SuMuze
Susannes Weblog

furnissharry

I'd say the word you cease to sing,
Will tell all tales you can't.
I'd end the work you darn't begin,
Grow trees you'll never plant.
I'd be the season and the soul,
The layer and your fee,
Good reason and far better goal,
Because I love to be.

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Have Fun! Autotranslate!
brave_new_world_01
meet the locals!
Portishead: Humming Smog: I Feel Like The Mother Of the World

"womit hörst du wenn ich keinen mund habe?"
"womit sprichst du falls ich dich höre?"
(O.Pastior)




Freitag, Juli 03, 2009

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Vor einem Gewitter/singing



Sie sei nicht einsam, hörte ich sie sagen.
Es sei zu heiß, um einsam zu sein.
Die Leinentasche hing ihr schwer an der Seite.
Matt fiel der dünne Rock an ihren Beinen herab.
Kleine Karos aus Braun in mildtätigem Grau.
Ihre Haare schimmerten feucht, der Schweiß
lief in feinen Zipfeln hinaus,
silbriger Draht auf glänzender Haut.
Knochige Schultern, ein langer Rücken,
die Augen voller Blick.
Sie wüßte sich nicht zu entscheiden, gestand sie.
Auch dafür wäre es einfach zu heiß.
Wärme steckte in jedem winzigsten Spalt.
Gummiflips quietschten naß auf dem Holz.
Im Treppenhaus war es kühl. Jemand sang.
Draußen blies man Grasschnitt davon,
der Motor brüllte ins Haus hinein, halsstarrig.
Sie solle nur aufpassen, antwortete einer,
ich sah nur die Hand, einen Arm, behaart,
und ein Ring funkelte frech am Zeigefinger.
Die Hitze würde nicht gehen.
Der Tag schien für immer.
In ihrer Linken hing lässig eine Brille in Grün.
Unten klappte die Tür, Kinder lachten.
Auf den Stufen der Treppe die Spuren von Schuhen.
Hartherzige Stäbe in Weiß dicht daneben.
Mit Elefantenhaut bestrichener Putz an der Wand.
Nicht ein Hauch. Alles stand.
Wenn er wolle, dann gehe sie, hörte ich noch leise.
Ein Gewitter zog auf.

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Mittwoch, Juli 01, 2009

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Untergeblieben/talking

Halt's Maul, sagte er, ich hielt das Maul. Hielt mich gerade, hielt ihn aus. Oh Gott, grunzte er, die Blinds schlugen an, Wind kam auf, in der Bucht tanzten Jollen, alte Männer vor Cafés, Wolken und die ewig sich schleichende Sonne, als könnte sie nichts für die Hitze und all das. Das Bett knarrte. Dafür war es da. Unter der Decke hätte sich ein Ventilator schnell gedreht, wäre nur einer da. Und auf dem Nachttisch eine Bibel. Nur Lug, nichts als Trug. Er wälzte sich beiseite und las in einem Buch. Über den Boden rannten die Kakerlaken, emsig und glatt, virulent, effektiv. Das Wort zum Abend fehlte. Tonangebende Lippen preßten sich um Mundstücke letzter Zigaretten. Majolika und Terpentin. Schwüle. Das ewige Fordern des Nichts. Selbst das Holz bog sich nicht mehr. Ich kroch beiseite, aber er war mir zu stark. Oben ging man auf und ab. Unten spielte Musik. Dazwischen vielleicht eine Chance. Und dann seine Hand, rauh und gleichgültig, wie eine letzte und falsche Erlösung, man las nicht mehr vor, nicht das Evangelium, nicht richtig, konform. Der andere Tag schien nicht zu zählen. Nur das Bettzeug, es stank. Meine Regel ließ warten, und das Chili roch schlecht. Was? schrie er laut, ich erschrak, küßte ihn, seine knöcherne Haut. Vor dem Haus hielten Wagen. Irgendwo lachte man. Es war Nacht jetzt, Aufgeben. Und alle Liebe zerrann. Kiddy, Kiddy, ich genoß das. Kein Leuchtturm, nur Schlamm. Auf der Mole lag Dreck, jemand pißte, Flut begann. Ich hatte leuchtende Augen, und meine Haut war mir lieb. Unter weißen Bettlaken unterblieb. Unterblieb.

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Brain Drain/singing



Er ist Enhancer
clearance by the call, der Eskimo.
2.000 Worte nur für Schnee, gelogen,
aber glatte Linien!
Super, da mußt du unbedingt mal hin!
Porco dio, Annabelle!
Laß mir dein Haar herunter,
oder war es Joseline?
Strings sind Quanten, oder wie?
Chemisch Vormärz Ausmerz Radon.
Küster säubern in der Kirche,
Dialektik outgesourct.
Die zehn Gebote downgeloaded.
Blinks und Traffic, Volume zählt.
Und morgen schon ist Weißfleischtag.
Kauf dir ein Pflaster für die Fersen,
hai heal mäßig angesagt,
Lorelei schlottert im Tanga
unterhalb vom Afslotdijk.
Encephalitis tut nicht weh,
nur Grunge,
und Wehmut.
Wehrmachtsthemen kommen gut.
Solide ist nur Slivoviz,
der Männermeter, sieben Käse,
Taumelland ist abgebrannt.
Am Abend kehrt hier Ruhe ein,
in München rückt jetzt das Versichern
einwärts seitwärst vorwärts stop.
Am Pol ist Party,
die Sieger sammeln Kinder ein.
Liedgut zähmt den Abgesang.

Ein Troubadour, ein Schneckenhaus,
der Weg zum Hafen, Wäscheleinen,
Plurabelle, dein Ikarus hat Düsentrieb.
Django, sagst du, schoß dich rücklings nieder?
Harvey Daylitzen auf Speed!
Für Misstress Dell'O Ways Entkommen,
das sichert backwards Captain Kirk.
Tommahawk, der gute Fighter,
Grizzly Bear und Humpdy Joe,
und Eowyn und Nasty Nanny,
der Pinselkater, Mister Ed,
die ganze geile Abschlußklasse,
und Ma und diese fremde Frau für Dad.
Exogen und oxygen und endogen und erogen!
Komm Kleine, hast's doch echt gewollt,
ein Tropenpflaster auf dem Gehsteig,
Randale, weil der Meister wird.
Die Keksfabrik entläßt,
das Windrad hinter beiden Dünen
dreht sich als Tango, rape the best.
Pantoffeln, graue Haut, und Ausschlag,
Pandämonie, Emphytrion,
als Arabeske ausgeleiert,
als graue Maus die reine Wucht.
Wer weiß das schon?
Wir alle zweifeln,
zu Nikolaus gibts Stolle satt.
In tausend prima
mpeg playern,
in Plastikjute, Stirnhholzstahl -
him gets like charming, magnifique.
Wir haben Bach am Xylophon!

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Dienstag, Juni 30, 2009

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Alltagsgedicht #7/singing

Der ferne Puls dröhnt dir im Ohr,
das and're Atmen schreibt dir vor,
die fremden Augen grenzen dich,
seidiger Stoff reibt bitterlich.

Ein Warten ist. Windstilller Gang.
Tag spiegelt sich den Weg entlang.
Licht bricht sich zwischen Fensterglas.
Verdreifacht, was so einfach schien.

Dein Schritt nimmt wieder Tempo auf.
Unter den Sohlen Erde, Stein.
Trostpflaster. Jemand spricht. Musik.
Schweiß tropft in deine Sicht hinein.

Du hörst Stakkato, aufwärts, laut.
Eng umgeschnallt, wie fremde Haut,
hängt weißer Putz im Treppenhaus.
Bleich greifen Finger den Handlauf.

Bist in der Zeit und jedem Ort.
Einmal, nochmal, schon wieder fort.
Auf Leder, Holz ruht alles dir.
Du tastest schnell, erschrickst.

Wäre da Licht, sähst du jetzt hin.
Dann Klicken. Leben schaltet ein.
Wenn deine Lippen lächeln, blass.
In dir ist's wieder still.

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Sonntag, Juni 28, 2009

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Modern/singing

Sie soll nicht behäbig sein, die Sprache, soll sie von heute sein.
Oder wenn behäbig, dann solle sie ausufernd sein, wildwuchernd.
Der einfache, nüchterne Satz geriet in Verruf.
Sein behauptendes Gehabe, das aber Zeit läßt.
Nicht beschießt, sondern vorlegt.
Nicht umgarnt, nur entrollt.
Das erscheint nun unpassend.
Es muß blitzartig sein oder Pracht in Mäandern.
Dem Schnellen folgt Schnelleres. Das macht es perfekt.
Dem Breiträumigen nichts. Das macht es groß.
Wer langsam geht, den überrollt der Verkehr.
Hurtig die Straße gequert gilt als sie Begreifen.
Im Staub bunt zu pflastern gilt schön, da im Abseits.
Das Originelle soll sein, oder Reichhaltiges dann.
Klarheit wirkt störend, steril.
Das Volk solle lachen und staunen,
sagt einer, den störte man nie.
Seine Kunst trug sich Nummern.
Sein Palast stand in Gott.

