das richtige Betragen beizubringen. Und wie ein solches Kind finde ich nicht die Kraft, mich dagegen zur Wehr zu setzen. Ich kann nicht einmal laut protestieren. Richtig weh tut er mir ja nicht. Jedenfalls nicht körperlich. Mit etwas gutem Willen könnte ich seine Hiebe als leicht übertrieben ausfallende Ermunterungen im Zuge einer etwas härteren Gangart beim morgendlichen Familiensex nehmen. Fast tue ich das auch. Verwandele schon aus reiner Mattigkeit meine Empörung halb in eine bereitwillige Erleichterung, die sich rasch mit meiner heimlichen Scham zu einer schafsähnlichen Duldsamkeit verschwistert. Aber sein Leib drängt zu rücksichtslos gegen mich vor. Und seine Hand klatscht zu mechanisch auf mein Fleisch, als daß dieser Ausweg nachhaltig funktionieren könnte. Allmählich kehrt eine schwache Version trotzigen Behauptungswillens in mein Fühlen ein. Was zumindest meine Stimmbänder aus dem lähmenden Bann befreit, der meine Glieder weiterhin daran hindert, mich ihm zu entziehen.

„Hör auf,“ bringt meine Zunge schwach hervor. Das klingt viel zu sehr nach einer jämmerlichen Bitte, was mich erzürnt und meine Stimme auf der Stelle gewaltig kräftig. „Bist du verrückt geworden?“ fahre ich ihn giftig an. Sofort rutscht er aus mir heraus, läßt meine Hände los, stellt das widerliche Schlagen ein und rückt ein Stück von mir ab. Bewegen kann ich mich aber immer noch nicht richtig. Lediglich meine Hände demonstrativ auf meinen Hintern legen, um das leise Brennen darin zu lindern. Henk murmelt etwas auf Holländisch. Es hört sich nicht nach einer ehrlichen Entschuldigung an. Der zusätzliche Zorn darüber entriegelt endlich die Muskeln meiner Beine und ich trete heftig nach hinten aus. Und treffe Henk da, wo es ihm derbe weh tun dürfte. Über den kaum unterdrückten Schmerzensschrei, den er prompt ausstößt, empfinde ich eine wilde Befriedigung und bleibe für ein paar Sekunden reglos liegen. Ich schwanke noch. Will eigentlich aufspringen und irgend etwas Entschiedenes tun. Wie weglaufen oder mich anziehen oder wenigstens vorwurfsvoll aus dem Fenster schauen. Doch der seltsame, meiner Mattigkeit sehr gelegen kommende Wunsch, ihn durch reines Stillhalten ins Unrecht zu setzen, verbietet mir jede größere Aktion. Das Schwein hat mich im Schlaf gefickt und verprügelt, denke ich, reichlich theatralisch und leicht übertrieben, als wäre dieser in unserer Situation eher zweischneidige moralische Vorwurf eine Waffe, die er mir überraschend überlassen hat, ohne daß ich genau weiß, ob und wie ich sie verwenden soll. In welchem Kampf, weiß ich obendrein auch nicht.

Zumindest er hat frische Kräfte gesammelt. Ohne jede Gegenwehr lasse ich zu, daß er einen Arm unter mich schiebt, mich mit dem anderen umfaßt und dann wieder eng an sich zieht. Das tut viel zu gut, als daß mein Leib nicht sofort weich wird. Auch wenn meine Gedanken in mir noch krachend Achterbahn fahren. Mich in ein solches System aus Strafe und Belohnung, aus Ungeschicklichkeit und Verzeihung, aus Härte und Milde einbinden zu lassen, ist das Letzte, was ich will. Es mag zu modernen oder angesagten oder was weiß ich für Beziehungen dazugehören wie der Keller zu einem Haus. Aber dort unten will ich nicht einmal nach dem Wein für die Gäste suchen müssen. Selbst wenn ich mich schuldig fühle und es beinahe als gerecht empfinde, das Henk wütend auf mich ist. Denn schließlich war ich es ja, die ihn derart aus der Bahn geworfen hat. Er streichelt mich und flüstert ausdauernd erschrockene Entschuldigungen in mein Ohr. Ich höre hin und registriere beinahe sachlich die Zärtlichkeiten, mit denen er mich überhäuft. Ungeschehen macht das nichts. Alles, was Menschen mit ihrem Tun zu erreichen versuchen, enthält stets genug von dem, was es braucht, daß ihnen am Ende nichts davon gelingt. Selbst wenn sie ihren Zielen zuvor schon sehr nahe kamen.

Ich bin jetzt tatsächlich kurz davor, mich träge in Henks Berührungen hinein zu legen und mich von seinen Worten besänftigen zu lassen. Das wäre so verlockend einfach und schön bequem. Der Rest von Scham und Wut, der in mir brodelt, hilft mir zum Glück, darauf nicht herein zu fallen. Und die Ahnung, wie sehr er mich schon besitzt, sticht so bösartig wie ein abfälliges Urteil über dich, das du heimlich belauscht hast, in meinen Verstand hinein. Ein plötzlicher Abscheu vor den Berührungen seiner Hände kommt hinzu.Wortlos strampele ich mich frei und verschwinde hastig wie auf der Flucht vor ihm ins Bad. Sauberkeit ist immer eine willkommene Rettung, und nach der greife ich jetzt. Unter der heißen Dusche fange ich schnell wieder an, klarer zu denken. Es braucht trotzdem beinahe so viel Wasser, wie das Meer unten an der Steilküste kaum fassen dürfte, damit ich alles von meiner Haut abwaschen kann, was wie ein zäher, schmieriger Brei meine Überlegungen behindert. Meine Gedanken brauchen dringend die simple Klarheit eines reinen Körpers. Auf sich allein gestellt schaffen sie gar nichts. Wie neugeboren flitze ich zurück ins Schlafzimmer und ziehe mich eilig an, ohne Henk zu beachten. Er liegt noch im Bett und guckt zu mir hin, das spüre ich, und es stört mich gewaltig. Mit jedem Kleidungsstück, das ich überstreife, fühle ich mich jedoch sicherer. Dann endlich wieder vollständig gerüstet stürze ich in die Küche und mache uns Frühstück. So weit reicht meine Distanzierung nicht, daß ich im Haushalt nicht doch wie am Schnürchen funktionierte. Ich lache selbst über mich. Schon fast halbwegs guter Laune arbeite ich vor mich hin, während Henk nun seinerseits das Bad aufsucht. Mag sein, auch er braucht ganz dringend eine gründliche Säuberung.

Besteck und Geschirr auf dem Tisch zu verteilen, Kaffeewasser aufzusetzen, ein paar Brötchen in den Ofen zu schieben und aus dem Kühlschrank heraus zu suchen, was er und ich morgens gerne so alles wegputzen, gefällt mir. Es bringt Normalität in mein Empfinden. Nicht komplett, dazu ist zu viel zwischen uns und auch außerhalb von uns geschehen. Aber ich gewinne ein wenig Ruhe und Übersicht. Das macht meine Bewegungen flüssiger und mein Atmen regelmäßiger. Nur fange ich natürlich jetzt an, mich in Grund und Boden zu schämen. So ist es immer. Die Opfer sind am Ende übel mit dem Dreck beschmiert und stehen schlecht da. Zugestanden. Aber bloß Opfer bin ich nicht. Der Abend gestern lief aus dem Ruder. An dem ich stand und niemand sonst. Henk half dabei, aber mit vorgehaltener Pistole hat er mich nicht zwingen müssen, wie ein Schulmädchen zu agieren, daß über die Strenge haut, weil der Himmel einmal nicht voller Geigen hängt. Und jetzt habe ich einen Mann am Hals, der nicht mehr genau weiß, was er morgens im Bett mit seiner Frau tun darf und was nicht. Was sicherlich verwerflich ist, aber was soll mir dieses hochmütige Urteil über sein Handeln nützen? Außerdem habe ich, wie mir zu meinem panischen Schrecken als nächstes einfällt, den Anlaß dieser Unziemlichkeit sogar hierher eingeladen. Ein Gedanke, der erst meinen Kopf vor Peinlichkeit glühen läßt und danach dummerweise ein paar absolut unpassende Gefühle äußerst mehrdeutiger Sehnsucht in meinen Bauch hinein zaubert. Mein Körper spielt mal wieder das enfant terrible. Vielleicht allein schon deswegen, weil die gebräuchliche Bezeichnung dafür sprachlich so gut in diese Landschaft hier paßt. Die ich auf einmal gar nicht mehr leiden kann. Am liebsten würde ich auf der Stelle meine Sachen packen und nach Hause fliehen. Eine verlockende Idee. Hier bin ich doch nur hilflos und auf mich allein gestellt. Und dort könnte ich mich ins Bett legen und krank tun. Was ich, eine kurze Bestandsaufnahme meiner Körperzellen beweist es, bestimmt bin. Ich brauche jetzt Menschen, die mich mit heißem Kamillentee und gluckenhafter Besorgnis wieder aufpäppeln, statt mitten im Feindesland von Gott und der Welt verlassen Kaffee kochen und Brötchen aufbacken zu müssen.

Draußen ist es fast Mittag. Die tausend kurzen Schatten überall vermögen die Welt kaum so sehr zu verdüstern, wie es meiner Laune entspräche. Alles sieht viel zu hell und hassenswert munter aus. Sogar die See betupft emsig die unzähligen Wellenkämme mit weißen Schaumkronen, als machte sie sich über mich lustig. Jemand sollte dicke Regenwolken vom Atlantik herüber holen und den Tag damit so richtig düster eintrüben. Das entspräche meinen Aussichten, und vielleicht kämen dann die so leichtsinnig Eingeladenen mangels Sonne gar nicht erst zu uns heraus. Aber wie immer, wenn du das Wetter tatsächlich einmal brauchst, läßt es dich im Stich. Es bleibt so strahlend schön, daß ich laut heulen könnte vor Wut. Meine Hände zittern heftig, als ich kochendes Wasser in den wacklig auf der Kanne hockenden Filter schütte, und einige brühend heiße Tropfen verirren sich auf meine Finger. Ich zucke zusammen und kippe um ein Haar die ganze Geschichte samt des heißen Kaffeemehls um. Beim hektischen Wegwischen der Spuren meines Malheurs stoße ich nochmals gegen die Kanne und kann sie im letzten Moment so gerade noch festhalten. Und verteile an tausend schwer zugänglichen Stellen widerliche braune Spritzer, die ich anschließend nur mit Hilfe diverser Verrenkungen und Turnübungen wieder beseitigen kann. Weswegen ich dann die Brötchen zu spät aus dem Backofen hole. Sie riechen angebrannt und weisen ein paar schwarze Stellen auf, die gefährlich nach Krebs erregenden Substanzen aussehen. Recht geschieht ihm, denke ich rachsüchtig, soll er meinethalben Asche fressen. Bin aber schon dabei, die schwarze Kruste mit einem Messer sorgfältig abzukratzen, damit ja niemand zu Schaden kommt. Und lege sogar noch Servietten neben die Teller. Es soll alles schön aussehen, damit ich gelobt werde nachher. Ich bin doof, sage ich mir und niemand widerspricht. Vor dem Fenster winken die ausländischen Gräser hämisch zu mir herüber. Auch sie finden mich doof. Geschieht mir Recht, denkt es in mir.

Henk kommt wortlos herein und läßt sich schwer wie ein braver Mann, der bald zur Arbeit gehen wird, am Tisch nieder. Blanke Rechtschaffenheit strahlt mir aus jeder seiner Bewegungen entgegen. Das ärgert mich, und trotzdem schenke ich ihm ungefragt Kaffee ein und halte ihm den Korb mit den warmen Brötchen hin. Ich bin ganz gewißlich nicht nur doof, sondern auch vollkommen rückgratlos, unerträglich kriecherisch und zum Himmel schreiend unselbstständig. Er nickt kurz und nimmt sich eines. Riecht daran, öffnet den Mund, als wollte er mich wegen meines hausfraulichen Versagens tadeln, und guckt mich dann doch nur stumm an. Ich glaube, mein Mund steht ebenfalls offen. Wir sollten reden, bedeutet das, nur ist noch nicht raus, wer von uns den Anfang macht. Ich setze mich an den Tisch, rühre mir zu viel Zucker in meinen Kaffee und schmiere zu viel Butter auf den weißen Teig auf meinem Teller, der einmal ein Brötchen war. So ist das am Morgen danach. Und es ist doch jedes Mal anders. Deine Routinen helfen dir beim weiter Stolpern, aber die Wegstrecke kostet stets enorm viel Kraft. Ich kaue mechanisch vor mich hin und warte ab, was nun geschieht. Auch die bescheuerten Gräser draußen haben innegehalten und lauern darauf, wie es mit uns hier in der Küche wohl weiter gehen wird. Das Meer ignoriere ich. Es kümmert sich ja auch nicht um mich. Ganz Frankreich jedoch, so bilde ich mir ein, hält den Atem an und schaut auf diesen winzigen Fleck in der Normandie. D-Day für mich und Henk. Eine so verschrobene Idee, daß ich stumm über mich selbst lachen kann. Aber viel helfen tut mir das erneut nicht.

„Und nun?“ fragt Henk nach einer ihm vermutlich angemessen erscheinenden Schweigephase. Ich zucke nur mit den Schultern. Ich kaue gerade. Darum kann ich nicht antworten. Unter anderem. „Hab ich dir weh getan?“ will er wissen. Als ob er sich das nicht selbst ausrechnen könnte. Das liebe ich an diesen Klötzen. Schatz, tat es dir wirklich weh, als ich auf deinen Fuß trat? Nein, möchte ich dann am liebsten antworten dürfen, es tut mir absolut nicht weh, wenn jemand mit dem Gewicht eines Kometen auf meine zarten Füße trampelt. Welche abwegige Vorstellung! Was erwarten diese Leute? Daß du je nach Bedarf aus Stahl oder aus Watte gemacht bist? „Meinem Ego,“ antworte ich daher ziemlich patzig, „nicht meinem Po.“ Er lächelt schwach. Sehr schwach. „Hilft es, wenn ich mich deswegen jetzt hier entleibe? Ich könnte ja ins Wasser gehen,“ schlägt er vor. Einer dieser plumpen Vorschläge, die sich selbst schon wieder zurück genommen haben, bevor sie noch ganz ausgesprochen wurden. Ich liebe auch das aus tiefster Seele, fast wie ich es lieben würde, mit den Fingernägeln den Fußboden sauber zu kratzen. Er dagegen findet es witzig. Oder ist einfach nur verlegen. Ich zeige aus dem Fenster. „Draußen ist Meer genug. Die ganze Küste steht dir offen.“ Das findet er ebenfalls witzig. Ich eigentlich nicht. „Ich habe wohl so ziemlich alles verkehrt gemacht,“ bezichtigt er sich gespielt reumütig. Was ebenso falsch wie vergeblich ist. Ich werde ihn jetzt nicht auch noch trösten. Obwohl das natürlich mein erster Impuls ist. „Ja,“ stimme ich ihm daher um Kühle bemüht zu, „jedenfalls, wenn du mir hast zeigen wollen, wie wundervoll das Zusammenleben mit dir sein könnte.“ Was er nun endlich nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen kann. Einen Moment befürchte ich, daß er mir mit der Tour des aus lauter Liebe Tollpatschigen kommen wird, der zerknirscht Besserung gelobt. Es sieht beinahe ergreifend ungelenk aus, wie er auf der äußersten Kante seines Stuhls herum balanciert und sich bei jedem Bissen die Hose mit Krümeln bestreut. Und er kann so demonstrativ verzweifelt gucken wie jeder andere Mann, der dir den einen Moment noch die Faust in die Magengrube gerammt hat und den anderen bereits wieder gutes Wetter machen will. Weil er ja so ein Tölpel war und es so sehr bereut und er darüber so unendlich verzagt ist. Was unter Garantie nie wieder vorkommen soll, großes Indianer Ehrenwort! Gott sei Dank vermeidet er aber wenigstens diese Abgeschmacktheit.

„Dafür hast du mir gezeigt, wie es mit dir sein könnte,“ sagt er ruhig. Im ersten Augenblick will ich schon aufbrausen, weil ich seine Worte als gemeinen Angriff werte. Er sieht das und streckt beschwichtigend eine Hand quer über Tisch aus. „Du hast ja Recht,“ kommt er mir zuvor. “Womit?“ staune ich verständnislos. Trotzdem ein klein wenig besänftigt. Ich habe gerne Recht, sogar wenn ich nicht weiß, womit. „Wir wollten beide unseren Spaß haben dieses Wochenende,“ rudert er aus dem einen Sturmtief gleich in ein neues hinüber, „und ich denke, den hatten wir.“ Über diese verblüffende Sprachregelung muß ich erst nachdenken. Seltsamerweise erfreut sie mich zuerst, obwohl sie mich bei längerem Hinsehen natürlich zu tiefst kränkt. Das Angebot, die letzten beiden Tage unter Spaß einzusortieren, ist zwar verlockend, aber leugnet mir viel zu viel. Fast alles, was ich für Henk zu empfinden mir eingebildet habe, und ganz sicher das, was er für mich empfindet. Jedenfalls wie ich womöglich gerne hätte, daß er es tut. Wer weiß das schon immer so genau. Um vorsorglich zu verhindern, daß er noch mehr sagt, was mir nicht paßt, platze ich schnell mit einem empörten „Das war alles andere als Spaß!“ heraus.