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Freitag, Juni 26, 2009

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Family Days #3/talking

In jenem Sommer war nachts Licht auf den Straßen. Und Stimmen tönten von allen Seiten. Scharfe Linien stachen hinaus auf das Pflaster. Aus Fenstern, Türen, aus jeder Öffnung in den Mauern. Nichts schien für sich bleiben zu wollen. Alles gehörte zusammen. Und, seltsam, sie schien nirgendwo mehr fremd. Etwas neues für sie.... (mehr) Als sie wieder nach Hause gekommen war, nur die kleine Leinentasche als Gepäck, war sie verwundert, wie vertraut ihr alles schien. Obwohl das Haus kaum noch bewohnt war. SIE war schon lange fort. Nur ein paar Möbel erinnerten noch an SIE, und die Farben an den Wänden und die vom neuen Gärtner noch nicht beseitigten Spuren IHRER Vorstellung von Garten. ER war kaum noch zu Hause, das war nicht neu, machte sich aber nun doppelt bemerkbar. Und die ANDEREN hatten jetzt ihre eigene Wege und Plätze. Also hätte das Haus ihr gehören können. Tat es nicht, hatte es nie getan und würde es nie tun. Nicht einmal ihr eigenes Zimmer hatte sie je vollständig besessen. In den ersten Tagen hatte sie überlegt, was sie darin ändern würde. ER war bereit, alles geschehen zu lassen. Weil ER hoffte, sie damit sich heimisch fühlen machen zu können. SEINE Gedanken las sie fast auf SEINER Stirn. Dann änderte sie aber doch nichts, räumte nur das kleine Regal neben dem Schreibtisch leer und stellte die paar Bücher hinein, die sie zuletzt begleitet hatten. Die Leinentasche stand auf dem Boden, gleich neben der Tür. Als bräuchte sie nur danach zu greifen, um wieder fortgehen zu können. Bloß hätte sie nicht gewußt, wohin. Der Deal war klar, Sie würde brav hier zur Schule gehen und ihr Abitur machen. Wie es sich für eine Tochter gehörte. Sie würde hier leben und das wenige an Familie IHM vorspielen, was geblieben war. Und ER würde sie in Ruhe leben lassen, erfüllte sie ihren Part korrekt. Ob ER sich mehr von ihr versprach, konnte sie nur ahnen. Aber wirklich interessiert daran war sie nicht. Sie war an nichts mehr wirklich interessiert. Nur irgendwie da.

Am ersten Abend in ihrem Zimmer hatte sie sich auf die Terrasse gesetzt und ins Tal hinunter geschaut. Ein ebenso vertrauter wie verhaßter Anblick. Auch wenn ihr Haß im Laufe der Jahre sich verschlissen hatte und zuletzt nur als dünnes Ritual noch existierte. Aber sie liebte solche Rituale. Ihr ganzes Leben schien daraus zu bestehen. Sofern nicht jemand anderes das in die Hand nahm und sie hindurch zerrte. Im Moment aber war da niemand, also mußte sie sich schon selbst an die Hand nehmen. Etwas, das ihr schwer fiel. So wie es ihr schwer fiel, die Weite ihres alten Zimmers auszufüllen. Im Internat war alles eng gewesen. An jeder Kante hatte sie sich gestoßen. Hier gab es Raum im Überfluß. Zu viel Raum! Immer war zu viel von allem da. Keine nahe Wand, die sie auffing, wenn sie einmal hinfiel. Und das passierte ihr oft. In ihrem Zimmer lebte sie auf zwei Etagen, was ihrem Lebensgefühl entsprach. Unten, das war das wirkliche Leben, das Essen in der Küche, die Schule, die Menschen, mit denen ER sie immer wieder zusammen brachte. Oben aber war ihr Reich. Durch zwei Glastüren konnte sie auf die Terrasse hinaus treten, die über die gesamte Front des Hauses sich erstreckte. Von dort sah das andere Ufer wie ein Paradies aus. Abends jedenfalls, wenn die Sonne lange, kalte Schatten auf dieser Seite warf und dafür auf der gegenüberliegenden Seite alles gelblich und warm anmalte. Und morgens konnte sie im neuen Licht baden, wenn der mißgünstige Himmel das nicht mit grauen Wolken verdarb. Was er zu oft tat. Einer der vielen kleinen Mängel des Hauses. Ein anderer war, daß sie es nicht mochte. Nie gemocht hatte, vom ersten Tag an, als sie nur ein kleines Mädchen war, das seinen Trotz in sich hinein schlucken mußte, was es aber nie ganz schaffte. Alles hier tanzte verlockend um sie herum, und nichts davon wollte sie annehmen. Tat es dann doch, halbherzig, so daß sie niemals ungeteilte Freude daran empfinden konnte. Aber sie war brav, sie zeigte, wenn erwünscht, so etwas wie Fröhlichkeit oder Zufriedenheit. Gefiel, machte mit, versteckte vieles von dem, was in ihr kochte. Nicht genug, am Ende. Jetzt also fing sie neu an. Wollte das auch, wollte es mit aller Kraft, die noch in ihr war. Was nicht viel war, nach ihren Maßstäben und sicherlich denen aller anderen.

Sie hatte lange draußen gesessen und der Abendkühle getrotzt. Etwas, das sie gut gelernt hatte. Sie fror nie, sie schwitzte nie, sie jammerte nie. Sie hielt sich aufrecht, sie setzte sorgsam einen Fuß vor den anderen, tänzelte dahin, lächelte höflich, nickte, antwortete, wenn angesprochen, und schwieg, wenn ihre Stimme nicht erwünscht schien. An diesem Abend war niemand da, dem gegenüber sie alles das hätte beweisen müssen. Selbst wenn sie es gewollt hätte. Heimlich hatte sie sich sogar gewünscht, jemand wäre da und sie könnte ihre neue Gestalt ausprobieren. Doch sie bekam keine Gelegenheit dazu. Saß dann also allein in einem bequemen Liegestuhl und schaute stumm in die dunkler werdende Welt hinaus. ER war dort irgendwo, wie er immer woanders gewesen war, wenn sie IHN gerne um sich gehabt hätte. Bis sie das kaum mehr dachte, sich verboten hatte, es zu denken. Das fiel ihr jetzt leicht. Die eigenen Gedanken zu kanalisieren, sich auszurichten, sich zurück zu nehmen und gut zu halten. Richtig, Haltung, so hatte SIE das genannt. An IHRE Stimme konnte sie sich kaum mehr erinnern. An das Aussehen schon. Sie mußte ja nur in den Spiegel schauen, dann schaute SIE daraus zurück. Vielleicht ein Grund, warum ER so sehr um sie besorgt war. Sie hatte gelernt, so etwas zu denken. Nannte es für sich nicht Mißtrauen, nicht einmal Präzision. Tat es einfach. Und wußte dennoch zu genau, wie anders als früher sie das machte.

Vorhin hatte sie ihren Kleiderschrank geöffnet und durchgesehen. Als wäre das wichtig. Mit den kurzen Haaren und dem verkniffenen Ausdruck rund um ihre Augen gefiel sie sich nicht besonders. Fand sich aber auch nicht richtig schlecht. Sie aß zu wenig, hatte die Köchin nach ein paar Minuten festgestellt. Eine Frau, die ihr widerlich war, obwohl sie freundlich schien und nett aussah. Vielleicht mochte sie keine Menschen mehr, die ihr gegenüber freundlich taten. Vielleicht mochte sie überhaupt niemanden mehr. Nur, zu ihrer großen Verwunderung, das Tal da unten, das immer gleich aussehen würde, was immer die Leute auch an häßlichen Bauten hinein stellen würden. Sie hatte begonnen, Landschaften zu mögen. Noch etwas absolut Neues in ihrem Leben. Die Berge hatten ihr gefallen, fast das einzige, was das im letzten Jahr getan hatte. Und hier gab es auch Berge, niedriger, irgendwie lieblicher, aber immerhin waren es Erhebungen. Etwas, das sich bemühte, aus der Flachheit des Daseins heraus zu ragen. Das mochte sie. Der Erfolg zählte nicht, nur das Bemühen. Sie selbst hatte so wenig Erfolg, daß sie fast aufgehört hatte, sich zu bemühen. Und das wenige, was ihr zufiel, tat das beinahe ohne die geringste Anstrengung ihrerseits. Weswegen es in ihrer Rechnung niemals zählte.

Als sie sich in ihr Bett gelegt hatte, nicht müde, nur, weil sie dachte, es wäre an der Zeit, schlafen zu gehen, kam ihr das Bett wie ein Ozean vor, auf dem sie dahin trieb. Natürlich eine Folge des Weines, den sie getrunken hatte. Eine schlanke Flasche aus den Vorräten im Keller. Vermutlich teuer und kostbar, auch wenn die gelbliche Flüssigkeit ihr nicht besser geschmeckt hatte wie ein billiger Fusel aus dem Supermarkt. Das lag am Rauchen, sagte sie sich. Das nächste Neue, das sie sich vor kurzem angewöhnt hatte, weil es so gegen alles stand, was ihr beigebracht worden war. Rauch betäubte die Geschmacksnerven, wußte sie. Und das war ihr willkommen. Wie Wein das Fühlen betäubte. Er machte alle Reize gleich, verwandelte sie in einen warmen, wohligen Fluß aus Beliebigkeit. Etwas, das sie sehr gut gebrauchen konnte an diesem ersten Abend. Viel anderes hatte sie nicht. Nur ein riesiges, leeres Haus, ein weiches Bett, ein geräumiges Zimmer und der Blick ins Tal hinunter, der sich nicht verändert hatte. Ein ausgesprochen zuverlässiger Freund, dachte sie und schlief ein.