Er kneift die Augen zusammen und guckt mich verletzt an. „Was dann?“ fragt er erschreckend ernsthaft. Wieder verstehe ich ihn nicht auf Anhieb. Mit der Langsamkeit eines Schafes errate ich, daß er meine letzte Bemerkung auf Bernard bezieht. Und plötzlich befürchtet, da würden große Gefühle in mir im Anmarsch sein. Du bist dumm, du bist unglaublich dumm, werfe ich mir vor. Und dazu kindisch. Denn eigentlich empfinde ich eine wilde Zufriedenheit darüber, daß ich ihn habe unsicher machen können. Ich wünsche mir dringend, langsam wieder erwachsen zu werden. Mein Getue der letzten Tage liegt so schwer auf meinem Verstand wie der ganze Sand unten vom Strand. Ich könnte genau so gut mit Förmchen zwischen den Wellen spielen, statt hier mit einem Mann über das zu diskutieren, was wir uns gegenseitig antun. Und gewinnen tue ich keinen Blumentopf dabei. Denn er hat mich bereits mit seinen paar leeren Worten fast schon wieder klein gekriegt. „Gut, ja,“ gebe ich nach, obwohl ich es gar nicht will, „das war ziemlich blöd von mir gestern Abend.“ - „Denkst du, ich komme mir großartig vor?“ nutzt er seinen Vorteil mittels demonstrativ bußfertiger Selbstkasteiung sofort geschickt aus. Auf einmal tröste ich ihn jetzt doch. Beuge mich quer über den Tisch und greife nach seiner Hand. Nicht viel fehlte, und ich wäre aufgesprungen und um den Tisch herum zu ihm gelaufen, um ihn in den Arm zu nehmen. Das braucht es aber gar nicht. Mit seiner Hand zu spielen bedeutet kaum weniger. Die Berührung sickert in mich hinein wie ein warmer Regen, der meine Haut aufweicht und den Blick unscharf werden läßt. Nur meine Stimme hält sich noch wacker. „Das wird nie was mit uns,“ flüstere ich, als hoffte ich insgeheim, er würde meine Worte überhören. Tut er aber nicht. „Ich weiß,“ stimmt er zu, und endlich können wir beide uns in dem süßesten Schmerz suhlen, den die Welt für gut genährte Mitteleuropäer im geschlechtsfähigen Alter bereit hält. Vielleicht die eigentliche Grundlage unserer Zuneigung, die nicht für eine richtige Liebe taugt, aber uns dennoch nicht minder heftig verletzen kann. Gefühl ist Gefühl, und seine Intensität kann über manches hinweg helfen, wozu sein Gehalt niemals ausreichen würde.

Ich warte natürlich darauf, daß ich anfange zu weinen. Vergebens. Genauer: glücklicherweise. Denn das wäre des ergreifenden Melodrams schlichtweg zu viel. „Habe ich die alle gestern Abend wirklich eingeladen?“ frage ich zum Hirnerweichen niedlich. Wie ich das fertig bringe, ist mir ein Rätsel, aber es geht mir absolut locker von der Hand. Henk lacht zufrieden darüber, daß ich wieder in seinem Kielwasser fahre, und nimmt den Ball auf. „Hast du!“ - „Wie schrecklich!“ - „Vielleicht kommt er nicht mit,“ dreht er sehr riskant den Stachel in einer meiner Wunden um. Mut hat er, denke ich. Und die Aussicht, daß der Andere nicht kommt, ist so beunruhigend schön wie schmerzlich. „Und wenn doch?“ Sekundenlang gucken wir einander mehr als weit in unsere Augen und Seelen hinein. „Strafe für zu schnelles Fahren?“ schlägt er leise vor. Darüber kann ich lachen. Das ist so gut wie Weinen und viel besser, als nur verlegen zu sein. „Ein bisschen hübsch machen solltest du dich trotzdem,“ arbeitet er sich behutsam in der einmal eingeschlagenen Richtung weiter. So oberflächlich seine Aussage ist, kommt sie mir doch vor wie die feinfühligste Äußerung, die ich je von ihm gehört habe. Und zugleich wie die männlichste. Gut, zumindest die väterlichste. Ich würde ihn das gerne zu verstehen geben. Nur ahne ich, daß er mich nicht verstehen würde. Ich kann im Grunde nur annehmen, was er mir damit anbietet, und tue es auf der Stelle. „Wieso,“ mache ich also und reiße meine Augen groß auf. Gekonnt ist schließlich gekonnt. „Sehe ich so schrecklich aus?“ Er lächelt, genau das hat er hören wollen von mir, wie ich weiß, und nun streichelt er sanft meinen Kopf, weil ihn das gut und stark macht. Und mir, wie er weiß, paßt es selbstverständlich immer in den Kram, mich klein machen zu dürfen. „Mir reicht es vollkommen,“ versichert er mir. Ich wette, das stimmt sogar. Und diesen Mann kannst du nicht lieben, schießt es vorwurfsvoll durch meinen gestreichelten und geschmeichelten Kopf hindurch. Kann ich tatsächlich nicht, das steht fest, aber selten habe ich mich innerhalb weniger Minuten derart verlassen und dann wieder derart aufgehoben gefühlt wie jetzt. „Naja,“ fasse ich alles zusammen, was zwischen uns jetzt ohne gefährliche Kanten auszusprechen ist, „er ist eben ein Franzose.“ Und darüber können wir endlich beide gemeinsam lachen.

Mit frischem Appetit mache ich mich über das Frühstück her. Daß der Himmel hinter dem Fenster dazu wie bestellt blau strahlt, freut mich nun. Die Gräser nicken auf einmal munter zu mir hin und ich nicke nicht ganz so munter zurück. Irgendwie werde ich diesen Tag wohl hinter mich bringen. Wie Henk auch. Was mich auf eine gute Idee bringt. „Die Kleine hat dir also gefallen,“ nuschele ich um einen Bissen halb gekauten Brötchenteigs herum. „Ja,“ sagt er nur. Das ist ein Fehler. Jetzt hätte er witzeln müssen, um mich nicht zu beunruhigen. „Aber einen flotten Viererbob gibt’s heute nicht,“ versuche wenigstens ich zu witzeln. „Okay. Wer von uns kriegt das Bett?“ geht er endlich auf meinen Tonfall ein. „Mensch, Henk,“ tadele ich sofort übertrieben kumpelhaft wie eine Biolehrerin mit lupenreinem Gewissen, „draußen ist herrlichste Natur. Wozu brauchst du ein Bett?“ - „Ich bin Holländer,“ gibt er zurück, „bei uns liegen sogar auf den Tischen Teppiche.“ - „Boah,“ griene ich und erröte bereits, bevor ich gesagt habe, was ich dann sage. „Das erspart euren Frauen sicher eine Menge blauer Flecke.“ Er lacht auf. Beide denken wir natürlich sofort mit einigem Unbehagen an unser Aufwachen vorhin. „Wir gehen schwimmen, wenn sie kommen,“ plane ich eifrig, um den Nachmittag frei von allzu schlüpfrigen Themen auf Kurs zu halten, „da hast du mich immer in Sichtweite.“ - „Und du mich.“ - „Als Aufpasserin tauge ich vermutlich nicht viel.“ - „Deswegen habe ich dich auch bestimmt nicht mitgenommen.“ - „Ich weiß. Mehr zur Aufhellung der allgemeinen Stimmung.“ - „Zum Beispiel.“ - „Aber dazu tauge ich wohl ebenfalls nicht.“ Über sein Gesicht huscht etwas Kompliziertes. „Das würde ich nicht gerade behaupten.“ Der Junge gibt nie auf, denke ich erfreut. Und das gefällt mir, wie der Himmel und die Sonne. Nur ich selbst gefalle mir nicht. Aber, wie er schon sagte, das läßt sich schnell beheben. Mag sein, es ist wirklich so einfach mit mir. Zumindest an diesem Tag.

Henk räumt in der Küche auf, während ich im Bad herum krame und mich leidlich hübsch mache. Was diesmal bedeutet, daß ich meine Haare ein paar Mal mit hastigen Strichen durchkämme, damit sie hoffnungsfroh glänzen. Mittels eines neckischen Bändchens in exakt dem Blau meines Badeanzuges, das ich zu einer großen Schulmädchenschleife binde, bastele ich meinen ewig und allseits beliebten Pferdeschwanz und schaue dann kritisch nach, wie mein Gesicht aussieht. Nicht direkt Amy Whitehouse um fünf Uhr nachmittags, kurz bevor der Junge mit dem Nachschub kommt. Aber die saubere kleine Blonde von Nebenan, die sogar den Vikar beim Kindergottesdienst lustig mit den Augen klimpern läßt, blickt mir auch nicht gerade aus dem Spiegel entgegen. Doch egal. Heute will ich reine Natur. Oder fast. Ein wenig Lippenstift und hier und da kleinere, präzise und gezielte Korrekturen, die nicht der Rede wert sind, helfen meinem naiv sauberen Aussehen auf die Sprünge. Wie eine sich zu früh gehäutet habende Schlange schlüpfe ich in meinen neuen Badeanzug, der beinahe alles züchtig verdeckt, was uns womöglich heute Probleme machen könnte. Er fühlt sich von Innen wunderbar an und macht schöne lange Beine. Zumindest hat das die Verkäuferin gesagt, und die muß es wissen. Darüber werfe ich mir ein weißes, mehr kurzes als langes Strandkleidchen, durch dessen dünnen Stoff das Darunter nicht mehr ganz so züchtig hindurch schimmert. Zu den einfachen Flip-Flops und meiner Laune paßt das jedoch wunderbar.

Am Ende sehe ich so sauber und frisch aus, daß niemand allein vom Anschauen auf dumme Gedanken kommen dürfte. Henk tut das trotzdem, denn als ich in die Küche zurück kehre und mich ihm vorstelle, als trüge ich das alles nur für ihn, hat er mich im Handumdrehen auf seinen Schoß gezogen und meine blütenweiße Unschuld plus des hellblauen Keuschheitstrikots heftig auf die Probe gestellt. Welche beide glänzend bestehen, was ich als gutes Zeichen für den weiteren Tagesablauf werte. Trotz erneut angewachsener Unsicherheit gucke ich inzwischen gedämpft optimistisch nach vorne. Die internationalen Begegnungen heute werden hoffentlich im Zeichen der friedlichen Koexistenz und Völkerverständigung stehen. Die dazu erforderliche makellose Reinheit biete ich dank dezent altjüngferlich nach Lavendel duftender Seife und klinisch gnadenlos sauber geputztem Gebiß bereits feil. Badeententag, sage ich mir tapfer, während Henk mit seinem verdient schlechten Gewissen die Untaten seiner Hände mit denselben auf weniger unschuldige Weise an mir wieder gut zu machen sucht. Und ich mir dabei überlege, ob ich vielleicht nachher etwas kochen soll. Immerhin könnte es sein, daß wir Gäste zum Tee haben werden. Und Kochen lenkt gut von anderen Dingen ab, die mir erheblich schlechter geraten könnten als ein improvisiertes Essen für fünf Personen an einem sonnigen Nachmittag in einer mir nur mäßig vertrauten Küche tief in französischen Landen.

„Weißt du, daß es mir gut tut, mit dir zu frühstücken?“ fragt er mich mitten hinein in meine kulinarischen Planungen. Viellicht gibt es ja doch so etwas wie Gedankenlesen. „Was!“ gebe ich überrascht zurück. „Ja,“ nickt er eifrig und streicht mit seiner Hand dort an mir herum, wo sein vielschichtiges Lob eine deutlich andere Bedeutung erhält, als der reine Wortlaut nahe legt. „Du verbreitest eine Stimmung, als würde es keine Welt draußen geben, in die ich je wieder hinein müßte.“ - „Das ist Lebensangst,“ konterkariere ich seine Aussage ziemlich gefühllos und viel zu rasch, weil ich nicht genug Acht gebe auf ihn. Das tut mir natürlich sofort Leid. Er meint das ja gar nicht so, wie er es sagt, sondern ihm geht es darum, mir etwas Nettes zu sagen, und darauf müßte ich eigentlich dankbar reagieren. Damit er noch netter werden kann. Immerhin ist es nicht sehr weit von der Küche ins Schlafzimmer „Nicht nur,“ wiegelt er gelassen ab. Vermutlich könnte ich ihm jetzt fies in die Nase beißen und er würde dem Schmerz immer noch etwas Gutes abgewinnen. Diese nahezu unsinkbare Bereitschaft zum unbedingt Positiven liebe ich an ihm. Überhaupt liebe ich sie an anderen Menschen, weil ich sie nicht habe. „Ich brauche das, aber ich stelle es selbst selten her,“ erläutert er munter weiter, als verriete er mir gerade die Weltformel. Ergo brauchst du mich, denke ich bloß, was er will, daß ich es denke. Dennoch halb geschmeichelt, aber auch halb erzürnt. „Weil du dir nicht selbst den Hintern versohlen kannst am frühen Morgen?“ Etwas Salz in seine Wunde zu streuen kann nicht schaden. Er lacht das weg. Das ist schön. Denn eigentlich habe ich längst vergessen und vergeben und grolle nur noch aus Gewohnheit. „Das kannst du genau so wenig,“ stellt er korrekt fest. Jetzt nicke ich eifrig und lehne mich mit verdoppeltem Lebendgewicht auf seine Schulter. „Warum hast du mich gestern Abend so ignoriert?“ frage ich seinen Haaransatz hinten am Hals. Er denkt nach, damit er mir nichts Falsches sagt. Was meint: nichts, das mich wieder erbosen könnte. Und ich bin gespannt, was er sich ausdenken wird. Wie eine gefährliche Handgranate behandelt zu werden, hat seine Vorteile.

„Ich glaube, ich habe mich geschämt,“ tastet er sich voran. „Weswegen?“ - „Für das, was ich alles von dir will.“ Für einen ersten Versuch nicht schlecht. Aber noch zu weit weg von der Wahrheit. Ich sage nichts. „Oder überhaupt für alles, was ich will.“ Das trifft es schon eher. „Und du willst alles, oder?“ - „Alles!“ - „Ich bin aber nicht alles. Kein Mensch ist das. Nicht mal die Frau, die dir ein tolles Frühstück macht.“ - „Ich weiß.“ - „Nein,“ widerspreche ich heftig, „und nimm deine Hand da weg.“ Er kichert, gehorcht aber. „Du denkst, du wärst alles,“ fahre ich fort. Ich bin jetzt in Fahrt. Wohin, spielt dabei keine Rolle. „Du denkst, du kannst nehmen und geben, wie es dir paßt. Und zurückhalten, wenn es dir paßt. Du schüttest mich zu mit Zuneigung und Sex und enthältst es mir vor, sobald es dir in den Kram paßt. Für dich ist es ja noch da, in dir. Aber für mich ist es dann nicht mehr da.“ Er schluckt und verdaut und arbeitet sichtlich bemüht an einer klugen Antwort auf mein Gerede. Soll er sich anstrengen, ich habe längst schon wieder vergessen, was ich damit sagen wollte. Wenn ich überhaupt etwas damit sagen wollte. Jetzt hat er etwas gefunden. Na klar, seufze ich innerlich, genau das, was ohnehin schon die ganze Zeit an ihm nagt. „Und deswegen holst du dir, was du willst, woanders?“ - „Ja. Wie du. Wie jeder Mensch.“ - „Sei nicht immer so prinzipiell.“ - „Ich bin gerne prinzipiell.“ - „Damit verdirbst du dir aber alles.“ Ich grinse. „Besser, ich mache das selbst, als irgend ein anderer.“ Er schaut ernst drein. „Das ist Geschwätz,“ stellt er vollkommen richtig fest. „Natürlich,“ gebe ich bereitwillig zu und schaukele mich tiefer in seinen Schoß hinein, „was sonst?Jetzt kannst du übrigens deine Hand da wieder hin tun.“ Auch diesmal gehorcht er prompt. Diese Hand werde ich vermissen, denke ich, weil es mir gut tut, das zu denken. Sie greift nach mir wie kaum eine andere Hand das tun kann. Was auch nur Geschwätz wäre, würde ich es je laut aussprechen.

Ich weiß nicht, was ich noch zu ihm sagen könnte. Ich würde gerne etwas sagen. Etwas Gewaltiges, oder wenigstens etwas Zärtliches. Etwas, das seinen Geist streichelte wie seine Fingerkuppen meine Haut. Vielleicht, daß ich ihm jedes Frühstück machen würde, das er haben wollte. Daß ich um ihm herum sein möchte, wie ich ihn um mich herum haben will. Daß alles, was ich will, in einem winzigen Moment konzentriert sein muß, weil es nur so und nur dann greifbar wird und zu fühlen ist. Und schon im nächsten Moment sich wieder auflöst wie eine Wolke Parfüm aus dem Zerstäuber, die sich verflüchtigt hat, kaum daß du sie hast schnuppern können. Aber das kann niemand je sagen. Nur fühlen, denken und wie das erste Licht eines Tages an sich vorbei streichen lassen. Ich stütze meine Hände auf seinen Schultern ab und richte mich auf. Mein Gewicht scheint mir unendlich zu sein. Ihm macht es nichts aus. „Zieh mich aus und trag mich ins Bett,“ bitte ich. Er zieht mich aus und trägt mich ins Bett. So schwer bin ich also doch nicht. Ich weine kurz, während er das vollendet, was er heute Morgen nicht durfte. Ich glaube nicht, daß er das überhaupt mitbekommt. Ich will das nicht. Ich will da sein und auch wieder nicht. Ich greife hinter mich und nehme seine Hand und lege sie auf meine Hüfte. Halte sie dort und drücke sie fest an mich. Ich spüre ihn kaum. Spüre nicht einmal mich.

Ist das jetzt der Versöhnungssex, der uns noch im Repertoire fehlte, frage ich mich. Der Versuch, alles Trennende zu verkleistern durch das Schwitzen und Stöhnen und sich Winden glühender Leiber? Der Bankrott des Denkens, wenn an seine Stelle das einfache Handeln tritt? Das wird es wohl sein, denn mein Denken gehorcht und folgt meinem Körper. Es ist schön, so zu liegen und geschaukelt zu werden. Von einem anderen Körper, der kaum genug von sich in mir hat, um wirklich in mir zu sein. Trotzdem reicht mir das aus. Die Tränen versiegen und ich kann wieder lachen. Auch Henk lacht, und das leichte Gefühl von Zuneigung für ihn kullert durch meinen Geist wie ein paar wunderschöne Perlen, obwohl sein Lachen schon alsbald in andere Geräusche übergeht. Als er fertig ist, strecke ich mich auf dem Bauch neben ihm aus und puste kräftig in mein Kissen und sage „Na los!“ - „Was?“ blafft er verwundert und schwer atmend. „Mein Hintern,“ kichere ich und schwenke das besagte Körperteil auffordernd durch die Luft. Was das soll, kann mir sicher niemand verraten, aber ich bilde mir ein, es gehöre jetzt einfach dazu. Ich wühle mit dem Gesicht im Kissen herum und fühle mich rundum wohl, während er mich ausgiebig und, nachdem er eine gewisse Karenzzeit hat verstreichen lassen, auch durchaus mit Elan massiert, um alle bösen Dinge aus mir zu vertreiben. Nicht, daß sie am Ende noch bei ihm landeten.

Das habe ich schon mehrfach an ihm – und auch an anderen Männern - beobachtet. Haben sie dich mit einer Handlung oder einem Wort so sehr verletzt, daß sogar sie es dir ansehen, glauben sie dir erst dann richtig, daß du ihnen verziehen hast, wenn sie fast die gleiche Handlung oder das gleiche Wort noch einmal haben anbringen können. Als müßten sie es sich durch den unmittelbaren Augenschein einbleuen, daß es dich beim zweiten Male nicht verletzt. Was es, und das ist das Dumme dabei, leider durchaus tun kann. Jetzt zum Glück nicht, außer daß mir langsam mein einsatzfreudiger Hintern tatsächlich ein wenig weh zu tun beginnt. Was mich wieder mißvergnügter in die kommenden Stunden blicken läßt. Den ganzen Nachmittag auf harten Holzstühlen herum zu sitzen, ist heute womöglich nicht das Procedere meiner Wahl.

„Wollen wir nicht einfach weg fahren?“ schlage ich mit meinem niedlichsten, verlockendsten und harmlosesten Wispern vor. Henk grunzt bloß trocken und bestraft meine Feigheit sofort und ganz erwachsen. „Nichts da,“ kommandiert er. Ich wackele eine Weile komisch enttäuscht herum, füge mich dann seufzend in das wohl Unvermeidliche und sammele auf einmal neuen Mut. “Du willst ja nur deine Eroberung ausbauen,“ maule ich, schon ganz auf dem Rückzug. „Und du?“ fragt er. Packt mich wie einen jungen Hund im Nacken, der noch nicht stubenrein ist, und freut sich über die unzweifelhaft positive Reaktion meines Körpers. Für einen Moment bin ich ganz offen zu ihm. „Ich will nicht nur ein geiler Fick sein,“ sage ich leise. „Wäre das so schlimm?“ - „Ja.“ - „Sind wir das nicht alle hin und wieder?“ - „Aber es ist jedes Mal schlimm.“ - „Unsinn,“ widerspricht er sehr heftig. Was mich wieder für ihn verschließt. Er kann nicht ertragen, was ich fühle, selbst wenn es nur ein flüchtiges, selbstsüchtiges Fühlen ist, das niemals anhalten wird. Weil das ihn auf eine Weise von mir ausschließt, die er zu schmerzhaft spürt. All die anderen Mauern in mir zählen für ihn nicht, weil er sie gar nicht erst sieht. Wir umkreisen einander wie der Mond und die Erde, überlege ich mir. Und wechseln dabei andauernd die Rollen. Mal drehen wir uns und zeigen komplett jedes Detail, mal zeigen wir nur, was von vorne zu sehen ist. Ob er es leichter ertrüge, wenn ich behauptete, lediglich immer noch scharf auf den Anderen zu sein? Auch eine Wahrheit. Gerade eben war der Andere bei mir, in meinen Gedanken und fast so nahe wie der wirkliche Mann in meinem Rücken. Noch eine Wahrheit. Welche davon wäre klug, auszusprechen? Keine, denke ich. Alle Welt schreit nach Wahrheit, aber hält sie nie aus.

Plötzlich fällt mir Henks Freundin Doris ein. Wo ich in Gedanken schon beim wilden kreuz und quer Vögeln bin. „Was erzählst du eigentlich Doris von all dem?“ frage ich prompt. Henk lacht schallend auf, zieht mich auf sich herauf und schüttelt meinen Kopf aus, als purzelten so die dummen Gedanken für immer aus ihm heraus. „Du bist wirklich gut,“ erläutert er das. Ich gucke verständnislos und protestiere gegen die Unterstellung in seinem Lachen. „Ich finde die Frage absolut nahe liegend.“ Sein Lachen hört sofort auf. „Du hast ja Recht,“ probiert er noch einmal das Mittel von vorhin. Diesmal mit weniger Erfolg. „Aber sie weiß, daß du das Wochenende mit mir zusammen bist?“ Er nickt. „Und was sagt sie dazu?“ - „Willst du es wörtlich oder die schonende Fassung?“ Das sitzt. Daß sie und ich keine Freundinnen sind und es sicher niemals werden, ist jedem klar. Aber bisher sind wir, wenn wir uns per Zufall begegneten, an sich immer freundlich oder zumindest höflich miteinander umgesprungen. Diesen Schein möchte ich mir nicht gerne kaputt machen lassen. Doch da ich gefragt habe, will ich auch nicht zu schnell klein bei geben. „Die Highlights genügen,“ grinse ich leicht angestrengt. „Nun,“ sagt Henk und genießt es, wie männlich überlegen er sich mir und ihr zugleich fühlen kann, „sie hat mir viel Vergnügen mit dir gewünscht.“ Den genauen Wortlaut kann ich mir durchaus ausmalen, das weiß er selbstverständlich. Trotzdem kränkt es mich doch kräftig, wie viel Vergnügen es ihm im Stillen bereitet, mir damit geschickt nahe zu bringen, was seine Freundin über mich in Wirklichkeit denkt. Daß er mit mir nur spielt, oder genauer gesagt, daß ich es nicht wert bin, mehr mit mir anzufangen, als mit mir zu spielen. Außerdem hält sie sich für die Schönere und Attraktivere von uns beiden. Ich halte sie ja leider auch dafür. „Naja,“ sage ich leichthin, „wenn sie wüßte, was für hübsche kleine Französinnen du hier auftust, würde sie anders denken.“ - „Ach komm,“ beschwichtigt er mich, „du bist jetzt gekränkt. Da mußt du nicht mit gleicher Münze zurück zahlen.“ Das weiß ich auch, aber es tat gut, zu sehen, daß ich mit meiner Einschätzung seiner heimlichen Gedanken nicht ganz verkehrt liege. Oder daß er zumindest schon begonnen hat, seine halbe Eroberung hier mit seiner fernen Freundin zu Hause zu vergleichen. Gemein zu sein ist manchmal ausgesprochen wohltuend.

Meine Eifersucht hat ihn wieder aufgemöbelt und er versucht, eine zweite Runde einzuläuten. Aber bei mir ist jetzt Schluß. „Spar deine Kräfte für nachher,“ weise ich ihn schnippisch ab. Er ist nur mäßig enttäuscht und macht sich eine Weile einen Spaß daraus, mich immer wieder ins Bett zurück zu ziehen, wenn ich schon fast glaube, ich hätte es geschafft, hinaus zu klettern. Ich habe natürlich mindestens ebenso viel Spaß daran wie er, warum auch nicht. Aber irgendwann sage ich mir, daß solche Albernheiten genau das sind, was seine Freundin gemeint hatte. Das kränkt mich leicht. Ich will nicht als jemand gelten, deren einzig glückliche Momente aus solchen kindlichen Tollereien bestehen. Obwohl ein zarter Verdacht, daß das eventuell nicht ganz falsch ist, unangenehm kritisch in meinem Hinterkopf herum räsonniert. Meine Anstrengungen werden daher allmählich etwas energischer, aber Henk ist vier Mal so stark wie ich, wenn ich nicht zornig bin. Und das bin ich jetzt nicht. Ich möchte lieber für immer weiter hier herum kichern und seine Arme mich festhalten spüren und mich wie erschöpft an ihn drängen, damit er mich gnädig und zufrieden grinsend tröstet und meine Haare durcheinander bringt und ich ihn so vollkommen wie selten sonst ganz aus der Nähe einatmen kann.

Das verhindert, weil auch mein guter Henk irgendwann von selbst erlahmt. Zufrieden mit meinem Betragen spart er tatsächlich nun seine Kräfte für später auf. Ich flüchte behende das Bett, hole rasch meine Kleider aus der Küche und flitze zum zweiten Male heute Morgen als Nackedei ins Bad, um mich dort still über meinen mit Hilfe seiner Französin gelungenen Coup zu amüsieren. Zugleich mache ich mir schöne Gedanken in Richtung meines Franzosen und wasche mich gründlich wie eine sorgfältige Ehebrecherin vor dem Heimkommen. Auf einmal freue ich mich darauf, Bernard wieder zu sehen. Allen möglichen Peinlichkeiten zum Trotz, die mir das bestimmt einhandeln wird. Vielleicht haben Henk und ich ja mittlerweile eine Art stillschweigende Übereinkunft erreicht. Wie ein altes Ehepaar, das nach stürmischer Überfahrt den sicheren Heimathafen erreicht hat und dort auf lange Zeit hin zu ankern beabsichtigt. Weil es dem Frieden nicht mehr so richtig traut und auch, weil die Kräfte doch arg nachgelassen haben. Wie ich über Bernard denke, würde ich Henk dennoch niemals auch nur annähernd begreifbar machen können. Und sicher nie versuchen, es zu tun.

Im Grunde bin ich mir selbst meiner Gefühle nicht zu sicher. Abgezogen die übliche Zuneigung und Anhänglichkeit, die ich einem Mann gegenüber automatisch entwickele, mit dem ich halbwegs zufriedenstellenden Sex hatte, ist Bernard ein ausgesprochen anziehendes Exemplar dieser Gattung. Was alle meine verschämt wehmütigen und peinlich erhitzten Gedanken schon zur Hälfte entschuldigen kann. Außerdem war der Sex gut, nicht nur Mittelmaß. Obwohl ich im Grunde zu kurz kam. Solche exotischen ad-hoc Spielereien schaffen das selten. Und schlußendlich sind das hier Ferientage. In den Ferien will der Mensch das Schöne und Problemlose. Wenn jede Frau, die im Urlaub einen Flirt nicht zu eng begrenzt hat, deswegen hinterher die Pferde scheu machen wollte, hätten die Reiseveranstalter bald keine weiblichen Kunden mehr. Und die Ehemänner oder sich frech dazu das Recht anmaßenden Freunde dieser Frauen würden ihnen mit Regreßforderungen die Hölle heiß machen. Umgekehrt gilt natürlich das gleiche. An Bernard zu denken beschwingt meinen Geist und meinen Körper. In fast jeder Hinsicht, denn ein endloses Gewürge um Recht und Unrecht hängt an ihm nicht. Und Henk zählt da jetzt nicht mehr. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir das ziemlich zielgerichtet soeben verdient, im Bett. Mit diesem Körper, der jetzt gerade freudig erregt in Richtung Frankreichs Männerwelt lugt. Nichts, worauf ich im Kreise anständiger Menschen lautstark pochen würde, aber es hat funktioniert. Das ist einzig wichtig, Also werde ich zusehen, was mir mein Engagement einbringen wird, und mir den Tag nicht vermiesen lassen. Ich gucke in den Spiegel und zwinkere mir zu. Genau, mit etwas tapfer mir eingeredetem Mut freue ich mich wie ein Schulmädchen beim ersten Date auf den hübschen Bernard. Und das erfrischt meinen Teint, läßt meine Haare goldig glänzen und meine Augen hell strahlen. Wäre ich ein Hund, fällt mir innerlich grinsend dazu ein, hätte ich sicher eine feuchte Nase und würde überall herum schnüffeln. So fange ich lediglich an, noch einmal das ganze Haus aufzuräumen, damit alles gut aussieht, wenn die Gäste eintreffen. Womit, wenn es denn klappen sollte, der restliche Tag wohl aus dem Schneider sein dürfte.


weiter mit #9

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Samstag, Oktober 31, 2009

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Stadtbummel 55 Tage vor Weihnachten/singing



Die Eisenwunderkerle sind wieder unterwegs!
Sie schnipsen mir Prozente ins Gesicht.
Was in die Kälte wächst, ist Phallus' Gott,
darüber thront Graf Oxygen.
Pilatus leckt am Hammer.
Ich tausche Nervengold für Ablaßgeld,
tanze den Schatz-der-Kammer-Blues.
Der Himmel herbstlich schroff
- wie stets bei Wind aus Ost -
der Bronzemann intim rasiert,
die Glockenbecherfrau adrett.
Am Ofenrand schmilzt wilder Mohn,
bis alles sich verliert.

Ich bin zum Glück mir selbst nicht sonderlich gelitten!
Unter der alten Pforte knistert Sturm,
im Séparée serviert man Medaillons,
hinter den Spiegeln Bruderzwist,
Nasenmut, der Winzerwein
ist brühewarm mit Unkenrotz vergällt,
wonach selbst Stahl sich weich anfühlt.
Der Dealer, sprachlos blass,
gibt keinen Schuldnachlass,
verliert kein Wort der Lüge mehr,
verkürzt geschickt das Froschbeinkleid.
Im Damensitz sticht immer Pik,
wo Strebergeist regiert.

Ich wickle Fischfilet in handgeklopftes Leinen!
Mein Arm behält den gleichen Gliederstolz
wie Kopf auf seine Abkunft aus dem Leib.
Ein Killer mit Transportproblem
liegt wie tot am Bahnsteigrand,
an sechster Stelle scheitert harmlos Lot,
an erster entbrennt wilder Streit.
Die Nackte aus dem See
singt für den Rest der Welt
- Katzen fürchten Salamander -
vom Blatt ab Schwüre für den Fürst.
Auf allen Dächern falscher Schnee.
Es ist Beton, der hält.

Da war Geruch von Mandeln,
Lärm tausend einer Nacht,.
Warm sein, wie zwischen Händen.
Man hat mir noch ein Herz gemacht.

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Freitag, Oktober 30, 2009

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Junge auf dem Markt/singing

Aus faulen Beeren fließt der Saft, sagt der Junge,
dessen Augen leuchten, wenn er aufschaut;
wenn er auf die Beeren schaut, leuchten sie nicht.

Sie kaufen besser frisches Obst, rät ihr der Junge,
dessen Stimme sanft wird, wenn er weiß;
wenn er sich nicht sicher ist, dann klingt sie hart.

Der Kohl ist aus dem Kühlhaus, meint der Junge,
dessen Haare weißlich schimmern, morgens;
des abends hat sie seine Haare nie gekannt.

Soll ich die nassen Strünke trocknen, fragt der Junge,
dessen Hände dreckig sind, wenn er verkauft;
wie seine Hände anders wären, ahnt sie nur.

Sie frieren in der dünnen Jacke, grinst der Junge,
dessen Fleeze wie Panzer wirkt, im Regen;
wenn Sonne seine Haut beschiene, vielleicht nicht.

Die Zucchini wären heute knackig, verrät der Junge,
dessen Lippen rissig werden, ist es kalt;
wenn Wangen seine Lippen wärmten, sicher nicht.

Im Sommer zöge er nach Süden, träumt der Junge,
dessen Finger bleich sind, wenn er abwiegt;
wenn sie dort Sand durchwühlten, bräunt' es sie.

Die Tage würden wieder kürzer, bejaht der Junge,
dessen lange Wimpern zählen, was sie nimmt;
wenn sie das Geld ihm gibt, blickt er sie an.

Der Junge wäre fort, sagt knurrend ihr der Mann,
den ihre Frage stört, den alles stört;
was geht den Mann der blonde Junge an.

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Donnerstag, Oktober 29, 2009

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Treppen der Nacht/singing

Liebe nicht wenn Regen!
Regen sieht nicht.
Atme nicht wenn Dunkel!
Dunkel erstickt.
Lache nicht wenn Stille!
Stille trauert.
Lebe nicht wenn Zeit!
Zeit nimmt.