Die nächsten Tage holperten an ihr vorbei wie kaputte Autos, die an einer geschlossenen Werkstatt vorfuhren. ER sorgte für Gesellschaft. Menschen, an die sie sich hätte erinnern müssen, es auch tat, aber nicht wollte. Blondie's back in town, hatte sie gedacht. Weil SIE so etwas sagen würde. Sie war also wieder da, wieder verfügbar, wieder eingespannt und gehorsam. Sie spielte mit, wie den größten Teil ihres Lebens. Anderes fiel ihr einfach nicht ein. ER nahm sie mit, wann immer das IHM passend schien. Und sie suchte sich aus all den Menschen heraus, was sie in ihnen finden konnte. Mochte SEINE hilflosen Versuche, ihr eine Heimat vorzuspielen. Oder tatsächlich SEINE Version davon. In der zweiten Woche schon fand sich ein Verehrer, im Tennisclub, in dem man sie mit der reservierten Dienstbarkeit behandelte, die ER ihr garantierte und die sie zu verantworten hatte. Der junge Mann war tadellos und nett. Er hatte zugeschaut, wie sie gegen eine Partnerin aus der Vergangenheit gespielt hatte. Und bot sich dann als Gegner an. Erst spielte er gegen sie, dann spielte er mit ihr zusammen gegen ein Paar, das verbissen kämpfte, und machte mit, wenn sie ebenso verbissen keine Punkte abgzugeben versuchte. Mit ein wenig mehr Mut seinerseits hätte er sie sich auch ins Bett holen können. Aber sie war ihm zu jung, glaubte sie, und er ihr auch. Also schaffte sie es nur, sich ein wenig anzulehnen bei ihm und seiner Stimme zu lauschen, als er von seinen Plänen sprach. Die so banal waren wie das winzige Aufbegehren, mit dem er sie beeindrucken wollte. Da wäre mehr in ihm, dachte sie, er müßte es nur finden. Aber sie war nicht das Mädchen, das ihm beim Finden würde helfen können. Sie verbrachten einen langen Nachmittag auf der Clubterrasse. Es war lustig, er war lustig, er sah nett aus und war viel zu höflich, um ernsthaft an ihr zu kratzen. Das war ungerecht, sicherlich fühlte er sich nur verpflichtet, sich mit ihr abzugeben. Dieser Pflicht unterzog er sich mit Anstand, und so ging alles eher harmlos aus. Eine andere Nacht durchtanzte sie bei einem Wohltätigkeitsessen mit Musik und allem Drum und Dran, das man sich hierzulande in den Staaten gerne abguckte. Hatte nach Wochen endlich wieder eine Hand auf ihrem Körper. Da, wo es sehr gut tat, eine Hand zu spüren. Mehr nicht, im Grunde genügte ihr sogar das bisschen Grabschen auf der Tanzfläche. Solche Berührungen würden ihr dennoch nicht weiter helfen, das wußte sie. Aber auch nicht direkt schaden. Eine Woche zog sie mit einem Mädchen herum, das sie noch von früher her kannte. Sie schienen sich zu verstehen, es brauchte nicht viele Worte. Sie hieß Inga und hatte häßliche Hände, aber lange, wallende Haare und eine süße Stupsnase. Beides immer sehr gut platziert. Einmal saßen sie um Mitternacht in Ingas Cabrio auf der Rampe einer nicht mehr betriebenen Fähre unten am Fluß. Inga erzählte von einigen Namen, an die sie sich noch erinnerte. Sie log ihr dafür etwas über die Zeit im Internat vor. Bis ihnen die Worte ausgingen. Es roch brackig um sie herum, und sie schauten noch eine Weile schweigend vor sich hin, bevor sie wieder zurück fuhren. Vor dem Haus blickten sie sich ein paar Sekunden lang stumm an. Mag sein, sie hätte etwas Offenes sagen müssen, aber ihr fiel nichts ein. Nichts zumindest, das ihr zu der Stupsnase und den wallenden Haaren passend erschienen wäre. Einmal wurde sie fast stürmisch geküßt, von einem kernigen, kleinen Sportlermund, der mehr von ihr wollte, sie aber nicht von ihm. Die Sportlerhand auf ihrer Brust gefiel ihr nicht, was auf Gegenseitigkeit beruhen mochte. Danach lernte sie dann Raoul kennen.

Er würde mit ihr in eine Klasse gehen. Ein Grund, warum ER das Treffen mit ihm wie zufällig arrangiert hatte. Raoul liebte das Rebellische. Und sah auch auch so aus. Beides Dinge, die sie lächerlich fand und die sie doch berührten und fast allein schon verführten. Weil sie das so wollte, es machte den Umgang mit dem jungen Mann einfacher. Raouls Eltern tobten jeder für sich in der Weltgeschichte herum und hatten ihren Sohn hier geparkt, wo sie zumindest manchmal zusammen trafen. Und Raoul war klug. Belesen, witzig, beinahe charmant. Er kannte tausend Leute, das beeindruckte sie. Er packte nicht sofort den Großkotz heraus, das machte sie weich und fröhlich. Und er brauchte zwei Abende, bis er sie ziemlich gekonnt küßte. Das tat gut. Raoul wollte nach Südamerika, sobald er die Schule hinter sich hätte. Was er da wollte, war weniger klar. Aber er wollte es mit der Unbedingtheit, die nicht nach lästigen Details fragt. Und sicherlich würden seine Eltern ihm die Wege bahnen, die er irgendwann gehen würde. Selbst im Urwald oder in den Anden oder wohin es ihn in diesem riesigen Kontinent verschlagen mochte. An einem regnerischen Nachmittag waren sie zusammen in der nächsten Stadt, die diese Bezeichnung verdiente, herum gelaufen. Raoul liebte die Vorstädte und landete mit ihr in einer muffigen Kneipe, die sie von sich aus sicherlich eher gemieden hätte. Der Wirt hatte sie mißtrauisch beäugt und ihnen dann, weil Raoul ihn so offen anlachte, etwas Improvisiertes zu essen serviert. Und die zwei anderen Gäste, leicht mitgenommen aussehende Männer in nachlässiger Kleidung, hatten sie nicht ohne Wohlwollen betrachtet. Die Welt würde jetzt schnell zusammen wachsen, hatte Raoul ihr erklärt. Es klang, als glaubte er daran. Eine einmalige Chance, vielleicht eine Renaissance. Das hatte sie nicht verstanden und das auch zugegeben. Er lachte und drehte den Bierdeckel, mit dem er spielte, vor sich auf der Tischplatte herum. Er auch nicht richtig, gestand er mit einem Grinsen. Für einen Moment liebte sie ihn deswegen. Aber es wäre wohl die letzte Chance der Menschheit, sagte er gewichtig. Auch das liebte sie sofort, weil sie nun einmal dabei war, sich in ihn zu vergucken. Und wenn das auch in die Hose ginge, fragte sie dennoch spöttisch und hätte gerne seinen Arm um sich gespürt. Raoul schaute im Lokal umher und dann sie an. Seine Augen signalisierten etwas, das sie nicht deuten konnte. Daran wolle er nicht denken, sagte er. Sie lachte auf und griff nach seinem Arm. Vor allem, weil er keine Anstalten machte, nach ihr zu greifen. Ob er glaube, die Menschen würde das kratzen, fragte sie ihn. Er schwieg. Das Seltsame war, daß sie genau wußte, er dächte nichts anderes als sie. Aber er wollte es einfach nicht zugeben. Als hätte er die gleiche Angst wie sie vor der Welt. Nur daß er sich besser dagegen abschotten konnte.

Er hatte dunkle, borstige Haare und unter der Weichheit seines jugendlichen Gesichts schaute bereits die Härte des Erwachsenen hervor. Er war dürr, wie sie auch, nur wenig größer als sie, und genauso nervös und unruhig. Nichts, woran sie sich würde festhalten können, aber dennoch erregte er sie. An diesem Nachmittag, in einer stinkenden Kneipe und über zwei Teller entsetzlich schlecht schmeckender Pommes-frites hinweg, wollte sie ihn am liebsten irgendwie mütterlich tröstend in den Arm nehmen. Wie ein Kind, das sie vor der Welt in Schutz zu nehmen hätte. Eine Rolle, die sie überrascht hatte, als sie ihr das erste Mal buchstäblich in den Schoß gefallen war, und die ihr auf Raoul zu passen schien. Später dann, in ihrem weichen Bett und ihren womöglich ebenso weichen Armen, weinte er hemmungslos. Sie schaute nicht allzu erstaunt hin. Er bohrte sich in ihre Brust hinein, klammerte sich an und weinte drauf los. Und sie wußte, was sie zu tun hatte. Streichelte ihn, küßte ihn, seine fleischigen Lippen und am Ende auch seinen sich kindisch verweigernden Schwanz, seine glatte Haut und seine festen Haare. Er tat gar nichts. Hielt sich nur fest an ihr und benetzte unaufhörlich ihr Bett mit seinen Tränen. So etwas wie eine kalkulierte Fürsorge kroch durch ihre Gedanken. Als könnte sie, wenn sie nur genau genug nachdächte, ihm helfen, ihm einen Grund für sein Leben bieten. Ausgerechnet sie, der es doch selbst danach verlangte. Sie fühlte sich stark an diesem Abend. Eine aus dem Unbekannten ihr zuwachsende Stärke hatte Raoul in ihr angeschoben, die dennoch nichts zu tun hatte mit seinen Ängsten oder Hoffnungen. Südamerika war ihr vollkommen egal. Was immer er dort wollte, Indios zu ihrem Recht verhelfen, den Regenwald erhalten, die Fische im Amazonas oder die Unberührbarkeit Feuerlands retten – das alles war ihr unsäglich fern. Nur sein zitternder Leib war ihr nah und kitzelte aus ihrem Inneren eine ihr leicht unheimliche Kraft hervor, die sie stumm machte. Und ein wenig froh. Mit viel Gekichere schaffte sie es, ihm ein Kondom überzustreifen. Eine alberne Vorstellung, die ihr dennoch gefiel. Ihm auch. Sie war bestürzt, wie leicht er zufrieden zu stellen war. Und wie gern sie ihn eben deswegen hatte.

Raoul kam danach häufig zum Übernachten zu ihr. Sie gewöhnte sich schnell an ihn. Sogar daran, daß er gerne und oft Musik hören wollte, was sie an sich haßte. Er schleppte einen dicken Ghettoblaster an, der dröhnte und den abzuschalten ihr nie richtig gelang. Er begann viel zu reden, erzählte sein Leben. Das klang vertraut und doch anders. Sie redete auch. Nicht so offen, wie er es womöglich tat, aber offener, als sie seit langem gewagt hatte zu sein. Eines Tages brachte er eine Videokamera mit, und einen Haufen Filme, die er in den letzten Jahren damit aufgenommen hatte. Ein seltsam minutiöses Protokoll seines ereignisarmen Lebens. Sie lagen zusammen im Bett und schauten gebannt in sein Leben hinein. Fast war das ihr danach vertrauter als das eigene. Sie probierte alle Bekleidung aus dem Schrank für ihn an, und er lachte dazu und ließ sie im Zimmer herum gehen, sich setzen, sich hinlegen, oder draußen auf der Terrasse posieren. Sein Lachen war nie hämisch, aber auch nicht in dem Maße begeistert, wie sie es sich gewünscht hätte. Am liebsten war sie nackt, für sich und damit auch für ihn. Er trug gemusterte Boxershorts, was ihr nur halb gefiel. Und sein Körper wirkte dünn und schwach, was sie eher abstieß. Aber er besaß genug Kraft, um sie so fest zu halten, daß es anfing weh zu tun, wenn sie ihm nicht vorher Einhalt gebot. Was sie nicht zu oft machte, denn der Schmerz kam ihr wirklicher vor als die meisten seiner Zärtlichkeiten. In seinen Aufnahmen versuchte sie sich wiederzuerkennen. Oder überhaupt erst zu finden. Manchmal gefiel sie sich, meistens aber schien ihr der Körper auf dem Bildschirm fremd und verkehrt. Anpassungsbereit, biegsam und folgsam, das waren ihre Eindrücke von sich selbst. Er mochte sie so, sie nicht. Eigenartigerweise war er mehr an alltäglichen Bildern interessiert als daran, sie gezielt entblößt aufzunehmen. So, als suchte er nach etwas Eigentlichem hinter ihren Fassaden. Ob er es fand, blieb ungewiß.

Dann mußte er plötzlich fort, irgend ein wichtiges Treffen mit seinen Eltern weit weg von hier. Er war traurig, aber sie kaum. Vielleicht ein Zeichen dafür, daß sie ihr Zimmer allmählich wieder als ihr Eigentum ansah. Und darin störte er zunehmend. Sie würde ihn vermissen, das wußte sie, aber Vermissen kam ihr einfacher vor als Besitzen. Am letzten Abend schenkte er ihr ein Paar Ohrringe aus Silber mit kleinen, grünen Steinen, die, wie er behauptete, zu ihren Haaren und ihrer Haut paßten. Sie trug sie den ganzen Abend lang und schenkte ihm dafür den Rest ihres Körpers. Nur konnte er nicht allzu viel damit anfangen. Vielleicht wollte er seine Zuneigung in Grenzen halten, oder sie nicht zu sehr verletzen. Zur Abwechslung weinte sie in dieser Nacht viel und genoß seine Unsicherheit, damit umzugehen. Als er am nächsten Morgen ging, war sie erleichtert. Und hoffte, daß sie wüßte, was zu tun sei, wenn sie ihn wiedersehen würde. Er ließ seinen Blaster zurück, aber sie stellte den schon am gleichen Tag unten irgendwo ab und vergaß das Ding schnell. Nur das Gefühl seines schmächtigen Körpers in ihren Armen vergaßt sie nicht so schnell.

Ein paar Tage später war ER abends zu Hause und aß mit ihr zusammen in der Küche. Die Köchin hatte längst Feierabend und sie hatte ihm aufgewärmt, was im Kühlschrank dafür bereit gelegen hatte. Eine einfache Arbeit, die sie dennoch mit aller Konzentration ausführte, derer sie fähig war. ER schien müde, ungewohnt kraftlos, aber erfreut über ihr abendliches Beisammensein. Und sie fühlte eine Form von Zuneigung, die sie IHM gegenüber sich niemals zuvor erlaubt hätte. Beobachtete IHN, saß mit angezogenen Knien auf der Bank am Küchentisch und dachte plötzlich, daß sie so glücklich sei, wie sie nur könnte. Lange wälzte sie auf ihrer Zunge, was sie ihn gerne gefragt hätte. Eine kindische, eine naive Frage, die ihr trotzdem wichtig war. Nicht, weil sie dachte, ER wüßte die Antwort darauf. Auch nicht, weil sie sich ernsthaft Beruhigung von IHM erwartete. Einfach nur, weil sie aussprechen wollte, was in ihrem Kopf herum wanderte. Sie hatte sich für IHN hübsch gemacht. Die kurzen Haare nach Möglichkeit gebändigt und eines der alten Kleider angezogen, die in ihrem Schrank darauf warteten, wieder einmal angezogen zu werden. Raoul hatte es nicht gefallen, aber ihr gefiel es. Unter der Schürze, die sie beim Hantieren am Herd umgebunden hatte, hatte ER das gar nicht sehen können, aber darauf kam es ihr nicht an. Sie trug die Schürze bei Tisch immer noch, wie einen Orden, wie das Symbol einer über alles geliebten Belobigung. ER aß mit Genuß und wurde langsam ruhiger. Sie auch. Auf einmal spürte sie einen Hauch dessen, was vielleicht für sie wichtig war. Zu Hause zu sein, da zu sein. Sie rührte auf ihrem Teller herum und wartete auf einen günstigen Moment. Der kam nicht, also machte sie irgendwann den Mund auf und legte los. Sehr mutig, dachte sie voller Stolz über sich selbst. Ob denn alles wieder gut würde, fragte sie. Ihre Stimme klang gelassen, als wäre nicht wichtig, was ER antworten würde. ER hielt inne und schaute sie an. Den Mund voll, und mit viel Überraschung in seinem Gesicht. Aber so sah ER lebendig aus, und was immer ER nun gesagt hätte, sie hätte es IHM geglaubt.

Es dauerte lange bis er eine Antwort gefunden hatte. Vermutlich nicht wirklich lange, aber ihr kam es so vor. Neben dem Fenster oberhalb der Spüle tickte die uralte Küchenuhr vor sich hin, die alle Jahre vom Uhrmacher gerichtet werden mußte. Eine der wenigen Sachen, die SIE hierher mitgebracht hatte. Das Haus hatten sie beim Einzug ansonsten fast komplett neu möbliert. Einer der bewußt herbei geführten Brüche ihres Familienlebens. Die allmählich erkaltenden Töpfe und Pfannen auf dem Herd gaben leise Geräusche von sich. Durch die geöffneten Oberlichter krochen die Laute des Gartens herein. Tiere und Wind und ab und zu ein vorbei fahrender Wagen. Sogar ihr Atmen war zu hören. Ein schnelles, hoffendes Atmen. Ihre Schienenbeine scharrten an der Tischkante herum und ihre Hand spielte mit der Gabel, die sie wie einen Spieß in die Luft hoch streckte. Nein, sagte ER, nicht wenn niemand mehr da wäre, der alles gut machen könnte. Aber ER wäre doch da, gab sie zurück. ER nickte. Und sie wußte, daß sie IHM nicht genügte. Und das ER das wie sie in diesem Moment ebenfalls dachte. Sie schwiegen zusammen, ein paar Sekunden lang. Dann lachte jemand. Den Versuch aber wäre es immer wert, setzte ER hinzu. Sie schaute herab auf ihren Teller, noch gut gefüllt, sie aß in der Tat viel zu wenig. Und schluckte herunter, was immer sie hätte dagegen sagen können. Und dann war es zu spät, die Uhr zeigte das an, und sie gingen zu Bett. Das Haus trug sie erneut, fühlte sie auf dem Weg nach oben. Und sie ließ es mit sich geschehen.

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Und immer noch Gaza/gossip

Dankenswerterweise vergißt Zeit On-Line neben dem Iran nicht die (kaum veränderte) Lage der Pälestinenser. Hier ein Artikel dazu!

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Donnerstag, Juni 25, 2009

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Iranisches/gossip

Immer wieder gibt es Gestalten der (Welt-)Politik, die eine eigenartige Wandlung erfahren, oder ein Erheben, je nachdem. Herr Mussawi ist solch eine Gestalt. Nach allem, was ich über ihn bis vor wenigen Tage wußte, war er ein Repräsentant jenes (Gottes-)Staates, den 'der Westen' unisono zwar verabscheut, aber wegen seiner (Öl-)Macht nicht recht attackieren mag. Im Gegensatz zu Herrn Ahmadinedschad wird er nun als 'westlich', 'reformerisch' usw. gehandelt, und wohl auch als Ehrenmann, der demokratische Verhältnisse akzeptierte, auch wenn sie gegen seine ureigensten Interessen stünden. Ebenso wie Herr Rafsandschani das sicherlich täte.

Jaja, so liest es sich heute.

Ich gebe zu, nicht die Bohne einer Ahnung zu haben, was daran wahr sein könnte. Mich irritiert allerdings, wie sicher sich andere Menschen einer solchen Ahnung sind. Menschen, die meines Wissens nach nicht die Bohne mehr Wissen über diese Herren haben als ich.

Aber da gibt es ja diese Filme auf Utube oder Twitter. Und ein Opfer, das medial vorzeigbar einen Namen und ein Gesicht hat. Außerdem paßte es ziemlich gut in das, was wir im Westen so gerne glauben wollen, weil doch der Herr Ahmadinedschad gar zu biestig auftritt und Gemeines daher redet (wozu die Rechten hierzulande auch noch jubeln) und obendrein böse Atomwaffen heckt. Was die anderen ehrenwerten Herren sicherlich niemals tun würden. Sie würden auf der Stelle jede Uran-Aufbereitung stoppen und die Ausfallstraßen Teherans mit Hamburger-Stands pflastern und kritischen Journalismus alike CNN und FOX einführen. Klar doch. Und iranischen Frauen Miniröcke und Mascara verordnen. Vielleicht sogar Arschgeweihe. Auf jeden Fall irgend was wie bei uns.