Bleibe!
Der Mann mit den nassen
Händen schaut zu dir her.
Schau nicht. Seine Hände
sind alt.

Warte!
Pyramiden waren
nicht auf Anhieb stabil.
Die Steine, die fallen,
sind hart.

Stehe!
Die Frau mit den schmalen
Lippen fällt Urteile.
Genüge ihr nicht, sie
verfehlt.

Liege!
Laß deine Schenkel Bahn
sein. Am anderen Tag
widerlegte dein Fleisch
Gottes Fluch.

Hoffe!
Die Betenden blenden im
Zorn die Verzweiflung.
Weiß sind die Knochen, wenn
Sonne sie sieht.

Ende!
Kein Anfang hat Trost
für die Sache des Glücks.
Auf die Treppen der Nacht mündet
strauchelnd ein Fluß.

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Mittwoch, Oktober 28, 2009

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Nachlass/talking

Der Koffer ist altmodisch, mit schwarz angelaufenen Verschlüssen und Verstärkungen an den Scharnieren und Schutzbeschlägen an den Ecken. Das Material ist eine Art weiche Pappe oder papiernes Leder, das ich nicht gerne anfasse, weil es staubig und muffig riecht. Zwei Riemen führen durch Ösen an den Schmalseiten, und der Griff ist aus mehreren Schichten weichen Leders gearbeitete. Er fühlt sich als einziges gut an, wirkt aber etwas zu schwach. Der Mann, der mir den Koffer brachte, hat ihn mitten ins Zimmer gestellt, sich grinsend umgeschaut, weil an einem Samstag Morgen nicht immer die gewohnte Ordnung herrscht, diesmal schon gar nicht, und ist dann mit dem Trinkgeld, das ich ihm aus Überraschung und weil seine Ohren so wild abstanden gab, zufrieden abgezogen. Jetzt hocke ich vor dem offenen Koffer und lese den kleinen Brief, der oben auf einem weißen Leinentuch lag, das seinen Inhalt noch vor mir verbirgt.... (mehr)

Die Schrift ist klar und sauber, wie sie heute kaum jemand noch hin bekommt. Harte Striche auf einem rein weißen Bütten, das keinen Fehlstrich verzeiht.

Meine Liebe,

ich wage kaum zu hoffen, daß Sie irgend Verwendung haben für den Inhalt dieses nur selten genutzten Begleiters aus glücklicheren Tagen. Falls wider Erwarten doch, verfügen Sie bitte nach Belieben darüber.

Mein herzlicher Dank gilt Ihnen und der kämpferischen Ungeduld, mit der Sie die nicht immer angenehme Gegenwart einer alten Dame ertrugen, die heuchlerische Geduld ihr Leben lang verabscheute.

P.S.
Alles sollte sauber und einwandfrei gepflegt sein, sofern meine Anweisungen korrekt befolgt wurden. Ihre Achtsamkeit – und Empfindlichkeit - in diesen Dingen hat mir stets außerordentlich gut an Ihnen gefallen! Den beiliegenden Fotografien entnehmen Sie bitte die Frisuren, die einzig zu solcher Garderobe passen. Wie ich Sie kenne, werden Sie mir jedoch auch posthum nicht den Gefallen tun, jemals auf Ihren albernen Kinderzopf zu verzichten. Eine Sünde, Kind, gegen die anzuarbeiten nicht der geringste, sicherlich aber der vergeblichste Sinn dieser Gabe ist.



Natürlich hat sie die kleine Spitze gegen meine Haare nicht lassen können. Zu Lebzeiten formulierte sie ihre Kritik an meinem Äußeren allerdings noch wesentlich grober als in diesem kleinen Briefchen. Vermutlich legte sie also doch Wert darauf, nicht als gemeine Alte in die Geschichte einzugehen. Und wenn das auch nur meine persönlichen Erinnerungen an sie beträfe. Die zu groß ausfallende Unterschrift über dem Post Scriptum ist ein wenig zittrig geraten und sitzt nicht ganz akkurat waagrecht auf der Seite. Ich kenne ihre Unterschrift zu gut von den vielen Dokumenten, die sie in meinem Beisein unterschrieben hat. Ein Umstand, dessen Folgerungen mich trauriger stimmen als vieles andere an ihrem Ableben.

Selbstverständlich ahne ich schon, was ich unter dem makellos weißen Leinentuch finden werde. Die Art, wie ich mich kleide, war immer ein Thema für sie gewesen, auf dem sie mit einer seltsam jugendlichen Direktheit herum ritt. Ich nehme an, weil sie sich damit tatsächlich ein wenig Jugendlichkeit in ihr Leben holte. Denn bei aller Abgeklärtheit war sie zu Tode betrübt über das Altern. Ihre kaum verhohlene Abneigung gegen den eigenen Körper ist mir nicht entgangen. Die Blicke, die sie ihren fleckigen Handrücken schenkte, das kurze, scharfe Einziehen der Atemluft, mit dem sie jede unvermeidliche Berührung durch andere Menschen quittierte, und natürlich das fast mädchenhafte Schwärmen über die Moden aus ihrer Jugendzeit verrieten sie. Hatten sie verraten, korrigiere ich mich. Es fällt mir schwer, von ihr als Verstorbener zu denken. Nicht weil ich großartig um sie trauere. Dazu ist sie mir doch zu fremd geblieben. Und vor allem kann ich sie mir nicht als eine Frau denken, die ein solches Gefühl je geschätzt hätte. Das Zulassen von Gefühlen war ohnehin kein Zug an einem Menschen gewesen, den sie je für eine besondere Leistung angesehen hätte. Eine altmodische, nicht unproblematische Haltung, die ich dennoch auch im Nachhinein an ihr bewundere, ohne sie allerdings unbedingt kopieren zu müssen.

Dieser Koffer jedoch zeugt von einer Sentimentalität, die mich verlegen macht. Für mich und mehr noch in ihrer Abwesenheit für sie. Manchmal, wenn sie mich scharf gemustert hatte und sich kaum der kritischen Bemerkungen über eine zu legere Hose oder einen zu kurzen Rock enthalten konnte, kam es mir vor, als stünde sie in einer verzweifelten Konkurrenz mit mir. Daß ich sie insgeheim für eine häßliche Frau hielt, machte die Sache nur schlimmer. Denn das impfte mir stets ein schlechtes Gewissen ein, so daß ich vermutlich ohne mein Wollen heftiger und impulsiver auf ihre Angriffe gegen mein Aussehen reagiert hatte, als ich das bei klarem Verstand zugelassen hätte. Was sie letztlich bestimmt genossen hat. Mag sein, sie hat das sogar so geplant. Sie war eine äußerst intelligente Frau, deren Klugheit sicherlich ein Grund dafür war, daß sie im Alter einen Hang zur Bösartigkeit entwickelt hatte, der sie noch einsamer machte, als sie es den Folgen der üblichen Alterungsprozesse nach hätte sein müssen.

Auf den Bildern, die ich mir als erstes aus dem Koffer heraus hole, ist sie ein junges Mädchen mit zu ernstem Gesicht, zu harten Zügen, zu weichen Augen und, wenn sie einmal lacht, zu viel hinter Hochmut versteckter Unsicherheit. Nichts ungewöhnliches. Nicht für die Schicht, aus der sie kommt, und nicht für die Zeit, in der sie aufgewachsen ist. Einige der Bilder kenne ich schon. Es hatte nach dem Beginn meiner Besuche bei ihr nicht lange gedauert, daß sie mir diese Aufnahmen zeigte. Damals nahm ich zuerst an, weil sie nicht recht wußte, worüber sie mit mir reden sollte. Erst später ging mir auf, daß sie ihren bettlägerigen Körper hinter diesen Bildern zu verstecken suchte. Und tatsächlich denke ich mehr an die kleine Gestalt auf den eigenartig formatierten Fotos, wenn ich an sie denke, als an das Häuflein Elend in dem düsteren Schlafzimmer, in dem sie mich stets empfing und das sie, wie ich, mit ganzer Seele gehaßt haben mußte.

Viele der Bilder sind kleine Papierquadrate mit einem unregelmäßig gezackten Rand, der wie von Hand geschnitten wirken soll,. Darauf sind selten viele Details zu erkennen. Dennoch vermitteln sie einen lebendigen Eindruck jener Momente, in denen sie aufgenommen wurden. Nicht zuletzt, weil diese Fotos Amateuraufnahmen darstellen. Die professionellen Bilder sind größer und meistens auf feste Pappe aufgezogen. Damals wurden noch gute Materialien für Fotopapier, Entwickler und Fixierer verwendet, weswegen die Bilder zwar alle stark nach gedunkelt sind, aber nicht so extrem vergilbt und entfärbt sind wie moderne Papierabzüge. Die vom Fotografen abgelichteten Gesichter lachen nicht. Und die Körper ragen alle aufrecht und beherrscht auf, als stünden sie nicht vor der Kamera, sondern vor Gericht. Nur die kleinen Schnappschüße zeigen hier und da ein Lachen oder einen schiefen Blick. Oder haben gar ein paar Zentimeter nackter Haut eingefangen.

Bei einigen der Frauen auf den Fotos frage ich mich stets, wie sie wohl ausgesehen hätten, wenn ich mit ihnen heute einen Einkaufsbummel durch die Stadt hätte machen können. Ihre Leiber kommen mir anders vor als moderne Frauenleiber. So als würden Moden und Zeitgeschmack nicht nur die Bekleidung und die Art, sie zu tragen, bestimmen, sondern auch den Wuchs von Knochen und Fleisch und die Weise, beides in Einklang zu bringen, um zu einer Gestalt zu werden. Ich habe mit ihr manchmal darüber geredet. Leider war sie selten wirklich offen. Vielleicht weil manche meiner Fragen ihr zu intim oder zu schamlos vorkamen. Als wäre ihre erste Monatsblutung ihr Leben lang für sie ein Tabuthema geblieben Dabei hätte die mich gar nicht so sehr interessiert wie genauer nachzuempfinden, welches Gefühl sie damals für sich und ihren Körper hatte. Ob sie sich an sich selbst hatte erfreuen können, an ihren Bewegungen, ihrem Aussehen, an ihrer Wirkung auf andere Menschen und deren Wirkung auf sie. Ein wenig hatte sie sich manchmal dazu eingelassen. Als Reaktion auf mein Interesse und auch wohl, um nicht mir gegenüber ins Hintertreffen zu geraten. An ihrem Stolz war sie immer gut zu packen gewesen.

Dieser Koffer hier ist ein Ausdruck dafür. Der über ihren Tod hinweg noch Gegenstand gewordene Stolz auf sich selbst. Ich breite auf meinem Bett aus, was an Schätzen daraus zu Tag kommt. Ich wette, es hat sie heimlich zufrieden gestellt, zu wissen, wie sehr ich schwanken würde zwischen Abscheu und Begeisterung. Einen Moment verspüre ich eine ungeheure Verlegenheit, fast eine ganz körperliche Scham. Das hier sind alles vermutlich seit Jahrzehnten nicht mehr getragene Kleidungsstücke. Die kaum mehr Spuren jenes Körpers aufweisen dürften, den sie einmal schmückten. Warum sie diese Kleider aufbewahrt hat, errate ich in etwa. Sie und nur sie waren die Hüllen ihrer Jugend. Alles danach war bereits nicht mehr Jugend. Und die wenigen Jahre ihrer Jugend mochten ihr später als viel zu wenig vorkommen. Aus der Distanz des Alters zu einem raschen Moment zusammen geschmolzen, den sie durch solche Dinge künstlich zu verlängern suchte. Warum die Kleider nun an mich als eine Art Nachlass fallen sollen, weiß ich erheblich genauer. Oder es wird mir jetzt überhaupt erst so richtig klar. Es gibt nur einen Grund. Noch im Tode wollte sie den absurden Kampf um Schönheit nicht aufgeben, in den sie von Anfang an mir gegenüber eingestiegen war. Etwas, das uns viel mehr aneinander band als Zuneigung oder Barmherzigkeit oder ein anderes der für unseren großen Altersunterschied üblichen Gefühle.

Tatsächlich hatte ich immer diesen halsstarrigen Willen zur Konkurrenz in ihr gespürt. Mir und anderen Menschen gegenüber. Als sie noch aufstehen konnte, hatte ich sie bei ein paar Terminen beobachtet, zu denen ich sie und meine Chefin begleiten mußte. Sie war in der Tat scharfsichtiger und scharfsinniger als fast alle anderen Menschen, die ich kenne. Aber sie zeigte das viel zu sehr. Vielleicht um ihre körperliche Schwäche zu kompensieren. Oder doch nur aus purer Eitelkeit. Denn das war sie. Eine eitle, alte Frau mit Altersflecken auf der Hand, die sie nicht verbergen konnte und satt dessen hinter an Gemeinheit grenzende Attacken auf jeden und alles, der ihr zu nahe kam, verbarg. Und jeden verachtete, der darunter nicht ihre schöne Seele am Werke sah. Diese Meinung hatte sie von sich selbst. Davon war ich immer überzeugt, und der Koffer mit seinem fast widerlich aufdringlichen und intimen Inhalt beweist es mir erneut.

Es ist alles da. Zwei aufwendig genähte Kleider, etwas Schmuck, eine Stola, ein langer Schal, ein Haufen Wäsche, sogar silbergraue Seidenstrümpfe aus einer cremigen, dicken Seide, die eher unangenehm an die Wände eines für medizinische Zwecke verwendeten Schlauches erinnert. Zwei Paar dunkle Schuhe, die fast genau meine Größe haben. Ich habe einmal eines der bei ihr aus schwer zu ergründen Motiven herum stehenden Paare anprobiert, weil sie das so wollte und ich die rundliche, schwere Form der eleganten Pumps witzig fand. Sie paßten, waren nur um ein Deut zu klein. Keine Schuhe aus dem Laden, sondern solide, handgearbeitete Schuhe, die noch nach Jahrzehnten nicht abgetragen aussahen. Ob die anderen Sachen mir passen könnten, kann ich nur schwer beurteilen. Vom Ansehen her könnte es einigermaßen hinhauen. Aber ich empfinde heftigsten Abscheu davor, auch nur ein Stück dieser toten Garderobe anzuprobieren.

Das hat sie sicherlich geahnt. Und sich darüber amüsiert, möchte ich wetten. Es paßt zu ihr, wie die Sachen vielleicht zu mir passen könnten, überwände ich mich nur, sie zu tragen. Denn faszinieren tut mich diese Vorstellung schon. Auch das wird sie geahnt haben. Mag sein, sie hat sich zu Lebzeiten nie getraut, mich um diesen Gefallen zu bitten. Sie bat ungern um etwas. Wozu sie kein Recht zu haben glaubte, es sich zu nehmen, das erbat sie sich nicht. Sogar meine Besuche bei ihr behandelte sie weniger als freiwillige Zuwendung denn als geschuldete Aufmerksamkeit. Im Grunde, denke ich jetzt, hat sie mit mir Mutter und Tochter gespielt. Mein Kommen in die pflichtschuldigst abgelieferten Beweise der Zuwendung des Kindes verwandelt, und zugleich ihr mich Empfangen zur geschuldeten Hinwendung des Elternteils gemacht. Daß mir das nie aufgefallen ist, ärgert mich nachträglich. Und macht mich auch verlegen, weil ich ahne, wie viele und welch tiefe Gefühle sie doch in mich und meine wenigen Besuche bei ihr investiert hat. Während ich sie größtenteils einfach nur nicht leiden konnte und ihr allein deswegen oft Paroli bot. Was aber wiederum ihr gefiel, wie sie mir als Lebende nur durch die Blume hatte sagen können. Und es jetzt mir diesem Brief und dem Inhalt dieses Koffers nachholt.

Ich weiß nicht, ob wir einen Toten auf seltsame Weise wieder zum Leben erwecken können, indem wir zwar nicht in seine Haut, aber doch in seine Kleidung schlüpfen. Es zu tun hat mich große Überwindung gekostet, aber ich habe es getan. Sie hatte tatsächlich keine sehr viel andere Figur als ich. War möglicherweise ein paar Zentimeter kleiner, dafür aber ein wenig besser gebaut als ich. Das harte, matte Mieder mit seiner stählern anmutenden Spitze sitzt nur so eben und scheuert bei jeder Bewegung unangenehm. Die anderen Sachen passen besser. Die Strümpfe machen runde Knie und Beine, was ich eigentlich sogar mag. Und die unerwartet hohen Schuhe tragen sich so gut, wie sich nur maßgefertigte Schuhe tragen. Das beige Kleid sieht aus, als würden die Motten bald darüber herfallen, denke ich. Es könnte enger sein, länger, überhaupt frischer aussehen. Dann würde es in der Öffentlichkeit kaum Anstoß erwecken, trüge ich es dort. Ich sehe darin leicht rachitisch aus, was sehr korrekt an die Zeit erinnert, in der es einmal der letzte Schrei war. Zumindest in diesem Provinzstädtchen, wo es eine tapfere Schneiderin sicherlich nach den aktuellsten Vorlagen aus der Hauptstadt oder gar aus Paris angefertigt hat. Aber die lange Perlenkette, die ich zweifach um den Hals schlingen konnte, reißt das locker wieder heraus.

Sie hat Recht, denke ich. Mein fröhlicher Pferdeschwanz sieht zu diesem Kleid verboten aus. Ein Pagenkopf, oder etwas Wildes, woran der Friseur zwei Stunden zu arbeiten hat, das wäre genau das Richtige. Und dick aufgetragenes Makeup, als müßte ich die Spuren ausschweifender Nächte oder verbotener Konsumgewohnheiten damit verwischen. Ich zupfe mir die Haare etwas auf mondän, so weit das mit meinen überhaupt geht, und hole mir dann die Fotos zum Spiegel her, um nun vor Ort zu vergleichen. Denn das, dessen bin ich mir absolut sicher, ist exakt das, worum es ihr mit ihrem Nachlass ging. Ob sie mir gerade zuschauen kann, bezweifele ich. Aber ich bilde mir ein, sie hat alles bereits gesehen, was ich heute für sie getan habe. Sie hat in der Einsamkeit ihres Zimmers die Augen geschlossen und sich uns beide vorgestellt. Mich, wie ich ab und zu in Jeans oder einem der von ihr gehaßten, kurzen Faltenröcke ihr gegenüber trat. Und sich, wie sie vor langer Zeit einmal war und in ihren trotzigen Gedanken wohl immer geblieben war. Und dann hat sie eben den Vergleich angestellt, zu dem sie mich nun aus dem Grab noch überredet hat.

Unsere Gemüter haben sich nie wirklich berührt. Dazu waren wir uns zu ähnlich, was Stolz und Eitelkeit und ein paar andere Dinge anging. Unsere Körper haben sich kaum je berührt, mal eine Handreichung, mal ein versehentlicher Kontakt. Jetzt aber tun sie das, und das Gefühl ist überwältigend, gerade weil es so gemischt ist. Der Stoff auf meiner Haut ist hart und fremd und fast ein wenig ekelig. Ich bin froh, daß ich wenigstens mein eigenes Höschen angelassen und nicht eines der seidenen Fähnchen aus dem Koffer angezogen habe. Ich glaube, dann überwöge jetzt mein Abscheu. So kann ich diese unterdrücken, aber sie bleibt natürlich wie ein unentwegter Kitzel bestehen. Neben dem Ekel aber gibt es ein anderes, ganz entgegen gesetztes Gefühl. Das sich nicht auf die tote Frau richtet, jedenfalls nicht auf den Körper, den ich kannte. Sondern auf die Gestalt in den Bildern und im Geist dieser Frau. Plötzlich habe ich die abstruse Vorstellung, diesem Geist einen Körper zu liefern. Und das ist ein Gefühl quer durch die Palette aller Gefühle, die ein Körper nur produzieren kann. Das vor nichts Halt macht und keine Zelle in mir unberührt läßt.

Ich schaue mir eines der Bilder an, das ich am liebsten mag. Sie lehnt darin am dünnen Geländer einer Treppe, die steil einen Berg hinauf klettert. Hinter ihr ist eine Stadt zu erkennen, vielleicht diese hier, aber ich sehe zu wenig, was mir bekannt vorkommt, um das mit Bestimmtheit sagen zu können. Die Landschaft verschwimmt auch zu sehr in der Helligkeit der nur auf ihre Gestalt eingestellten Belichtung. Sie trägt genau das Kleid, das ich gerade trage. Und diese Schuhe. Nur eine andere Kette, und natürlich hat sie eine andere Frisur. Ihre Beine sind stärker als meine, mit ausgeprägteren Waden, die von den Schuhen noch zusätzlich gefordert werden. Und ihr Oberkörper hat mehr Volumen, auch wenn ihre Schultern nicht diese Massigkeit zeigen, die auf alten Bildern Frauen oft aufweisen. Sie lacht nicht, aber ich denke, sie hatte noch einen Moment zuvor gelacht. Und sie schaut um ein paar Zentimeter oben am Objektiv vorbei. Was ihrem Blick eine feine Nuance von Verruchtheit gibt, wie ich erst jetzt sehe. Ich bin mir sicher, der Mann, der das Foto geschossen hat, war mehr als nur ein Fotograf für sie. Was aber, das weiß ich nicht.

Schade, denke ich. Und mache mich daran, zu entscheiden, was sie gerne wollte, daß ich es entscheide. Also gut, sage ich mir und stelle mich kichernd in Positur und gucke zwischen meinem Spiegelbild und dem Foto hin und her. Das dauert, ich bin nicht weniger kindisch als die Alte. Die mich am Ende also doch noch gekriegt hat. Wozu auch immer sie mich hat haben wollen. Hier vor meinem Spiegel in ihren Sachen bin ich ihr so nahe, wie sie es wollte und wie sie es geplant hat. Darin hat sie absolut gewonnen. Das gefällt mir sogar, ich fühle mich auf einmal wohl in ihrer Kleidung und denke, daß ich darin gar nicht so schlecht aussehe. Ha, sage ich mir triumphierend, das war von ihr dann aber ein gewaltiges Eigentor. Denn schöner als sie, dessen bin ich mir nun sicher, sehe ich am Ende in ihren Sachen schon aus. Ob sie das gewußt hat, als sie den Brief schrieb und die Sachen einpacken ließ, ist etwas, über das ich die nächsten Jahre nachdenken werde. Was vielleicht, wie ich ahne, der wirkliche Grund des ganzen Theaters ist. Ein Stück Unsterblichkeit, das sie einem Menschen abgerungen hat, ohne darum zu bitten. Als arme Seele immer noch so stolz wie im Leben. Ich lache mein Spiegelbild an, ziehe mich wieder um und packe ihre Kleider sorgfältig in den Koffer zurück. Dabei denke ich alles andere als traurig an sie. Bin fast stolz auf sie. Eine alte Dame, die ich als Tote ebenso bewundern kann, wie sie mir als Lebende doch eigentlich eher zuwider war. Und die in ihrem hölzernen, selbstbewußten Stolz weder im Leben noch im Tode je nachgelassen hat. Selbst in ihrem Nachlass nicht. Den ich irgendwo verstauen und nur zu seltenen Gelegenheiten heraus holen werde. Für sie, und sicherlich auch für mich.

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Dienstag, Oktober 27, 2009

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Steilküste #7/talking

zurück zu #6

Die laute Musik vor uns verstummt, gerade als wir aus der engen Gasse kommen und auf den kleinen Platz hinaus treten. Beide verharren wir einen Moment im Schritt. Ein unsicheres Zögern, zumindest meinerseits, und vielleicht auch der Versuch, den Übergang von Dunkelheit zu Licht nicht so abrupt zu gestalten, als könnte ich damit die Rückkehr ins Vorher noch für ein paar Sekunden hinaus schieben. Die Schar der Gäste hat sich deutlich gelichtet, so daß unsere Ankunft rundum sofort auffällt.... (mehr) Ich schaue mich schnell um. Ein stämmiger Mann steht gebückt vor dem Ghettoblaster und schaltet träge daran herum, bis wieder neue Musik erklingt. Der stimmgewaltige Sänger von vorhin wird von einem melancholischen Gitarrenspieler abgelöst, der zwischen seinen komplizierten Griffen beinahe einzuschlafen droht. Wenigstens singt er nicht dazu, und seine so zart wie Grillengetrapse dahin schleichenden Akkorde genügen vermutlich viel eher den hier ziemlich laschen Lärmschutzbestimmungen als der Schreihals von vorher mit seinem Liebeskummer. Obwohl sich anscheinend niemand darüber beschwert hat. Vielleicht ein Rest französischer Lebensart, den die Leute in diesem Dorf sich bewahrt haben. Denn die Häuser auf dem Weg herunter sahen mir allesamr kaum anders aus als solche Häuser in Deutschland aussehen. Ein paar dicht herunter gelassene Jalousien waren sogar zu sehen. Vermutlich dauert es nicht mehr lange, und das Abspielen von Musik an einem Samstag Abend wird auch hier gesetzlich reguliert. Was am Ende auf ein Verbot hinaus laufen wird.

Das Stimmengewirr der Menschen an den Tischen setzt wieder ein, nachdem sich die dünne Sensation unserer Ankunft rasch verbraucht hat. Dank Alkohol und Sternenhimmel und anderen Gründen klingt es beinahe lauter als die zarten Gitarrenanschläge. Im Weitergehen vermischen sich unsere Schritt und die Musik mit dem Echo der Stimmen, das von den Häuserwänden wider hallt, zu einer schwerblütigen, unaufhaltsam müde machenden Geräuschkulisse. In mir nagt etwas Unangenehmes. Nicht die Angst vor dem, was vor mir liegt. Sondern davor, daß der Mann neben mir mich gleich wird gehen lassen. Was ich plötzlich auf keinen Fall haben will. Ich weiß, daß diese Hoffnung falsch ist. Daß schon die ihr zugrunde liegende Annahme völliger Unsinn ist. Aber plötzlich will ich Bernards Arm für immer um mich haben und nie wieder loslassen. Jeder andere Arm erschiene mir gegen ihn kalt und gefühllos. Nur dieser hier genügte mir. Das vernunftlose Wünschen eines Kindes, tadele ich mich und habe doch zu viel Verständnis für mich selbst. Wer sonst sollte das schon aufbringen? Vermutlich werde ich Bernard nur noch für die paar Schritte bis hin zu den Tischen spüren können, keine zwanzig Sekunden, wie ich im Kopf überschlage. Und dann für immer verlieren. Eine scheußliche Vorstellung, die wie ein Klumpen geschmolzenen Bleis im Millimetertempo meine Kehle hinunter sinkt. Wie ich damit umgehen soll, weiß ich jetzt nicht. Obwohl ich weiß, daß ich es wissen werde, wenn die Nacht erst vorbei ist. Aber in diesem Moment empfinde ist sie als unendlich deprimierend. Und auch beleidigend. Mich jetzt schon nach jemanden zu sehnen, der sich am anderen Tag wohl kaum einen Deut um mich scheren wird, ist einfach nur doof. Das sage ich mir nicht zum ersten Male an diesem Abend, der doch einfach nur schön sein könnte, wenn ich nicht wäre, wie ich bin.

Henk sitzt seinen beiden aufgekratzten Französinnen gegenüber, als wären wir nie in die Nacht hinein ausgeschwärmt. Trotz ihres angeregten Lachens warten sie alle drei ganz eindeutig auf uns. Auch Giselle hockt noch dort, wo sie zuvor saß, und tötet weiterhin still und entschlossen Glas für Glas den wehrlosen Wein. Mittlerweile stark zusammen gekrümmt und dadurch erheblich kleiner geworden. Und Patrick rennt mit seinem Tablett eifrig wie ein Wiesel zwischen den Tischen umher. Die paar übrig gebliebenen Gäste brauchen ihn anscheinend häufiger als die volle Belegschaft vom frühen Abend. Es wird rasch kühler, die Nacht regiert jetzt den Himmel uneingeschränkt. Henk wartet ruhig auf seiner Bank und schaut mir gelassen entgegen. Ich schaue erheblich weniger gelassen zurück. Jeder weiß Bescheid, denke ich. Das ist so ein Moment, wo das Leben inne hält, und alles sortiert sich aufs Neue. Man könnte so tun, als wäre an sich nichts geschehen. Oder man rennt auseinander und jeder haßt jeden. Oder setzt sich zusammen und schaut sich ruhig an, was alles in Menschen aufflackern kann. An Gier und an Dummheit, an Sehnsucht und manchmal sogar auch an Trost. In mir ist es friedlich. Und ich fühle mich stark. Ein verqueres Gefühl. Weil ich es selten empfinde. Und wenn, dann richtet es sich stets gegen mich.

So wie jetzt. Der Mann, in dessen Arm ich zu den Tischen zurück kehre, hält mich voller Stolz oder Übermut fest in seinem Griff. Will damit so eindeutig über mich herrschen, daß selbst mir es zu viel wird und ich mit einem flinken Ausfallschritt darunter hinweg tauche, um mich von ihm zu lösen. Und der Mann, zu dem ich mich nur einen Augenblick später brav wieder setze, umfängt mich mit fast dem gleichen Griff. Legt stumm seinen Arm um meine Schulter und schaut mich dabei an, als käme ein davon gelaufenes Schaf heim zu ihm und lieferte sich seiner Gnade neu aus. Das empört mich, aber nicht genug, um mich dagegen aufzulehnen. Mir kommt es vor, als hätte der eine Mann mich in einem Akt stummer Übereinkunft dem anderen übergeben. Vielleicht ist das sogar ein Teil der Wahrheit. Nicht nur ein kleiner Teil, sagt eine böse Stimme in mir. Na und, macht eine andere. Ich bin zu schwach, mit ihnen zu streiten. Ich kann nicht werten, was gerade geschieht. Nicht einmal mehr zornig werden. Morgen, vielleicht, sage ich mir träge. Severine lächelt mich kurz an und wirft Henk anschließend wieder vielschichtig interessierte Blicke zu. Suzanne grinst ganz offen und amüsiert sich köstlich über mich und Henk und vielleicht alle hier. Giselle ist allein und sieht nur ihren unbekannten Kummer und den Rotwein, der ihr ihn bunt anmalen hilft. Jeder sucht sich halt seinen Platz, sage ich mir, auf dem er gut steht. Oder sitzt. Das Leben hat sich geschüttelt, warf uns kurz durcheinander, und nun kullern wir alle genau dorthin, wo der lange Tag uns am Ende einen Fleck offen hält. Dennoch will ich das nicht einfach hinnehmen. Ich will nicht so tun, als wäre nur etwas Falsches oder gar Verzeihliches geschehen, das man besser schnell wieder vergißt. Ich bin doch kein Kind, auch wenn ich mir das viel zu oft wünsche. Ich will jetzt entscheiden und bestimmen, was ist und was mit uns geschieht. Mit mir, mit dem Mann, den ich nicht liebe, und mit dem Mann, den ich auch nicht liebe, aber der mir viel zu nah ist, als daß mir ein anderer Mann gegen ihn hülfe.

„Übersetze,“ fordere ich Henk auf, bevor mein Kleinkindermut mich wieder allein lassen kann. Er runzelt die Stirn und nickt. Tausend Punkte dafür. Ich schaue quer über den Tisch, wo sich Bernard still vergnügt wie ein gesättigter Buddha niedergelassen hat und nirgendwohin schaut. Jedenfalls nicht zu mir. Meine Blicke gelten nicht nur ihm. Dennoch mißfällt es mir, daß er nicht einen davon erwidert. Es macht mich unsicher und bringt mich fast ab von meiner abstrusen Idee. Doch ich kann nicht mehr zurück. Wartend schaut Henk mich an, und den Triumph will ich ihm auf keinen Fall gönnen, im letzten Moment noch zu kneifen. „Ich möchte sie alle einladen, für morgen Nachmittag, zu uns in unser Haus,“ verkünde ich laut und unüberhörbar. Und werde am ganzen Körper rot dabei wie eine Primaballerina, die gerade gepatzt hat. Henk zögert nicht und verwandelt meine Worte in einen langen, schwingenden Satz. Natürlich verstehe ich nichts, aber ich bin mir sicher, er verändert nicht ein Wort von dem, was ich damit ausdrücken will. Sie gucken nicht einmal erstaunt. „Werden sie kommen?“ Die Übersetzung ist diesmal sehr kurz. Severine nickt schnell, gefolgt von ihrer Freundin. Und dann, nach einem Zögern, das schmerzt, auch Bernard. Damit endet meine Kraft. Ich falle fast von der Bank und nur Henk hält mich noch. „Und jetzt will ich nach Haus,“ bringe ich noch heraus, dann lehne ich schlaff und erschöpft an Henks Arm und verschließe mich vor dieser Welt.

Im Auto sammeln wir beide neue Kraft. Ich kann nicht weg, also bleibt mir wohl oder übel nichts anderes übrig. Henk fährt präzise und ruhig dahin und ich bin ihm dankbar dafür. „Und was war das jetzt?“ fragt er nach einer Weile. Ich richte mich auf und wappne mich vorsorglich für das wohl unvermeidlich Kommende. „Leichtsinn? Rache? Geilheit? Verzweiflung? Oder nur Spaß?“ nenne ich mögliche Gründe. Er lacht böse. „Deinerseits oder seinerseits?“ - „Beiderseits!“ „Wolltest du mir beweisen, daß ich keine Rechte auf dich habe?“ will er wissen. Ich tue so, als würde ich nachdenken. „Auch,“ kommt dabei heraus. Sofort hakt er nach. „Denkst du, ich wollte überhaupt welche haben?“ Ich seufze, was dumm ist, denn das signalisiert genau das Falsche. Ich spüre, wie er aufbrausen will. Also versuche ich, es durch Nachgeben wieder gut zu machen. Auch ein Fehler. „Ich denke, du hast schon mehr als genug.“ - „Wie das?“ - „Weil es immer so ist.“ Er stößt scharf die Luft aus. „Bei dir ist immer alles schon immer irgendwie so und so.“ - „Ja. Das beruhigt mich.“ - „Aber es trifft nur selten zu.“ - „Was trifft schon immer zu?“ - „Daß es falsch ist, einen Menschen zu kränken.“ Das sitzt natürlich und ich weiß eine Weile nicht, womit ich ihm kommen soll. Ich fahre mein Fenster herunter und halte den Kopf hinaus in die Nacht. Nicht lange, weil ich nicht sehen kann, was mir entgegen kommt, und ich Angst kriege, daß ein zu nah an der Straße stehender französischer Chausseebaum mein hoffnungsvolles Leben vorzeitig beenden könnte. Aber die kühle Luft hilft mir dabei, wach zu bleiben und mich nicht aufzugeben. Und nicht zu heulen. Auch ich habe Ehrgeiz, wenn es hart auf hart kommt.