Nicht, daß ich etwa genauer oder besser als andere weiß, was da unten los ist. Nur – wer weiß das schon? Etwa diejenigen, die tatsächlich immer noch glauben, daß die jüngsten Gesetzesänderungen zur Finanzierung im Gesundheitssystem etwas anderes bezweckten als die Reduzierung des Arbeitgeberanteils daran? Oder daß ein Herr Obama die Welt wieder heile machen wird?

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Stottere doch/singing

Wenn du dich sagst,
dann weißt du dich.
Wenn du dich sprichst,
bist du bei dir.

Wenn du verstummst,
dann zwingst du dich.
Wenn du vertagst,
ist nichts mehr hier.

Wenn du wegschaust,
lehnst du dich ab.
Wenn du verneinst,
entsteht kein Wir.

Stottere doch,
auch Stolpern trägt vorweg.

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Mittwoch, Juni 24, 2009

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Eine Mauer aus Stein/singing

Umgeben von Wänden
von Daunen verhüllte
Signale mit Händen,
aus Lücken quillt Licht.
Spricht aber nicht. Zeigt.
Schwarze Tusche auf Wimpern.
Verläuft in sich selbst.
Hält aber nicht. Weicht.
Haut fest geschnallt. Bekleidung.
Papier wird zur Zierde,
Zeichen auf Leere
verkehren sich bald.
Ein Traum unter Schatten,
ein Ast ragt hinein.
Umsatz in den Blocksatz,
Rubriken, Tableau.
Ins Meer eingetragen,
ablandig, der Bug
zeigt dir wo. Stete. Halt.
Das goldene Buch.
Umblättern, rasantes
Entblättern, im Stroh.
Im Fallen gefangen.
Gestrauchelt. So froh.
Absicht, immer Freundin
der tristesten Wallfahrt.
Oleander verblüht,
Bougainvillea hauchzart.
Schaue gen Osten,
wach rücklings,
das Empire stirbt.
Auf der Stirn steht zu lesen,
wer deiner noch wirbt.
Stumpfe Worte. Satzzeichen.
Deine Schenkel sind blind.
Leises Kind. Schlaf. Trophäen.
Wir sind, sind geworden,
eine Mauer aus Stein.

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Montag, Juni 22, 2009

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Love Story/singing

Flacher Platz, gepflastert
dahinter steile Wände
Fenster, Lichter, Leben
Stille, dann doch Lärm
ein Rucksack hinter dir
das Tasten, Schritte
Wiedersehn und Wein.

Weiße Glieder, Bäuche
Flüssigkeit und Schweiß
in Haaren, Atemtempo
Drehung, Fassen, Druck
ein Streichen in die Ferne
Fenster auf der Kippe
Stimme aus dem Off
ein Stöhnen, Worte,
und haltloses Schrein.

Nehmen, Greifen, Haben
Fließen wild dahin
Unsinn Schlaf Betasten
Träumen Wissen Sein.

Stocken, Pause, Oben
Einsamkeit allein.

Trüb naß kalt verloren
Traurigkeit zu zwein.

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Gewaltig/singing

An den Rändern Lispeln,
Pfeifen vorneweg,
sonorer Bass im Hintergrund,
Gleichmaß im Mittelfeld.

Linien, die sich kreuzen,
Flächen,
auf den Kopf gestellt,
Geraden und Dreiecke.

Gründe, widerstreitend,
Begriffe rundumher,
Schlüsse voller Zirkel,
Regress, Antinomie.

Das Kaffeewasser kocht.
Abend wird, bin müde.

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TCP/gossip

Die Maschine funktioniert.
An einem Ende sprichst du deine Meinung hinein,
an den anderen Enden kommt sie wieder heraus.
Das geht auch umgedreht so.
Immer mehr tun das jetzt. Ganz viele. Bald alle, fast!
Manche nennen es Revolution:
wenn so viele vor der Maschine sitzen,
und ihre Meinungen hinein sprechen,
und immer mehr der Maschine zuhören,
die ihnen so viele Meinungen zuflüstert.
Bitte werfen sie eine Münze nach.
Danke!

Und Spaß macht es auch.
Es mache freier,
sagen viele,
in die Maschine hinein.
Transmission
Control
Protocol.
**
Der Name
ist Programm.


** Die für Übertragungen wie die im Internet verwendete Protokollfamilie TCP/IP regelt, wie die vom Endbenutzer einem Provider übergebenen Daten (Texte und digitalisierte Bilder oder Klänge) im Netz verpackt, verschlüsselt und transportiert werden - von den (wenigen) Anbietern der dazu notwendigen Infrastrukturen (Internet Backbone, Kabelnetze, Funknetze, Überseeleitungen, Sattelitenverbindungen usw.). Zum Zwecke des effizienten Transportes und der korrekten Zustellung der Datenpakete über eine im Vorhinein unbekannte Reihe von Vermittlungsstellen werden die Datenpakete wiederholt gelesen und protokolliert und ggf. weiter verpackt. Der gesamte Weg vom Absender bis hin zum Empfänger ist in der Verpackung protokolliert und wird während der Transmission laufend ausgelesen, protokolliert und erweitert.
Auch der Inhalt der Pakete (die vom Benutzer erstellten Daten) kann dabei an jeder Vermittlungsstelle beliebig ausgelesen und protokolliert werden. Um daher Dateninhalte zu verschlüsseln, können sich die Endbenutzer bei der Übergabe ihrer Daten an das Netz verschiedener Verschlüsselungsalgorithmen bedienen, die in Gestalt kommerzieller oder freier Software angeboten werden. In der Regel haben die Endbenutzer weder die Fähigkeit noch die Möglichkeit, die jeweils durch die von ihnen eingesetzte Verschlüsselungssoftware verwendete Implementierung dieser allgemein bekannten Algorithmen zu prüfen (etwa auf Hintertüren) geschweige denn sie unabhängig zu beeinflussen.

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Sonntag, Juni 21, 2009

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Wege der Weisheit #1/singing



Ein Klugsatz hat sich ausgebildet.
Unscharf, embryonal.
Erst nur als Traum, im Morgenlicht
hat er sich unruhig ausgerollt,
gereinigt dann von sanften Borsten
über weißem Schmelz am Zahn.
Im Duft des heißen Kaffees
ist er sehr stark geworden,
fest an der Kruste Brot.
Jenseits der Windschutzscheibe
gewann er Form, nahm Fläche an,
zwischen den Bäumen, auf dem Feld,
und unter leer gefegtem Himmel.
Das Schaukeln auf den Gleisen
hat ihn dann dicht gemacht.
Das Trippeln flinker Füße
auf grauem Stein grundierte ihn.
Die Treppe hoch schwang er sich auf
zu tiefster Einsicht, bis,
noch unter aufgestoß'ner Tür,
er eine scharfe Spitze fand
zu seiner Endgestalt.
Jetzt lagert er gemütlich
im Hängeordner unter K.
Man wird ihn brauchen.
Dann.

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Samstag, Juni 20, 2009

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Seltsam ist's/singing

Daß ich noch bin
noch Platz einnehme
daß ich den Boden
auf dem ich stehe
mein Gewicht einpresse
daß ich die Luft
in meine Lungen ziehe
daß ich das Licht
zusammensetze
den Klang der Welt
entziffere
daß ich da bin.
Seltsam ist's.
Daß Zeit verrinnt
zum Stundenschlagen
daß Wind
in weichen Zweigen
Naß
auf blasser Haut
daß Fühlen
in mir kriecht
daß Ahnen
etwas raunt
nur Vages.
Seltsam ist's.
Daß meine Füße
mich noch tragen
die Hände
greifen können
der Magen
still verdaut
das Blut
sich eilt
die Sehnen
kontrahieren
Muskelfleisch
voll Eigensinn.
Seltsam ist's.
Daß Winkel
klaffen
Linien
zeigen
Flächen
ruhen
Krümmung
sich wölbt.
Seltsam ist's.
Daß Worte
Sinn vortäuschen
Sätze
helfen
Laute
hallen
Töne
fallen.
Seltsam ist's.
Ein Handumdrehen
wälzt sich um
ein Zittern
schafft.
Ein Tosen
Donnern
Schweigen.
Unter dem Regen
duckt es sich.
Daß alles noch
wie immer ist.
Seltsam ist's.

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Freitag, Juni 19, 2009

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Nachhall/talking

Das Fundament der Kirche war mit dicken Bossensteinen belegt. Eine enge Treppe mit tristen Betonstufen führte in den Keller hinunter, eine schwere Holztür hielt uns auf. Das Eisengitter vor der auf der Spitze stehenden Fensterraute zeigte Rostspuren, der Lack hatte Blasen und Risse. Er guckte hinein, faßte die Gitterstäbe nur vorsichtig an. Meinen Vorschlag, den Küster zu fragen, ob er uns aufschlösse, ließ er wortlos fallen. Vielleicht wollte er nicht zu tief eindringen in das, was er mir von diesem Keller erzählte.... (mehr) Er wirkte unruhig, was gar nicht zu ihm paßte und mich unsicher machte. Wir stapften noch eine Weile weiter und setzten uns dann unter ein paar mächtigen Bäumen ins Gras. Der Schatten tat gut, und er redete jetzt wieder beständiger. Sie hätte meine Haarfarbe gehabt, fuhr er in seiner unterbrochenen Erzählung fort, und fast war mir, als wollte er in meine Haare hinein greifen, um wenigstens etwas Handfestes zu spüren. Ich lehnte mich ein wenig zurück, er tat dann aber nichts dergleichen. Und sie hätte wie ich geheißen. Dagegen nützte kein Zurücklehnen. Ihre Haare wären lang und wellig gewesen, wie ein weicher Schleier um ihren Kopf. Das Gesicht hätte ihn an einen Vogel erinnert, der neugierig nach einem Wurm pickte. Nicht bedrohlich, eher fürsorglich, als würde er den Wurm damit seiner Bestimmung zuführen. Er schwieg ein paar Sekunden. Im Dunkel des Raumes hätte er sie nur genau ansehen können, wenn sie beim Tanzen in den Bereich eines der wenigen Spotlights geraten wäre, die sie am Nachmittag dort aufgehängt hätten. Und sie wäre viel kleiner als er gewesen, auch kleiner als ich. Wenigstens etwas, dachte ich zufrieden und beugte mich wieder vor. Er hätte gar nicht richtig tanzen können, damals, könnte es heute noch nicht und würde das wohl nie mehr lernen. Ich nickte, ich hatte das selbst schon herausfinden können. Irgendwie hätte er seine Füße herum geschoben, sich so bewegt, wie die Musik es seiner Meinung nach verlangte, und ihre Konturen mit den Augen aufgesogen. Gegen das Licht oder die anderen Gestalten. Was sie geredet hatten, wüßte er nicht mehr, es wäre so lange her. Vermutlich nur Unsinn, darin wäre er wie im Tanzen nie gut gewesen. Aber sie hatte gelächelt, manchmal, und auch ein paar Worte von sich gegeben. Und in seinen Armen, beim Blues, wie sie jede Musik genannt hätten, die langsam genug dafür war, auf Tuchfühlung zu gehen, hätte sie sich unendlich gut angefühlt. Etwas knöchern, grinste er und schaute mich an. Ich grinste zurück und wartete ab. Und dann hätte sie gehen müssen, damals waren die Abende noch nicht so lang wie heute. Und er hätte versäumt, sie zu fragen, ob er sie wiedersehen würde. Hätte sich nicht getraut oder nicht gewußt, wie genau er das hätte fragen sollen. Und ob sie einverstanden gewesen wäre, hätte er auch nicht geahnt. Aber in den nächsten Tagen immer an sie gedacht. Wieder schwieg er, ich nahm an, daß er jetzt wie damals an sie dachte und daß es so heftig in ihm umher ging, als wäre das gestern erst passiert. Das bedrückte mich plötzlich. Auch wenn es schon Ewigkeiten her sein mußte und mir allein deswegen fern blieb.

Er hätte dann vor ihrer Schule auf sie gewartet. Das einzige, was ihm eingefallen wäre. Es hätte dann auch tatsächlich geklappt, obwohl er einmal kurz davor gewesen wäre, ein falsches Mädchen anzusprechen, das fast die gleiche Haarpracht trug wie sie. Die hätte ihn seltsam angeschaut, als er sie anstarrte und den Mund nicht aufbekam. Nicht abweisend, aber eben fremd. Und erst da hätte er gemerkt, daß es die Falsche sei. Wäre rot geworden und hätte sich brüsk abgewandt. Später hatte er dieses Mädchen irgendwo kennen gelernt, und sie konnte sich gut an diesen Moment erinnern. Gemeinsam hatten sie dessen Bedeutung verschoben, was ihm weh tat, aber er hatte es nicht verhindert. Die Richtige aber traf er dann doch noch. Und sie schien sich zu freuen. Damals wäre es eine Art Ritual gewesen, ein Mädchen von der Schule abzuholen. Wir lachten, und ich sagte, ich fände es schade, daß ich sowas nie erlebt hätte. Ich wurde immer mit dem Wagen abgeholt oder ging mit Freundinnen zu denen nach Hause. Ich hätte nicht viel verpaßt, meinte er. Ich zuckte die Schultern. Ein feiner Neid kroch durch meinen Kopf, den er nicht verstehen würde. Also sagte ich nichts mehr dazu.

Noch am gleichen Nachmittag, nachdem er sie wieder getroffen hatte, wären sie zusammen spazieren gegangen. Mitsamt ihrem Hund, oder dem der Eltern. Noch heute sähe er sie neben sich her laufen, nach vorne gebeugt, munter, mit zu großen Schritten und schnellen Seitenblicken zu ihm hin, die ihn stolz gemacht hätten. Und mutig genug, sie irgendwann an die Hand zu nehmen. Eine kleine, harte Hand, die sich gut angefühlt hatte und sich ihm nicht entzog. Ich schaute auf meine hinunter. Er wüßte heute nicht mehr, wie alt sie damals beide waren. Er dachte angestrengt nach. Nein, meinte er und schüttelte gelinde verzweifelt den Kopf, das wäre in den Tiefen seiner Erinnerungen verschwunden. Noch keine sechzehn, vermutete er, aber genau könnte er es nicht sagen. Er auf jeden Fall wäre zu jung gewesen, um nach mehr als ihrer Hand zu greifen. Obwohl sie vielleicht mehr erwartet hatte und von ihm enttäuscht war. Was die ganze Sache schnell wieder beendet hatte. Für sie, nicht für ihn. Als er das sagte, schien sein Gesicht sich zusammen zu ziehen. Fast hätte ich jetzt nach seiner Hand gegriffen, wäre mir das nicht zu abgeschmackt vorgekommen. Oder aus einem anderen Grund, der mir nicht sogleich einfiel. Ob er sie nie wiedergesehen habe, fragte ich statt dessen. Er blinzelte zu mir hin. Der Wind öffnete oben in den Blättern immer wieder Schneisen, durch die grelle Sonnenstrahlen auf uns herunter fielen. Einer davon mochte ihn gerade jetzt blenden.

Einmal, sagte er leise. Aus Zufall, der wäre schon immer sein einziger Bundesgenosse gewesen. Und, wollte ich neugierig wissen, was passierte? Nichts, gab er zur Antwort, sie wäre mit einer Freundin zusammen gewesen und sie hätten irgendwo eine Cola getrunken. Er wäre sich albern vorgekommen und hätte bestimmt auch so gewirkt. Wir lachten beide. Ja, sagte ich, das könnte ich mir gut vorstellen. Und stellte es mir vor. Er zeigte auch jetzt noch etwas von dieser hölzernen Unbeholfenheit, die schon anziehend wirkt, aber zugleich immer eine hohe Mauer vor dir errichtet, gegen die du kaum ankommst. Selbst wenn du so offen wie jetzt erzählt bekommst, was hinter dieser Mauer alles vor sich geht. Oder gegangen ist. Ob er oft an sie denke, fragte ich, weil er nicht weiter sprach. Er schüttelte den Kopf, aber es sah mehr nach einer Bestätigung aus. Vielleicht bereute er, daß er mir von diesem Mädchen erzählt hatte. Hin und wieder, versuchte er dann einen Mittelweg zu finden. Jetzt eben hätte er sich ganz intensiv erinnert, wegen der Kirche und natürlich wegen mir. Er streckte eine Hand aus und faßte nach einem meiner Knie. Nicht das erste Mal, daß er mich berührte. Meine Knie sähen aus wie ihre, sagte er beinahe entschuldigend. Kleine, feste, knochige Scheiben, die flink und beweglich aussähen. Ich guckte nach. Vermutlich hatte er Recht, auch wenn es nicht nur schmeichelhaft klang. Weniger seine Beschreibung als so sachlich verglichen zu werden. Ein kurzer Ärger quoll in mir hoch. Und der verrückte Gedanke, mich in seine Arme zu begeben. Einfach mich an ihn zu drängen und für ein paar Sekunden alles das für ihn zu sein, was das Erinnern niemals sein kann. Dann ließ er mich wieder los und verfolgte interessiert ein paar Kinder, die laut schreiend an uns vorbei rannten. Sie zerrten ein Kleinkind mit sich, das kaum laufen konnte und andauernd hinzufallen drohte. Aber die Älteren rissen es immer wieder hoch und schleppten es weiter. Mit der fordernden Rücksichtslosigkeit, die aus Winzlingen so viel mehr heraus holen kann als sanfte Zuwendung. Genauso empfand ich ihn jetzt. Als hätte er mich an die Hand genommen und in seine Geschichte hinein gezogen, ohne an etwas anderes zu denken als an seine ureigensten Gefühle. Das gefiel mir nicht, aber ich spürte dennoch, daß es mich anzog. Ich stupste ihn an und drückte seinen Oberkörper ins Gras hinunter. Beugte mich hinüber und schaute in seine Augen.

Hast du sie nie geküßt, fragte ich. Er kicherte und sagte nein, hätte er nicht. Wollte sie es nicht, bohrte ich weiter und legte meine Hand auf seine Brust. Vielleicht wollte sie es, murmelte er, aber er war zu jung und zu schüchtern und hätte nicht gewußt, ob sie es wollte. Wie dumm, entfuhr es mir. Er hob eine Hand und griff nach meinem Pferdeschwanz. Dazu sind Pferdeschwänze sicherlich vor Urzeiten erfunden worden. Er fummelte ungeschickt am Haarband herum und öffnete es schließlich mit einem derben Reißen. Seine Schüchternheit schien sich im Lauf der Jahre verflüchtigt zu haben, dachte ich amüsiert, als meine Haare so passend zu seiner Geschichte herab fielen und er mit den Fingern hindurch strich. Etwas, das mir auch gefallen hätte, wenn seine Erzählung ihn mir heute nicht so nahe gebracht hätte. Wellig waren meine Haare nicht, aber ein wenig wie ein Schleier fielen sie jetzt durchaus rund um mein Gesicht herunter. Was seine verschatteten Augen in mir sahen, blieb mir jedoch verschlossen. Aber ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon. Nichts davon hatte viel mit mir zu tun, oder dem, was wir füreinander bedeuten mochten. Mir war, als strichen seine Finger beharrlich diese andere Frau mir in die Haare hinein, und damit zugleich auch auf mein Gesicht und meinen ganzen Leib. Ein abstoßendes und anziehendes Gefühl, das mich vollkommen bewegungsunfähig machte. Ich war nur eine Leinwand für seine Gedanken, dachte ich. Nicht widerstrebend und nicht sich anbietend. Und plötzlich sah ich ihn gar nicht mehr. Sah lediglich leere Gesichtszüge, die alles und jeden darstellen mochten. Wir alle tragen so viele Fremde in uns herum. Viele davon hätten uns nahe kommen können, und bei einigen schmerzt es, daß das nicht so gewesen ist. So wie viele der uns nahe Gekommenen wie ewige Wunden ins uns stecken geblieben sind. Ein meistens gut unter dem Deckel gehaltenes Gebräu aus unerfüllter Sehnsucht, aus Schuld und Überdruß und Verzweiflung und Verlust. Mit einem Male wollte ich die Andere sein. Wollte den winzigen Schritt tun, den es nur noch nötig hatte, um sie für ihn zu sein. Langsam gab ich dem kaum merklichen Zug seiner Finger nach. Schaute in seine Augen, die im Dunkel lagen und nur ganz schwach im Hintergrund leuchteten. Und näherte mein Gesicht seinem an.