„Ich habe dich gekränkt,“ stellt Henk mit überraschender Feinfühligkeit fest, als ich körperlich wieder komplett ins Auto zurück geklettert bin. „Nicht nur,“ beweise ich das gleiche, wie ich hoffe. „Warum hast du ihn dann zu uns eingeladen?“ Oha, denke ich resigniert, wird das nun wirklich die Nacht der scharfen Analysen? „Weil ich ihn wiedersehen will.“ Schärfer als die Wahrheit ist sicherlich nichts. Ich will ihn wiedersehen. Ja! Ich will wieder seine Hand auf mir spüren, ich will seine Arme um mich haben und seine Wärme trinken und vielleicht noch viel mehr. „Wollte er das auch?“ Doch, es gibt tausendfach Schärferes, wie Henk mir postwendend beweist. Meine Zunge fühlt sich sofort trocken an. Viel los ist nicht mehr mit mir heute Abend. „Ich weiß nicht,“ setze ich auf kleinlaut. Weil ich kleinlaut bin. Ich habe das Zögern auf der anderen Seite des Tisches durchaus noch im Sinn. Henk streckt prompt seinen Arm aus, als linderte ausgerechnet sein Arm mir diesen einsamen Schmerz. Eine Geste, die zwar nicht gegen ihren Anlaß hilft, aber dennoch wohltuend wirkt. Wie oft wohl schon ein schmählich Zurückgewiesener den ihn schmerzenden Schmerz der ihn herzlos Zurückweisenden versucht hat zu lindern. Ein Schmerz, den nicht er, sondern ein anderer ausgelöst hat. Was er weiß, was ihn daher so wild wie kaum etwas anderes schmerzt und verzehrt. Und dennoch versucht er, das zu tun, was zumindest in jenem Moment, wo er es tut, sie doch von niemanden haben will als von dem Anderen. Von dem sie jedoch niemals bekommt, was der, der jetzt da ist, nur zu gerne ihr gäbe. Und das, oh ja, das tut ihr richtig tief weh. Dies verzwickte Drama ist an sich schon die eine oder andere Träne wert, insbesondere, weil ich mich ein wenig darin verheddere, als ich den Gedanken bis zu Ende zu verfolgen versuche.

„Warum machst du dich so verletzlich?“ fragt er vorsichtig. „Weil ich es bin.“ Ein paar hundert Meter Schweigen beweisen mir, wie sehr das nicht nur auf mich zutrifft. „Nein, das stimmt nicht,“ reißt er dann meine gerade gewonnene Position der Schwäche wieder nieder, „das bist du nicht. Du willst es nur sein.“ - „Und warum?“ - „Weil es ein brauchbares Minenfeld ist.“ - „Wozu? Um dich von mir fern zu halten etwa?“ Er lacht meckernd. Vielleicht sollte einmal jemand die zehntausend Arten auflisten, wie Menschen auflachen, wenn du es einmal geschafft hast, einen Nerv bei ihnen zu treffen. Sein Lachen jetzt klingt verletzt, rachsüchtig und wild. Und doch auch leise bereit zur Verhandlung. Mit einem Unterton von krachender Überheblichkeit. Der am Ende überhand nimmt. „Verletzlichkeit ist wie eine nachgiebige Mauer, die sich immer wieder von selbst repariert,“ verkündet er. Der Triumph in seiner Stimme ist so stark wie die Aussage flach. Ich weiß darauf nichts zu sagen und frage mich, woher er das hat. Es klingt auswendig gelernt, aus einem langweiligen Film oder einem zu ambitionierten Buch. Obwohl es nicht ohne Wirkung auf mich bleibt. Aber auch ich habe ein paar Pfeile im Köcher für ihn.

„Hat dir die Kleine gefallen?“ Bewußt bleibe ich vage, und er tappt mir in die Falle. „Severine?“ Jetzt lache ich schrill und gemein auf. Diesmal ist der Triumph ganz bei mir. Mein Lachen hört sich gar nicht gut an. „Wir heiraten im Oktober,“ witzelt er viel zu bemüht, „und im März kommt dann unser Sohn.“ Ich will etwas Schlaues erwidern, aber wie so oft fällt mir im richtigen Moment nichts Schlaues mehr ein. „Hat er wenigstens ein Kondom benutzt?“ erwischt dafür er mich kalt an einer sehr schwachen Stelle. „Wozu?“ schnappe ich wütend und ohne jedes Nachdenken zurück, „ich hab ihm einen geblasen. Willst du mal schmecken?“ Er reagiert so prompt, daß er mich völlig überrascht, weil der Schreck über meine eigenen Worte mich abgelenkt hat. Seine Hand hat mir geschickt wie der Teufel das Kleid an den Beinen hoch gezerrt, bevor ich überhaupt begriffen habe, was er vor hat. Und der Strich seines Fingers quer durch meine Scham ist schlimmer als ein Schlag ins Gesicht. „Und was ist das?“ stößt er donnernd wie ein vom heiligen Zorn ergriffener Inquisitor hervor. Und hält mir seinen Finger direkt vor die Nase.

Ich bin starr vor Zorn und Scham. Und auch Schmerz. Er zieht seine Hand zurück, aber meine Nacktheit bleibt zwischen uns wie eine für immer offene Wunde. „Tu das nie wieder,“ zische ich ihn tonlos an. Er nickt und schweigt und schafft es nach langen Sekunden zu einem fast hinreichend zerknirscht sich anhörenden „Tut mir Leid. Ich bin verrückt. Bitte verzeih mir.“ Ob ich das kann, weiß ich nicht. Ich will es, das spüre ich ziemlich genau. Und arbeite tapfer daran. Aber das wird dauern. „Warum machst du so was?“ frage ich ihn Minuten später. Ich weiß das tatsächlich jetzt nicht. Eigentlich meine ich womöglich auch etwas ganz anderes als das, was er gerade getan hat. Ich kann vor Zorn kaum richtig denken. Henk haut wütend auf das Lenkrad. „Weil ich eifersüchtig bin,“ klärt er mich völlig überflüssig auf, als wäre ich so dämlich, wie ich mich vielleicht für ihn anhören muß, und wollte nur das Offensichtliche hören. Das ernüchtert mich ein wenig. „Und das wärst du nicht, wenn ich deine Geliebte wäre? Bestens verstaut in dein anderes Leben? Das, wo du einen ruhigen Platz hast, genau das zu tun, was du so prima kannst?“ - „Hatten wir das nicht schon geklärt?“ - „Nein, hatten wir nicht. Du hast dich nur aus der Affäre gezogen.“ - “Aus welcher?“ - „Klipp und klar zu sagen, was du von mir willst!“ - „Na ja,“ sagt er gedehnt, und ich weiß genau, was jetzt kommt, „natürlich das, was der kleine Franzose von dir heute Abend gekriegt hat.“ Für einen Moment bin ich nahe dran, zu kapitulieren und in Tränen auszubrechen. Weil er nicht ganz Unrecht hat mit seinen Vorwürfen, und weil ich spüre, wie sehr wir einander weh tun, obwohl wir beide an sich doch genau das Gegenteil wollen. Aber auch ich kann Breitseiten auslösen, wenn jemand mich damit beschießt. „Dafür hat er mir aber auch eine Menge gegeben,“ stelle ich leise fest. Das läßt nun ihn für eine Weile verstummen.

„Was?“ will er schließlich wissen. Als würde ich das ausgerechnet ihm jemals sagen. „Was willst denn du mir geben?“ antworte ich mit einer Gegenfrage. Das ist das Einfachste, wenn du dir nicht anders zu helfen weißt. Henk nickt, als würde er sich dasselbe selbst immer wieder fragen. „Offenbar nichts, das dir genügt,“ bemitleidet er sich, was aber an mir abprallt. „Eine zwangsweise Schoßkontrolle jeden Abend will ich jedenfalls ganz sicher nicht!“ - „Ja, klar. Das tut mir Leid.“ - „Mir auch.“ - „Wird das jetzt zum ewigen Stolperstein?“ - „Glaubst du, es erfülle nicht alle Voraussetzungen dazu?“ - „Glaubst du, Menschen machen nie Fehler?“ - „Nein. Aber jeder muß für seine Fehler bezahlen.“ - „Wie edel! Hast du das im Stickrahmen an der Wand hängen?“ Ich hole tief Luft. „Nicht, Henk. Laß uns damit aufhören. Bitte!“ Er brummt etwas, das nach Zustimmung sich anhört. Kann es dann aber doch nicht lassen, weiter zu bohren. „Den perfekten Menschen findest du nie.“ - „Sag nur!“ - „Und vielleicht muß du auch einmal sagen, was du willst.“ - „Ich will nach Hause.“ Ein paar Atemzüge lang lauschen wir wie erschrocken dem Wort hinterher. Es bedeutet uns fast das Gleiche, spüre ich. Und beide wissen wir nicht, was.

„Du kannst doch nicht dein ganzes Leben so weitermachen,“ stellt er fest. Er klingt ruhiger und viel gefährlicher. Vielleicht hat er nur einen Schuß ins Blaue abgegeben. Zunächst muten mich seine Worte reichlich unvermittelt an. Dann aber stecken sie mir schon bald wie eine lamge Lanze quer in meinen Gedanken. Genau dort, wo es nicht allzu viele Ausflüchte gibt. Zum ersten Male habe ich richtige Angst vor ihm. „Tue ich auch nicht,“ verteidige ich mich hilflos und wütend, „aber es scheint doch immer wieder jemanden zu geben, der es nur zu gerne ausnützen würde, wenn ich das täte.“ Das prallt an ihm ab. Er fühlt sich zu sehr im Recht, um nach innen zu schauen. Sieht statt dessen lieber scharfsinnig auf meine Seite herüber und zählt dort die Fäden in meinem Gewand. „Du gibst vor, auf deinen Beinen stehen zu wollen, und wenn es dir paßt, soll dich dann doch jemand Starkes eine Weile butterweich herum tragen.“ - „Ja,“ gebe ich zu, „das ist wohl die Gangart der meisten Menschen, die sich selbst nicht genug sind.“ - “Das ist einfach nur bequem.“ - „Wenn du das für bequem hältst, darfst du gerne mit mir tauschen.“ Das arbeitet ein paar Sekunden an ihm. „Und wenn du schwanger wirst?“ kommt er wieder aus der anderen Richtung. Wo meine Mauern deutlich schwächer sind und weniger Armbrustschützen hinter den Zinnen lauern, so daß er sich vielleicht einbildet, er könne auf diesem Wege leichter zu mir vordringen. „Bis dahin kann ich Französisch so gut wie Holländisch,“ witzele ich mich über meine geheimsten Befürchtungen hinweg. Mit einem eifersüchtigen Mann über meine Kinderwünsche zu sprechen, erinnert mich zu sehr an die weniger schönen Minuten beim Frauenarzt. Und Henks besitzergreifende Attacke auf meine Gebärmutter ist eine bodenlose Unverschämtheit. Wenn er mir zu guter Letzt mit den üblichen Krankheiten kommt, fahre ich noch diese Nacht zurück, schwöre ich mir. Auch wenn ich mir dazu einen Hubschrauber mieten müßte.

Ich kann ja verstehen, daß er alles andere als erfreut über mich ist. Ich selbst fühle mich verkehrt und moralisch nicht allzu gut abgesichert. Aber meine Wut auf Henk ist stärker als das. Sein Handeln hat genau die kindische Rücksichtslosigkeit eines kleinen Jungen. Bekommt er nicht, was er will, macht er kaputt, was er bekommen könnte, um darüber hinterher auf den Tod traurig zu sein und sich letztlich mit dem zu begnügen, was er nie wollte. Wie viele heiße Lieben auf diese Weise in kalte Zweckgemeinschaften oder gar in Haß einmündeten, möchte ich nicht wissen. Ich bin auch ohne das schon wütend genug. Als Henk seine Hand ausstreckt und versucht, mir das Kleid wieder über meinen Schoß herunter zu ziehen, schiebe ich sie heftig fort. Dort nackt zu sein ist etwas, das absolut stimmt. Und mir ein Gefühl von Macht vermittelt. Vielleicht, denke ich etwas angewidert, weil es nur um diesen Schoß geht. Heute Abend, wie so viele andere Abende auch. Obwohl dieser Gedanke weh tut, erscheint er mir richtig. Was sicherlich gefährlich ist. Die Intensität, mit der Worte uns verletzen, nehmen wir zu gerne und oft fälschlich für ihre Wahrhaftigkeit. Bei jedem Streit gibt es einen Punkt, an dem die einander ausstechenden Ehrlichkeiten sich darin überbieten, jede scharfkantiger und gemeiner als ihre Vorgängerinnen zu werden. Dann macht niemand mehr vor nichts mehr halt. Ich kann so etwas recht gut, viel besser als in die andere Richtung zu rudern, an Land zurück, wo es ruhiger zugeht und niemand ertrinkt.

Ich gucke zu ihm hin und spüre alles, was ich für ihn fühle, auf einmal. Mein Zorn und meine Schuldgefühle gewinnen. Für einen Moment will ich ihm weh tun. Ich weiß das so klar, wie ich weiß, daß wir nicht Tag haben sondern Nacht. „Na, was ist, Henk,“ frage ich laut und deutlich und hebe auffordernd mein Becken aus dem Sitz hoch und lasse es lockend zu ihm hin zucken, „willst du nicht wie ein richtiger Kerl darüber steigen, damit alles wieder im Lot ist?“ Er erstarrt, wie ich auch. Meine Geste ist obszön und erschreckt mich. Und dennoch fühle ich eine heiße Befriedigung darüber, ihn so gemein angegangen zu haben. Ganz sind wir nicht quitt, die Erinnerung an seinen Finger verblasst noch längst nicht in mir. Aber ich bin mir sicher, ein paar hübsche Meter aufgeholt zu haben beim Rennen um den der ersten Preis im Fies sein. Henk räuspert sich, bevor er spricht. Und dann kommt es scharf zu mir herüber geschossen. „Hattest du heute noch nicht genug?“ Auch in ihm brodelt wilder Zorn. „Nein,“ gebe ich kalt zurück, „es hat mich noch keiner in den Dreck geschmissen oder geschlagen. Möchtest du jetzt vielleicht einspringen?“

Er biegt von der Straße ab und hält neben einem Gebüsch. Ich kämpfe mit Panik und rechne mit allem, aber er streckt nur seine Hand aus und streicht sanft über meine Haare hinweg. „Verletze ich dich so sehr?“ fragt er nach einer sehr langen Zeitspanne. In der sich womöglich unsere beiden Gemüter ein wenig beruhigt haben. Schweigen schafft manchmal, was Worte nicht vermögen. „Ich weiß nicht,“ kommt meine Standardantwort. „Ja. Nein. Doch.“ Henk lacht vorsichtig. „Was nun?“ - „Alles verletzt mich,“ gebe ich wenig spezifisch zu. Worauf er nichts zu sagen weiß, wen wundert es. „Ich habe Angst vor jeder Veränderung,“ werde ich genauer und zugleich auch ungefährer, „vor Neuem, Fremdem.“ „Davon war aber heute Abend wenig zu spüren,“ schnappt er gleich wieder ein. Ich blitze ihn wütend an. „So, meinst du das?“ Er nickt. „Ja. Mut zumindest hast du bewiesen.“ - „Das braucht keinen Mut. Nur Leichtsinn.“ Und ein paar andere Zutaten, aber die will ich jetzt nicht benennen. Behutsam hat Henk mir das Kleid doch wieder über den Bauch herunter gezerrt. Ich habe zugeschaut und mich nicht gerührt. Ich weiß tatsächlich im Moment nicht viel über das, was ich empfinde. Dafür aber mehr über das, was in meinem Begleiter vor sich gehen mag. Wäre es nicht so ein Klischee, würde ich seinen Kopf in meinen Schoß herunter ziehen. Jetzt, wo der wieder sittsam bedeckt ist, hätte das nicht einmal mehr die falschen Anklänge. Ich verzichte auf jedes Risiko und begnüge mich lieber damit, meinerseits mit meinen Fingern durch seine Haare hindurch zu fahren. „Du hast auch Angst,“ sage ich so weich wie möglich, damit er aus Eitelkeit nicht gleich abblockt. „Bist du dir sicher, daß es klug ist, wieder in dein komisches Dorf zurück zu kehren?“ Er schweigt, aber die Art, wie er seinen Kopf in meine Hand hinein dreht, zeigt, wie wohl ihm das tut. Und das belebt mich schneller, als vieles andere das nun könnte.

„Du kannst keine Beziehungen aus dem Jetzt ins Später hinüber retten, wenn sich dein Leben total umkrempelt,“ trage ich altklug vor wie eine Kosmetik-Beraterin bei der Vorführung ihrer neuesten Kollektion. „Und selbst wenn, bringen sie nie das mit, was du dir davon erhoffst.“ Woher ich diese sich gräßlich platt anhörenden Weisheiten nehme, ist mir selbst nicht ganz klar. Aber sie klingen mir, als paßten sie auf Henk. Zumindest bin ich mir mittlerweile dessen sicher, was ich für ihn bedeute. Einen Teil seines schon viel zu lange ausgedehnten Lebens in der Ferne, denke ich. Fern der Enge seiner Kindheit, deren Vorteile er dennoch braucht, aber nicht einmal weiß, ob er sie je wieder bekommen wird. Ich stehe für das Leichte und herum Streunende, das er aufgeben will oder glaubt zu müssen. Aber genau das wiederum nicht gänzlich tun möchte. Im Grunde will er, daß ich so bin, wie er denkt, daß ich sei, damit ich ihm rette, was er zu verlieren befürchtet. Ich soll sein, was er nicht sein zu können befürchtet. Oder zumindest den Anschein davon ihm vermitteln. Selbst wenn es dann so schlecht für ihn ausgeht wie heute Abend. Doris kann das womöglich für ihn nicht. Besitzt nicht das, was er möchte und was ich immer in ihr vermutet habe. Vielleicht war ich für Henk stets viel wichtiger, als ich je ahnte. Und all meine gespielte oder auch nicht gespielte Eifersucht auf seine Freundin war meine unbewußte Art, ihm zu zeigen, was er mir bedeutete, ohne daß ich das je gesagt oder auch nur deutlich so gesehen hätte. Er aber hat es wohl immer so gesehen. Das wäre eine gute Erklärung für dieses Wochenende, sogar für die Geschichte mit Bernard. Ich stünde auf jeden Fall dabei erheblich besser da, als ich noch vor wenigen Minuten mir erhofft habe. Ein Effekt, der mich wieder mißtrauisch macht. Zu gerne glaube ich den Hypothesen, die mich weich und warm unter eine Decke betten statt mich in der Kälte stehen zu lassen.

„Als ich von zu Hause weg ging, wollte ich nie wieder zurück kommen,“ fängt Henk an, sich selbst und mir zu erzählen, wie es nie war. Ich höre das schon am Tonfall. Die breiige Mischung aus um eine Schicht zu dick aufgetragener Rührseligkeit und drei Meilen gegen den Wind zu riechender Aufrichtigkeit verrät es mir. Das Ehrliche an solchen Erzählung ist nie der Inhalt, der obendrein meistens noch so vorhersehbar ist wie der Plot eines prämierten Films. Es ist vielmehr die einfache Tatsache des Erzählens. Oft ändert sich die Geschichte während dessen und ein paar solidere Dinge kommen zum Vorschein. Das ist jedoch ebenfalls nicht sehr wichtig, Was zählt ist, daß jemand sich erzählen will. Und Henk will das jetzt. Ist bereit, alle Kränkungen, die ich ihm heute Abend zugefügt habe, in den Wind zu schlagen und mir seine Geschichte wie eine zuerst zurückgewiesene und dann am Ende doch zum Erfolg führende Zärtlichkeit aufzudrängen. Das kann dauern, weiß ich. Kommt einer dabei erst einmal in Fahrt, darfst du auf keinen Fall etwa nach der Uhr schauen. Einen Moment schwanke ich, es dennoch zu tun. Das meiste von dem, was er mir sagen wird, kenne ich bereits, und den Rest könnte ich erraten, wenn ich mich anstrengen würde. Doch natürlich gebe ich ihm am Ende nach und höre brav hin auf das, was er für mich nun erfindet. Daß ich nicht nur an seine Haare denke, während ich sie ihm durcheinander bringe, merkt er gar nicht.

Ich schmücke mir alles etwas bunter aus, was er mir erzählt. Die endlose Fabel von der Kindheit, die scheinbar Licht und Schatten im guten Verhältnis vereint. Aber den Schatten stets zu weich zeichnet, so daß das Schreckliche im Nachhinein fast wie das Vertraute werden kann. Und die Fabel von der Fremde, die genau das Umgekehrte macht. Henk war mir in diesen Punkten schon immer sehr nahe. Und hat mich damit oft fasziniert. Weil er niemals eine dieser vielen Schichten dauerhaft dominieren ließ. Je nach Tagesform schimmerte etwas anderes durch. Heute Abend will er seine gesamte Vielfalt auf etwas Einfaches reduzieren. Purer Blödsinn, selbstverständlich, aber er braucht das. Weil er sich darstellen und spreizen will für mich. Weil er eifersüchtig ist und den Kampf der Gockel nicht scheuen möchte. Weil ich ihn zutiefst getroffen habe, wie ich allmählich immer deutlicher sehe. Nicht nur damit, daß ich mich Hals über Kopf mit einem Fremden eingelassen habe. Das könnte er verzeihen, weil es tief in ihm drin auch ihm schmeichelt. Auch nicht nur damit, daß ich ihm nicht zu geben bereit war, was er sich gerne genommen hätte. Er weiß ja kaum, was er will, wie kann er dann Zorn empfinden, eben das nicht zu kriegen? Was ihn trifft, ist vor allem eines: daß ich genau den Schritt nicht machen werde, um den herum sein Denken und Fühlen kreisen. Ich gehe nicht zurück nach Hause. Nicht dorthin, wo ich hergekommen bin. So wie er es tun will und tun wird und vielleicht meint, tun zu müssen. Daß der Grund für diesen gewaltigen Unterschied ganz simpel darin liegt, daß ich keines habe, wohin ich zurück gehen könnte, dafür aber er, das läßt er nicht gelten.

Im Grunde verärgert mich, daß Henk fast die gleichen Ängste und Unsicherheiten mit sich herum trägt wie ich auch. Daß er sich nach einfachen Sicherheiten sehnt wie ich und an Dingen hängt, die auch ich nicht loslassen will. Manchmal wünsche ich mir sehnlichst, daß einige der Fassaden, die Menschen um sich hoch halten, doch bitte zutreffen sollten. Es wäre bequemer oft. Und ich mißtraue dem Gefühl der Übereinstimmung, daß die scheinbare Offenheit einer intimen Erzählung so leicht in mir auslöst. Wenn wir alle tief im Inneren gleich wären und nur die gräßlichen Umstände uns unterschieden, machte der ganze Zirkus zwischen den Menschen mir keinen Sinn. Insgeheim wünsche ich mir schon, daß andere Menschen nicht so sind wie ich. Nicht so gut wie ich und nicht so schlecht. Jetzt zum Beispiel bin ich ganz schlecht. Ich bin derart müde, daß ich Henk nicht länger zuhören kann und will. Es gibt nur eine Möglichkeit, einen Mann, der dir nachts im Auto lähmend ausgiebig sein Leben erzählen will, zu stoppen, ohne dir deswegen wirklichen Ärger mit ihm einzuhandeln. Nämlich deinen Körper. Der Ziegenfuß dabei ist, daß er annehmen wird, du wärst von seiner wunderbaren Geschichte vollkommen überwältigt. Ich bin überzeugt, die Idee der mutigen Extrapolation wurde niemals von einer Frau erfunden.

Ich rutsche näher zu ihm hin und passe einen günstigen Moment ab, wo seine leicht verworrenen Aussagen zu einer Art Zwischenabschluss geführt haben. Und küsse ihn dann. Kralle meine Hände um seine Ohren und lege richtig Ehrgeiz hinein. Mit nur sehr wenig schlechtem Gewissen im Hinterkopf, denn es dreht sich dabei in Gestalt meines Schlafes um einen guten Zweck. Anfangs ist er nicht ganz bei der Sache, aber das ändert sich schnell, als ich mich auf seinen Schoß schwinge. Zur Strafe für meine Heuchelei ramme ich mir dabei das Lenkrad in die Hüfte, und in meinem rechten Bein meldet sich zaghaft die Andeutung eines Krampfes. Womöglich, weil ich heute etwas zu viel herum geturnt bin, denke ich und kichere insgehiem darüber bösartig und fröhlich und auf jeden Fall stumm. Tapfer ignoriere ich alle Pein und alle Unbequemlichkeit und mache todesmutig weiter. Was Henk endlich überzeugt, seinerseits mit Fleiß und Elan mitzumachen, so daß ich es eigentlich langsamer angehen lassen könnte. Das Verrückte aber ist, daß ich auf einmal wie wild geil werde. Nicht nur wegen ihm, natürlich, und auch nicht auf ihn. Vielleicht nicht einmal wegen eines einzigen, konkreten Menschen. Meine unaufgelöste Erregung von vorhin ist mit einem Schlag wieder da und hat mich in der Hand. Mehr als Henk, der hektisch an mir herum zu zuppeln beginnt in dem komischen Versuch, gleichzeitig mich an sich zu ziehen und sich doch Platz zu verschaffen, um seine Hose unter mir zu öffnen. Das fruchtlose Gezappele rettet mich. Denn wenn ich eines nicht will, dann ist das, jetzt mit Henk Sex im Auto zu haben. Oder überhaupt Sex.

„Komm, hör auf,“ flüstere ich, inhaltlich nicht allzu sinnvoll, und muß es mehrfach wiederholen, bis er schließlich auf mich hört und ruhiger wird. Dann lacht er, was mich freut. Ihn zu stoppen hätte durchaus anders ausgehen können. „Das mit dem Drübersteigen geht wohl in beide Richtungen nicht,“ meint er. Ich nehme es als witzige Bemerkung und grinse pflichtschuldigst. „Können wir nicht den ganzen Sex außen vor lassen?“ frage ich. Oder rege es vielleicht sogar ernsthaft an. „Kannst du mich so sehen?“ fragt Henk langsam. Mir liegt schon ein Witz auf der Zunge, etwa, daß es viel zu dunkel sei dazu, denn seine Frage bedeutet mir zu viel. Er will ja nicht, daß es beim Ansehen der Körper bleibt, denke ich. Überhaupt auch nicht, daß es nur bei den Körpern bleibt. Daß Gefühle immer verschieden sind, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Das nie zwei Menschen gleiches oder gleich viel voneinander wollen oder gegeneinander haben, auch. Es ist dennoch immer wieder überraschend, wenn du es so heftig unter die Nase getrieben bekommst wie jetzt. Plötzlich muß ich daran denken, daß Henk und ich so lange befreundet waren, ohne daß ich unsere Beziehung als eine erotische Beziehung gesehen habe. Mag sein, es hat zwischen uns nur deswegen gut funktioniert, weil der Sex nicht gut funktionierte. Das hat sich an diesem Wochenende abrupt geändert, und diese neue Sichtweise bringt offenbar uns beide mächtig durcheinander.

„Was wäre gewesen, wenn wir dieses Wochenende überhaupt keinen Sex miteinander gehabt hätten?“ frage ich Henk. Er runzelt die Stirn. Sieht fast ein wenig erschreckt aus, als würde ich damit drohen, ihm sein Lieblingsspielzeug zu entwenden. Das ist so unendlich viel mehr Mann als seine ganze, eher lächerliche Wut über Bernard, daß ich ihn sofort wieder doppelt so gerne habe. Natürlich auch, weil mir die darin liegende Anerkennung unendlich schmeichelt. Worte sind ja gut und schön, aber dem Mann vor dir unmittelbar anzusehen, wie wenig ihn die Aussicht begeistern kann, daß du für ihn und seinen Schwanz nicht erreichbar sein könntest, hat doch einen ganz eigenen Gehalt. Ich küsse ihn erneut. Diesmal mit beinahe ehrlicher Zuneigung und nicht nur, um ihn zu beruhigen. „Keine Angst,“ versuche ich sogar, einen Scherz in sein Ohr hinein zu wispern, „die Häufigkeit passabler Männer hier an der Küste spielt dir in die Hände.“ Das ignoriert er, wie die meisten meiner schwachen Versuche, witzig zu sein. „Vielleicht hätten wir uns dann getrennt und nie wieder gesehen,“ beantwortete er ganz ernsthaft meine Frage. Zu meinem Glück, denn er könnte die Gelegenheit gut ausnutzen, mich auf den Kardinalfehler meiner albernen Aussage hinzuweisen. Daß der ihm nicht ins Auge fiel, kann ich mir nicht denken. „Oder ein sehr spannendes Agreement hingelegt,“ ergänze ich daher erleichtert. Er reagiert kaum. Er ist mindestens so angeschlagen wie ich. Ich kann also nur hoffen, daß er wenigstens den Weg zurück zum Haus findet, denn ich habe keine Ahnung, wo wir uns gerade befinden. Statt auf mein recht dünnes Angebot einzugehen, verlegt er sich auf einen nicht endenden Kuß. Der die Muskulatur in meinem Nacken auf eine harte Probe stellt und mich nicht davon überzeugen kann, unsere halbherzige Knutscherei weiter ausbauen zu wollen. Da klingt mir auch zu viel roher Besitzanspruch mit, und trotzige, eitel konkurrierende Erregung. Sicherlich nicht nur pure Lust. Auch er versteckt sich also manchmal hinter Erotik, denke ich erfreut und genieße dann seinen Kuß, so weit es geht. Henk gibt sich alle Mühe, trotzdem rechne ich nicht mehr mit heftigen erotischen Aktivitäten. Zu vieles ist heute Abend bereits passiert. Und ich bin hundemüde und spüre unten in mir immer noch den bösartigen Nachhall seines Fingers.

„Eine Trennung hat einfach mehr Größe,“ flüstert Henk mir zu, nachdem ihm beim Küssen die Luft ausgegangen ist. Zuerst amüsiere ich mich innerlich über diese gigantische Aussage. Natürlich weiß ich, daß Niederlagen immer großartiger sind, wenn du es vom Standpunkt der Dramatik aus siehst. Scheitern ist nun einmal der einzige Stoff der Tragödie. Erfolg ist das nie. In dem jeder ohnehin lieber den Keim späteren Scheiterns sieht, wenn es nicht gerade der eigene ist. Daß ich gerne in der hellen Sonne spazieren gehe bedeutet ja nicht, daß mich die dunklen Ecken kalt ließen oder ich nicht um sie wüßte. Aber für mich selbst würde ich mir von Herzen gerne etwas weniger Dramatik und dafür etwas mehr Licht wünschen. „Ach Henk,“ mache ich und ziehe mich so fest an ihn heran, daß ich mir selbst damit die Luft aus den Lungen presse, „ich werde dich ganz bestimmt in zwanzig Jahren einmal besuchen kommen. Als deine alte Freundin aus den glorreichen Studientagen.“ Er kichert zustimmend und geht rasch auf mein Gefasele ein. „Klar, wenn wir erst beide alt und grau geworden sind und unsere Falten als Zeichen weiser Lebenserfahrung verkaufen statt als Mängel.“ Ich gebe ihm eine Kopfnuß. Ich bin jetzt wieder stark. „Du hast dann vielleicht Falten, aber ich bestimmt nicht. Ich wette, du wirst mehr als genug Runzeln im Altmännergesicht, um meine Neugier auf dich sehr herb zu enttäuschen.“ Er hat wieder Luft zum Küssen und geht erneut ran, aber ich mache mich rasch frei. Das Bild gefällt mir viel zu gut. „Und dann werde ich die Fotos deiner Kinder bewundern und eines davon wird sicher Arzt werden wollen wie du.“ - „Gott bewahre!“ entfährt es ihm. Aha, denke ich, Gott hat ihm also nicht geholfen, hätte es aber wohl besser tun sollen. „Doch, doch. Wir werden zusammen Douwe Egberts trinken und deine hübsche Frau wird mich dabei mißtrauisch beäugen.“ - „Tja,“ tut er überlegen, „und ich werde es schwer haben, zu entscheiden, wer von euch mir besser gefällt.“ Seltsamerweise rinnt es warm durch mich hindurch, als er das sagt. So als wäre diese Geschichte etwas, das aus der Zukunft zu mir herüber winkt wie eine beruhigende Landmarke. „Und nach dem Kaffee zeige ich dir dann die See,“ verspricht er, „die frische Luft wird dir alle dummen Gedanken aus deinem hübschen Kopf wehen.“ - „Genau. Es wird stürmisch sein und du hilfst mir dabei, daß der Wind mich nicht umbläst.“ - „Oder gar dein Kleid anhebt,“ grient er und faßt mit der Hand unter meines. „Ja,“ lache ich, „aber auf die Schnelle und klammheimlich miteinander vögeln tun wir dann trotzdem nicht.“ Was er jetzt Gott sei Dank mir ebenfalls nicht abverlangt. Ich könnte mich vor Müdigkeit und einer gegen alle Vernunft zunehmenden Wehmut kaum ausreichend dagegen zur Wehr setzen. Er ahnt vielleicht, wie es in mir aussieht und zieht seine Hand langsam wieder zurück, läßt den Wagen an und fährt uns behutsam wie eine Ladung roher Eier in Richtung des auf uns wartenden, warmen Bettes.