Ob er in diesem Moment nur an sie dachte, war mich gleichgültig. Auch ich dachte nicht nur an andere Menschen. Womöglich wollte ich mit der Berührung unserer Lippen irgend etwas wieder gut machen. Etwas heilen, lindern, bessern, besänftigen oder was auch immer. Es war kein richtiger Kuß, nur eine leere Hülle, in die wir beide hinein gaben, was in unseren Gedanken an wirren Bruchstücken herum geisterte. Wir waren nicht allein wir, sondern alle anderen gleich mit. Es dauerte auch nur eine Sekunde oder zwei. Dann schob ich mein Gesicht auf seine Brust herunter und legte es dort ab. Seine Hand griff immer noch nach meinen Haaren, und das tat uns gut. Mir zumindest. Ich bewegte meinen Kopf, als wollte ich mir ein Lager auf ihm scharren, und schaute dann über sein Kinn hinweg zu ihm auf. Sie hat sicher ganz anders als ich geküßt, sagte ich. Er nickte. Und meine Knie seien überhaupt nicht knochig, schob ich nach. Das half uns beiden. Er lachte und strich mir sanft über die Nase weg. Seien sie doch, bekräftigte er sein Urteil. Besser als schwabbelig, stimmte ich zu guter Letzt zu. Richtig, kam es zurück. Seine Stimme hatte wieder die gewohnte Kraft und Färbung. Das machten wir aber jetzt nicht zur Gewohnheit, grummelte ich. Er brummte etwas Unverständliches als Antwort. Mir schien, als dränge seine Stimme gleichzeitig auch aus seinem Brustkorb heraus. Nicht alle seine traurigen Liebschaften sähen aus wie ich, meinte er grinsend. Ich kicherte und spielte zur Abwechslung mit seinen Haaren. Ich könnte mir ja die Haare färben, hörte ich mich sagen. Ein paar Blondschöpfe hätte er schon noch parat, nahm er meine Andeutung auf. Na gut, gab ich nach, aber nicht für jede gäbe es einen Kuß. Schade, meinte er. Wir lachten und trennten uns einvernehmlich, als hätten wir das so verabredet. Als wir wieder an der Kirche vorbei gingen, blieben wir kurz stehen und schauten nach der Kellertür. Sie stand jetzt weit auf, und von unten waren leise Stimmen zu hören. Er zögerte, schüttelte dann den Kopf und klopfte mir wie einem alten Kumpel auf die Schulter. Ziemlich fest, aber ich kann eine Menge aushalten. Genug für heute, meinte er. Dann nahm er meine Hand und wir gingen nebeneinander zum Wagen zurück.

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Mittwoch, Juni 17, 2009

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Venetian Blinds/talking

Venedig, sagte er, tote Dichter anhören und unter dem Pflaster nach Strand suchen, die Hände ganz bloß. Ich mußte lachen. Er riß die Augen auf und faßte nach meiner Hand. Venezia, cara mia, säuselte er. Der Akzent klang nach Frankfurt, nach Bockenheim, zu Hause gemacht. Aber da hatte er mich schon halb überzeugt, ich wußte es. Sein Anzug, leicht verschmutzt, aber sicher äußerst elegant, und die Schachtel Zigaretten mit rein mazedonischem Tabak. Das kann keiner rauchen, aber es ist einfach unübertrefflich und scharf und süß.... (mehr) Und seine Haare, genau die zwei oder drei Millimeter zu lang, die das Schaf vom Hammel trennen, und natürlich die Augen. Die ließen nicht ab von mir und durchsuchten doch alles rundum. Ein Wächter, einer der aufpaßt, und der nach dir sieht. Was er an mir fand, das war mir total nebulös. Damals hatte ich – wieder einmal – ein ziemliches Tief. Gut, der Wagen machte was her, aber da er mir jetzt mit der Stadt in der Lagune so lockend ankam, war das nicht mehr viel wert. Blonde Haare, okay, die zählen ja oft. Aber Sonnenbrand oben auf meiner Stirn, und die Wut in den Augen, das war doch nur Mist. Um so mehr war ich froh. Seine Hand war recht gut, hart und fest, nicht allzu schwammig. Und sein Mund schwang sehr schön. Um die Schultern war wenig, doch die Taille war schmal. Und die Füße sehr lang. Warum nicht, dachte ich. Und träumte mich mit.

Auf dem Canale da hielt er meine Hand fest - noch immer, oder wieder, wer weiß das genau. Das dreckige Wasser machte mir Angst, und ich drückte mich an ihn, nur so, ihm gefiel's. Die Häuser sahen aus, als fielen sie bald in das Meer, und die Menschen, als warteten sie drauf. Es gab Wellen und Schaum, und abseits fanden wir ein kleines Lokal, das sich Dario nannte, ein Witz, dachte ich. Er wurde ernst, als wir drinnen hockten, toten Fisch zwischen uns. Statiker sei er, beichtete er, sein Mund wirkte bitter. Das brächte ihm Geld. Ich biß auf eine Schale und spuckte sie aus und er grinste. Ich sei nichts, gab ich zu. Sofort protestierte er, nahm meine Hand, wieder mal, und knetete sie. Warum ich das sagte, wollte er wissen. Ich zucke die Achseln, das kannte ich schon. Weil es wahr wär, gestand ich, er glaubte mir nicht. Er zahlte, zu viel Trinkgeld, der Kellner verachtete ihn. Ich schloß mich an.

Die Sonne kam raus, er nahm uns ein Zimmer, mit Blick auf das Wasser, das Bett war bequem. Ich schloß mich eine Stunde ins Bad ein, er ging in die Bar und fragte sich sicher, was er hier um Himmels Willen nur tat. Ich stieß den knarrenden Laden auf und schaute aufs Meer. Es gefiel mir nicht, ich mochte Salzwasser noch nie. Als er kam, lag ich bereits in dem Bett und las ein dickes, zerfleddertes Buch. Er stand neben mir und schaute mich an, als würde er mich schlagen, ich wartete ab. Dann ging er ins Bad. Ich hörte sein Spucken und schüttelte mich. Und wußte wirklich nicht, wie ich hier wieder raus kommen sollte, und weinte für mich. Er war dann sehr zart, ein absolut ehrlicher, honetter Mann. Er lachte und sagte, auch er kenne das. Und am Morgen beim Espresso fand ich ihn fast nett, und als ich ausstieg, sein Gesicht blieb im Dunkel, da zögerte ich dann. Doch die Sonne stand hoch und ich wollte zurück, und am Ende gewann doch, was war und was blieb.

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Jetzt/singing



Jetzt will ich tanzen, hier gleich auf der Wiese.
Nutz' es nur aus, da ich sonst Tanzen scheu.
Mir ist nach Sonne, die sich an der Wärme freut.
Als nasses Fohlen spränge ich davon,
wär' Schwalbenschar weit oben,
die blaue Haut um den Moment
und nichts und nie bereut.

Steh nicht im Weg, ich flöge wie ein Sturmwind über dich.
Wie eine Wespe stäch' ich mitten in die Blüten,
als Welpe schnüffelt' ich gleich überall,
krallt' fest die Zehen in den Boden
und grübe meine Hacken in den Staub.
Jetzt will ich atmen, daß der Tag tief in mir bleibt.
Ich zischte als Forelle durch die Fluten
und klickte wie die Grille im Gebüsch,
hüpfte das Gras und liefe alle Wasser,
krabbelte am Boden durch den Wald.
Jetzt will ich blass sein für das blasse Gelb am Himmel,
und meine Augen blau verpfändet,
meine Lippen ausgeliehen wie mein Leib.

Jetzt will ich tanzen,
mit den Armen alles messen,
und jeder Schritt wird immer weiter,
wie mein Herz.
Jetzt soll mir leicht sein,
zwischen meinen Rippen,
und meine Stimme jubelt einwärts -
gerade jetzt!

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Greenfly and Bumble Bee/singing



A Greenfly and a Bumble Bee
Met during dawn atop a tree.
The Greenfly softly said
'Dear Mrs. Bee, would you agree
There's room for three
Up in this porspering tree?
So I feel free to ask of thee
Not minding me
And sit down by your side?'
'Don't worry, bug,'
Returned the sleepy Bumble Bee.
'I came for sweets, not for the prey.
So you may stay. Do not delay
With whatsoever you have done.'
'Thanks, mighty Mrs. Bumble Bee,'
The Greenfly sighed and crossed its legs,
The Bumble Bee got drunk.
Now both will face eternity
Top of a tree's small trunk.