In das ich nach einer kurzen Dusche und dem üblichen Abtakeln so bemüht unauffällig hinein husche, als wäre ich eine Ehefrau auf Abwegen, die ihren Gatten um Himmels Willen nicht wecken will, wenn sie nach Hause kommt. Henk schläft noch nicht und schaut starr unter die Decke. Ich wette aber, daß er geguckt hat, als ich aus dem Bad herein kam, denn ich habe nichts an. Ich schlafe gerne nackt und will das auch nicht ändern, nur weil zwischen ihm und mir jetzt etwas steht, das meine Nacktheit womöglich falsch wirken lassen könnte. Trotzdem ist das Gefühl nicht angenehem, zu dem Mann ins Bett zu schlüpfen, den ich auf eine nicht unbedingt einwandfreie Weise heute Abend mit einem anderen betrogen habe. Was ich im Übrigen in mir immer noch deutlich spüre, und das ist an sich gar nicht unangenehm. Am liebsten wäre ich jetzt allein. Daß er breit und bräsig neben mir liegt und nicht weichen will, erzürnt mich trotz meiner Müdigkeit. Bloß, frage ich mich, was kann ich schon daran ändern? Die Milliarden grauenhafter Fraumannjahre gemeinsamen Schlafzimmers, die die Menschheit bis heute angehäuft hat, lasten auf mir. Auf Henk vielleicht auch, obwohl er mir unverschämt zufrieden vorkommt. Aus Wut und Rache denke ich an den Mann, an der er bestimmt auch denkt. Wieder eine meiner dümmeren Ideen, denn der Gedanke verschafft mir zusammen mit einem schwachen Abklatsch von Erregung eigentlich nur ein Gefühl dumpfer Traurigkeit. Ich fühle mich minderwertig und verletzt und benutzt und liegen gelassen wie ein alter Handschuh. Zu allem Überfluß das meiste davon noch aus eigenem Verschulden.

Um mich abzulenken male ich mir aus, wie es wäre, wenn ein Liebespaar genau über dieses Thema offen miteinander reden könnte. Darüber, daß sich der Eine etwas von einem Fremden genommen hat, was dem Anderen weh tut. Was dann wiederum dem Verursacher weh tut, auch wenn er nicht hergeben will, was er sich nahm, weil ihm das dann wieder viel zu sehr weh täte. Der daher nun, um diesen einen Schmerz zu vermeiden und den anderen zu lindern, allerhand anstellen würde, was ihm jedoch nur immer weiter weh und seinem Partner nicht wirklich gut täte. Der das natürlich seinerseits ahnt, was ihm doppelt weh tut. Ich kichere fast bei diesen krausen Kausalketten, die sich in meinem Geist verwirren und diesen schwer machen wie einen in meinem Kopf langsam rotierenden Mühlstein. Immerhin werde ich darüber wieder müde. Das ist so ein Effekt des Liebens und Hassens, auf den du immer zählen kannst. Am Ende macht es dich unsäglich müde und matt. Und wenn die Kräfte erst einmal erlahmt sind, spielt bald kaum noch etwas von dem eine Rolle, das dich zuvor so unendlich heftig bedrängt und umgetrieben hat.

Mein letzter Gedanke, als ich mich mangels Alternativen dann doch gegen Henks warmen Rücken anschmiege, ist, daß er sich beharrlich nach und nach fast alles von mir geholt hat, was er von mir haben wollte. Womöglich ohne genau zu ahnen, daß er das tat. Den einfachen und den etwas wilderen Sex im Status beidseitiger Ungebundenheit. Das gemütliche Kochen und Haushalten und das ausgelassene Familie-Spielen am Strand, wenn schon etwas mehr süßliches Gefühl dich aneinander bindet. Den dramatischen Seitensprung und die beinahe an unsere Substanz kratzende Scheinoffenheit eines abendlichen Streites, wenn aus der Süße des fröhlichen Miteinanders bereits stabilere Bande geworden sind. Und am Ende das verführerische Erlahmen aller Widerstände kurz vor dem Einschlafen im gemeinsamen Bett, weil du schlichtweg einfach nicht mehr woanders hin kannst. Kinder fehlen noch, und die Verzweiflung wegen der Geliebten irgendwo in der Nachbarstadt und der zweischneidige Sex, um sich miteinander zu versöhnen. Und ein paar andere Alltäglichkeiten. Einen Moment komme ich mir sehr manipuliert vor, als wäre jede Sekunde dieses Wochenendes einem Plan unterworfen, den Henk von langer Hand vorbereitet hat. Oder den er sich irgendwo ausgeliehen hat. Ich weiß nur nicht, ob ich darüber erzürnt sein soll oder ihn sogar tief im Herzen dafür bewundern möchte. Ich schiebe die Entscheidung zwischen beiden Alternativen in den nächsten Tag hinein und schlafe ein wie ein Kind, das sich geborgen weiß. Mag sein, nur darum geht es mir am Ende. Mir und jedem anderen auch.


weiter mit #8

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Postmoderne Frauenart/singing

Straffes Polster, hart gespanntes, rotes Leder,
Glanz, in dem sich spiegelt, was gefällt.
Auf weißem Holzfrei kratzt die Feder,
Scheckbuchcharme, ausgestellt,
dahinter Muskeln unter Kammgarn,
phasen-modulierter Kreis,
integraler Teil der Nervenbahn,
ein schlankes, hohes Glas voll Eis.

Keine Sätze, knapper Code, stummer, schneller Blick,
die angespannte Miene, Winke,
ein gestreckter Hals, vor und zurück,
Standbeinwechsel, linke
Hand lässig in der Hosentasche,
makellos das Hemd wie Schnee,
im Silberkühler fette Flasche,
zu schwarzen Riemchen rote Zeh.

Halbdunkel, nur ein Spot wirft punktgenaues Licht,
wo Bässe stramm nach Därmen greifen,
matt im Nebel Schatten dicht an dicht,
Hüften, die sich streifen,
ein gezackter Rand, ein weißer Arm,
Körper und Geruch nach Dope,
Luft, die eisig kalt von draußen kam,
ein wilder Kampf zum Stroboskop.

Im Treppenhaus an rauhe Wand in Lippengier
den bloßen Rücken roh angepreßt,
Gehechel aus der Unterwelt, ein Stier,
der sich ein Bein ab wetzt,
einen feuchten Strichabzug vom Mund,
ein Blitzen an den Fingern,
geschält, innen wie von außen wund,
leises, unterdrücktes Wimmern.

Im glatten Dress den Kinderleib ausgeschüttelt,
die bleiche Haut gezeigt, Freche her,
am Glücksrad einmal geil gerüttelt,
etwas Geschlechtsverkehr,
in den Poren klebt der fremde Schweiß,
beide tights sind ruiniert,
zwischen den Schenkeln trieft es noch naß,
bis sich das irgendwann verliert.

Das Viereck seiner Hosen ruht gelassen auf
der Kante eines flachen Sessels,
blaue Augen blicken in den Lauf
von bloßen Füßen auf Parkett,
unauffällig lauscht er nach dem Klang
der Reibung nackter Haut, wenn
sich die Beine kreuzen auf dem Gang,
ihm zu Gefalle sind sie schön.

Im Silberleuchter auf dem Tisch wird sanftes Licht
von weißen Kerzen mehrfach heller
hin und her gebrochen, spiegelt sich
in Gläsern, die Teller
liegen auf dem langen, schmalen Tisch
wie Panzer von Albinos,
Kröten aus der Erde, kriecherisch
verließen sie den dunklen Schoß.

Weiches Garn umschmeichelt zart gespannte Seide,
Fußbett stützt wohlig das Gewölbe,
im Nacken atmet aus dem Leibe
ein zarter Duft. Gelbe
Chrysanthemen sterben wasserlos.
Vom Ohrläppchen hängt weißes
Gold, der schlanke Hals ist bleich und bloß,
ein Achat als Schmuck des Kleides.

Lesezeichen zwischen die Seiten, weggelegt
das Buch, die Augen aufgeschlagen,
die Hände falten sich, unbewegt,
nicht Jammern, nicht Klagen,
ein flinkes Lächeln um die Lippen,
vom Knie herab die Länge
kühler Schärfe, das freche Wippen
schlägt kaum merklich über Stränge.

Gute Muskeln strecken Schenkel, Rücken, Bauch, Brust,
Haut umschließt sorgsam jedes Zucken,
Organe, Bahnen aus Schmerz, von Lust,
ein Futter den Blicken,
begrenzt Atmen und Fühlen, sie spürt
nach dem Außen, dem Jenseits
von ihr, dem einen Impuls. Verführt,
sich zu lösen. Wartet bereits.

Auf hartem Polster wunderzart,
postmoderne Frauenart.

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Samstag, Oktober 24, 2009

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Steilküste #6/talking

zurück zu #5

Das Dorf liegt rings um einen einsamen Hügel, auf dessen Gipfel die alte Kirche thront wie ein Drachen auf seinem Schatz. In mehreren Terrassen darunter umringen die Häuser diesen Mittelpunkt entlang schmaler, konzentrischer Gassen. Wir befinden uns hier auf der obersten Ebene, deren hügelwärts liegende Seite gößtenteils von den Fundamenten der Kirche gebildet werden. Bis auf den Ausschnitt des Kreises, der von ihrem Vorplatz eingenommen wird. Ein steiles Stück freier Fläche, teilweise gepflastert und teilweise mit niedrigen Büschen bewachsen, aus denen kleine, dürre Bäumchen sich nur zaghaft hervor wagen.... (mehr) Auf dem Weg hier her hat sich schon bald eine meinen heimlichen Wünschen durchaus entgegen kommende Marschordnung heraus kristallisiert. Henk behütet die beiden Französinnen vor den Attacken etwaiger im Dunkel lauernder Lumpen, und beiden scheint das kaum weniger gut zu gefallen als ihm. Bernard hilft während dessen mir beim Laufen. Unter Männern scheint sich seit Urzeiten die skurrile Auffassung zu halten, Frauen würden erheblich besser gehen können, wenn sie der Mann mit Hilfe seines Armes dabei permanent aus dem Gleichgewicht bringt. Neben dem schnellen, aber dennoch anmutigen Einherschreiten auf an sich dafür ungeeignetem Schuhwerk ist das eine Übung, die du irgendwann in deinem Leben lernen mußt, oder keiner wird dich je wollen. Und wer will schon ungewollt sein? Ich habe jetzt beides am Hals. Das mit dem Gleichgewicht ist mir dabei keineswegs unlieb. Wenn Bernard mich berührt, mal kaschiert als Hilfestellung, mal ganz unzweifelhaft zu dem einzigen Zweck, meinen Körper anzufassen, brennt es sofort lichterloh in mir. So kalt kann die Abendluft gar nicht sein, daß es meine Haut nicht auf wunderbare Weise sofort wärmt, wenn seine Hände an den Stellen an mir zupfen, wo ich gerne gezupft werden möchte. Und er macht seinen Job erheblich besser als viele vor ihm. Ungeschickt umschmeißen tut er mich nie, und über den ansteigenden Platz führt er mich so vorsichtig hinauf zur Kirche, als könnte ich jeden Moment hinfallen und dabei zersplittern. Ich liebe ihn nicht gerade deswegen, aber kurz diesseits davor kann er alles bei mir reklamieren, was es dort zu fordern gibt.

Oben glaube ich zunächst beinahe etwa enttäuscht, daß er sang- und klanglos mit mir und den Anderen zusammen durch das Tor in die Kirche spazieren will. Sie stapfen hinein, als wäre dort das goldene Fliess griffbereit aufgebahrt. Vermutlich bin ich auch nicht viel weniger eindeutig an dem interessiert, worauf ich hin steuere, doch zumindest kann ich mir nicht dabei zuschauen. Außerdem liegen meine augenblicklichen Interessen keineswegs im Inneren einer alten Kirche in der Normandie. Aber kurz vor dem riesigen Portal leitet Bernard mich mit einem raschen Griff nach meinen Schultern zur Seite, dreht mich, nachdem ich folgsam mich davon habe ablenken lassen, daran herum und zeigt mir die am Tage bestimmt atemberaubende Aussicht ins Land hinaus, indem er meine Hüften mit beiden Armen umklammert und mich ein stattliches Stück hinauf in die Luft hebt. Viel zu sehen ist da unten nicht, denn es ist dunkel. Aber ich mache brav einen Haufen bewundernder Geräusch, mehr wegen seiner Kraft als wegen der Schönheit der Gegend, und er lacht leise über mich. Sein Lachen ist verlockend wie ein Eis im Sommer. Wenn er das noch oft hin bekommt, könnte ich für nichts mehr garantieren. Und seine Kraft ist die eines jungen Mannes. Sie scheint kein Ende zu kennen und kein Maß. Ich fühle mich, als könnte er mich jederzeit zwischen seinen bloßen Händen zerreiben, und wenn er das wollte, würde ich es lieben. Schon wie er meine Hüften anfaßt, ist schlichtweg wunderbar. Obendrein ist da noch eine Menge mehr an mir, das er anfassen könnte. Und nichts von dem, was jetzt nur darauf wartet, daß er das tut, möchte sich noch enttäuschen lassen.

Deutlich besser als die Landschaft unten im nächtlichen Dunkel kann ich Bernards Gesicht erkennen. Und das schaue ich mir nun ausgiebig an, nachdem er mich wieder auf die Füße gestellt hat und nicht recht weiß, was er als Nächstes mit mir anfangen soll. Es ist für meine parteiischen Augen nicht länger nur hübsch. Es ist himmlisch schön und darin so übermächtig wie die Sünde selbst. Für Äußerlichkeiten bin ich mehr als empfänglich, das weiß ich. Und mich ernsthaft wehren gegen meine Schwäche will ich heute Abend auf keinen Fall. Viel lieber will ich mich von seiner Schönheit überwältigen lassen, bis ich kaum noch an etwas anderes denken kann. Solche Schönheit ist so verführerisch wie der Tod. Sie weckt Sehnsüchte in dir, die sie niemals stillen kann, und sie stillt Sehnsüchte, die sie niemals geweckt hat. Das nimmt all dein Fühlen und wirbelt es durch und durch. Sie macht dich selbst schön, siehst du sie direkt vor dir in einem anderen Menschen, und sie weckt alle Eitelkeit, die in dir schlummert wie in jedem Menschen. Und trotzdem bleibt sie dir für immer unendlich fern. Die Sehnsucht nach Schönheit schmerzt schlimmer als jeder andere Verlust. Weil sie die Sehnsucht nach deinem Selbst ist. Unstillbar, denn fremde Schönheit bleibt immer unerreichbar für dich. Wie ein Weg, den du nie wirst einschlagen können, und doch soll jeder der Wege, die du jemals einschlägst, dich zu ihr führen. Aber keiner wird es je tun.

Rechts neben dem Kirchenportal führt ein schmaler Weg an der Wand entlang zur Seite weg. Er ist nicht mehr als höchstens anderthalb Meter breit und wird begrenzt von einem niedrigen Mäuerchen, hinter dem es sofort steil abwärts geht. Ohne Bernards chevalereske Unterstützung fiele ich bereits beim ersten Schritt auf diesem Weg ungeschickt über meine Füße und kippte dabei über die Mauer hinunter in den Abgrund. Jedenfalls wird er das annehmen wollen, der Intensität nach zu urteilen, mit der er mir bisher beim Gehen geholfen hat. Weswegen ich nichts Eiligeres zu tun habe, als etwas so enorm Verführerisches wie „Wo geht's denn dahin?“ in den Abend hinein zu lispeln und genau diesen Pfad einzuschlagen. Er zögert tatsächlich keine Sekunde und folgt mir auf dem Fuße. Aus der Kirche dringen gedämpft die lachenden Stimmen unserer vormaligen Begleiter. Ich nehme an, ihre Konversation wird nicht viel gehobener sein als unsere. Von unten schallt leise die Musik aus Patricks Ghettoblaster zu uns hoch. Die jetzt aus raschen, wilden Gitarrenakkorden besteht und dem Gekrächze eines Mannes, dem jemand gerade das Herz gebrochen haben muß, so laut schreit er in sein Mikrofon hinein. Unbeeindruckt davon musizieren hier oben ein paar schlaflose Insekten in den kargen Büschen ringsum raschelnd vor sich hin. Und ich denke krauses Zeugs. Ideen purzeln in mir herum und haben alle weder Sinn noch Verstand. Henk hätte besser auf mich aufpassen sollen, sage ich mir bockig wie ein kleines Mädchen, das in hilflosem Zorn seine liebste Puppe skalpiert. Er hat etwas gegen mich. Was natürlich alles entschuldigt, was ich tue. Mag sein, ich stehe unter einem üblen Zauber. Wegen Mondlicht und so. Ich kann also nichts für das, was gerade passiert ist und noch weniger für das, was gleich passieren könnte. Oder ich springe jetzt sofort über die Mauer in die Tiefe und alles hat ein Ende. Aber vorher will mein Körper noch etwas Wunderbares erleben. Mit dem jungen Franzosen, der dicht hinter mir geht und mit seinen Händen dafür sorgt, daß ich weder mich zu Tode stürze noch ihm davon laufe. Ich will seine Hände, seine Lippen, seine Arme, ach Gott ja, und selbstverständlich noch etwas ganz anders haben. Zu guter Letzt denke ich dann gar nicht mehr nach. Eine Übung, in der ich absolut Spitze bin, wenn es einmal wirklich darauf ankommt

Dort, wo der schmale Weg nach einer engen Krümmung in vier breiten Stufen aus verwitterten Steinplatten heftig abfällt, stoßen wir auf eine kleine, mit Kies bestreute Fläche, die wie eine lauschige Terrasse für frisch verliebte Kirchgänger hier am Fuß der Kirchmauer klebt. Von diesem Punkt aus schaut sich bei Tag sicher weit ins Land hi