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Wilhelm Busch - Die beiden Schwestern/quoting



Es waren mal zwei Schwestern,
Ich weiß es noch wie gestern.
Die eine namens Adelheid
War faul und voller Eitelkeit.
Die andre, die hieß Kätchen
Und war ein gutes Mädchen,
Sie quält sich ab von früh bis spät,
Wenn Adelheid spazieren geht.
Die Adelheid trank roten Wein,
Dem Kätchen schenkt sie Wasser ein.
Einst war dem Kätchen anbefohlen,
Im Walde dürres Holz zu holen.
Da saß an einem Wasser
Ein Frosch, ein grüner, nasser;
Der quakte ganz unsäglich
Gottsjämmerlich und kläglich
"Erbarme dich, erbarme dich,
Ach, küsse und umarme mich!"
Das Kätchen denkt: Ich will's nur tun,
Sonst kann der arme Frosch nicht ruhn!
Der erste Kuss schmeckt recht abscheulich.
Der gräsiggrüne Frosch wird bläulich.
Der zweite schmeckt schon etwas besser;
Der Frosch wird bunt und immer größer.
Beim dritten gibt es ein Getöse,
Als ob man die Kanonen löse.
Ein hohes Schloss steigt aus dem Moor,
Ein schöner Prinz steht vor dem Tor.
Er spricht: "Lieb Kätchen, du allein
Sollst meine Herzprinzessin sein!"
Nun ist das Kätchen hochbeglückt,
Kriegt Kleider schön mit Gold gestickt
Und trinkt mit ihrem Prinzgemahl
Aus einem goldenen Pokal.
Indessen ist die Adelheid
In ihrem neusten Sonntagskleid
Herumspaziert an einem Weiher,
Da saß ein Knabe mit der Leier.
Die Leier klang, der Knabe sang:
"Ich liebe dich, bin treu gesinnt,
Komm, küsse mich, du hübsches Kind!"
Kaum küsst sie ihn,
So wird er grün,
So wird er struppig,
Eiskalt und schuppig.
Und ist - o Schreck! - Der alte kalte Wasserneck.
"Ha!" lacht er. "Diese hätten wir!"
Und fährt bis auf den Grund mit ihr.
Da sitzt sie nun bei Wasserratzen,
Muss Wassernickels Glatze kratzen,
Trägt einen Rock von rauhen Binsen,
Kriegt jeden Mittag Wasserlinsen;
Und wenn sie etwas trinken muss,
Ist Wasser da im Überfluss.

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A Night at the Site/singing

Das kalte Kohlefadenlicht fällt taktgenau ins Polymer, ein Rückstand Ölschlamm blieb im Ölabscheider, die Speisepumpen, elastisch aufgehängt, schwingen synchron sich ein. Die Sollbruchstelle bricht präzis entlang der Schweißnaht auf. Gelblicht. Der Werkschutz wird geholt. Der Mitarbeiterparkplatz leert sich. Licht und Hektik im Controling. Vor einer Halle lehnen Männer schweigend an der Wand. Ein Schlagbaum hebt sich leise. Wagen gleiten durch ein Tor. Der Himmel westwärts brennt. In langen Bahnen entlassen Masten endlos mattes Licht aus Dampf von Natrium zu Boden, bleicher Nebel gegen klare Nacht. Ein Rolltor kracht in seine Fassung. Das Echo rennt, ertappter Dieb, umher. Verliert sich wieder. Im Stundentakt erwarten Kartenleser prompte Totenmannsignale. Im Mosaik der Monitore gähnen Korridore leer. Der Mann davor hat Schokoladeflecken auf dem Kragen. Sein Körper riecht. Bald wird es Tag.

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Montag, Juni 15, 2009

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Lyrik selbst gemacht #12/gossip

Manchmal berührt mich ein einzelnes Wort. Ganz ohne daß es eine Bedeutung hätte oder sich ein Hintergrund auftäte. Nur ein Wort eben. Ich könnte in mir herum baggern und gucken, was ich alles ans Tageslicht brächte, nutzte ich das Wort als Spaten. Wie, wenn du in einem Beet anfängst zu graben und allerhand zum Vorschein kommt. Wurzeln und Scherben und irgendwas, das du lieber nicht zu genau betrachten möchtest. Oder wenn du Winden aus einem Busch heraus ziehst. Du weißt schon, was dir blüht. Dreißig Meter Winden und unter Garantie eine Brennnessel und die eine oder andere Brombeerranke. Danach sehen deine Arme aus wie Cholera, Pest und Lepra beim Ringelpietz auf dem Jahrmarkt.

Also ein Wort. Diesmal: Bleiwind.

Kein großartiges Wort, ich hatte es im Ohr, plötzlich wie eine Böe. Bleiwind sagt mir nun gar nichts. Aber wenn ich es spreche, fängt es an zu leben. Wind ist ja an sich nichts, nur Luftdruckverschiedenheit, die Objekte hierhin und dorthin und überall herum schiebt. Blei aber ist eine Menge, schwer und giftig und ein wenig unheimlich. Ein Bleiwind potenziert das alles, irgendwie. Du muß es nur laut sagen, und sofort kommen andere Worte angekrochen. Das ist, was Sprache ausmacht. Kein Wort steht für sich allein. Dem Bleiwind folgen Worte, die schon mehr bedeuten. Stahlgewitter ist so eines, angelesen und vielfach belegt. Bleiern müde auch. Sind wir ja alle öfters. Beiwind, weil es ähnlich klingt. Ein Wind so nebenher, Scherwind, Scherenschleifer, Schleifpapier, Schleifen, Schliff, Schilf im Wind. Womit wir wieder bei Wind wären. Windeseile, gar nicht bleiern, Windstille dann schon eher.

Nun haben wir einen Haufen Worte. Damit läßt sich spielen. Vielleicht machen das nicht alle, Spielen ist vielfach verpönt. Egal. Was also läßt sich aus Bleiwind machen?

Bleiwind schleift glatt alle Wanten.

Fällt mir so ein, warum also nicht damit anfangen? Wanten werden natürlich nicht vom Wind glatt geschliffen, aber was, wenn doch? Um die Wanten herum gibt es die Bespannung. Aus Holz oder Stahl, Beplankung, die Haut des Bootes, der Rand vom Schiff. Nun ja, wie wäre es dann damit:

An den Rändern schwinden Kanten.

Kleines Zögern, denn – Mist - ein Reim, wie unmodern! Aber wen stört's? Kanten, Ränder, Grenzen, das ist immer gut, das klingt nach tieferer Bedeutung und, wenn du's witzig meinst, nach Satire oder Ironie und Scherz. Was mich an den frierenden Teufel erinnert. Grabbe ich mir den also und packe ihn in einen Satz:

Eiskalt ist des Teufels Händchen.

Das macht den Kerl handhabbar, und das tut gut. Mit dem Teufel auf 'Du' zu stehen, macht mächtig, eigen und gewichtig. Läßt die Hölle zufrieren und Petrus hat das Nachsehen. Wir retten uns auf's Boot und lassen uns übersetzen. Genau:

Müde bleibt zurück das Ländchen.

Wo wir schon mal beim Reimen sind, bleiben wir halt auch dabei. Gemeinsam und an den Händen gefaßt, aber dennoch ein wenig melancholisch, weil da etwas zurück bleibt, wo wir einmal fest darauf standen, eben das Land. Aber es ist fern und wir sind in Begleitung des Teufels oder eines seiner Schatten, sagen wir, des Fährmanns, demnach fühlen wir uns stark genug, das Land zu verniedlichen.

Blicken vorwärts, Kicherclub.

Woher das nun wieder kommt, weiß ich auch nicht, vielleicht Intuition, also nix dran ändern, sondern Augen auf und durch! Außerdem stoppt es den leiernden Tonfall, oder? Club, das klingt klein und heimelig, ein Haufen dümmlich grinsender Leute in einer kahlen Halle beim Bingo. Kaninchenzüchter, Sängerknaben oder sowas. Aha, Singen ist gut. Jetzt also singen wir:

Lobgesang ist fast genug.

Lob leitet sich ab aus dem vorwärts, eine Blick- und Bewegungsrichtung, die immer gut ankommt und daher sich des Lobes gewiß weiß. Erfolg ist demnach garantiert, und der ist, weil wir auf dem Styx oder einem anderen, auf jeden Fall äußerst finsteren Gewässer kreuzen, immer mit dem erhellenden und rettenden Anlanden verbunden. Daher weiter mit:

winkt der Hafen uns entgegen.

Tut natürlich kein Hafen, eher seine Signaltürme, Leuchtfeuer und Bojen und all diese Dinge. Einen Moment sind wir versucht, ins technisch Moderne abzugleiten, aber das Anbiedern an den Zeitgeschmack sparen wir uns lieber für später auf, jetzt fahren wir ein in den Hafen, erinnern uns an den Anfang (den Bleiwind) und verlassen (um nicht als blöde Reimtrine zu gelten) den tumben Zwang des Reimes und bilden den Schlußsatz:

Matter Tod im Silberkleid.

Tod haben wir im Blei, und matt auch (bleiern müde), und silbern schimmert sogar das Blei manchmal, wenn es nur gut poliert ist, und Kleid ist immer gut, um einen prima Eindruck zu hinterlassen. Endlich ist Silberkleid ja fast schon ein wenig sexy, and that sells!

Mehr braucht es jetzt nicht mehr, das Ganze ist fertig und sieht nachgerade nun so aus:


Bleiwind schleift glatt alle Wanten.
An den Rändern schwinden Kanten.
Eiskalt ist des Teufels Händchen.
Müde bleibt zurück das Ländchen.
Blicken vorwärts, Kicherclub.
Lobgesang ist fast genug,
winkt der Hafen uns entgegen.
Matter Tod im Silberkleid.

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Junilippen/singing

Junilippen,
klein, blass rosa,
schmal und zart,
unentschieden,
wissen besser,
zittern eifrig,
küssen flüchtig,
sprechen hart.

Pressen sich
um fremde Finger,
saugen Abstand,
reiben Zweifel,
wölben sich
als Frage,
wellen sich
als Wort.
Weiche Körper,
angeschwollen.

Junilippen.
Möglichkeiten.
Dünne Haut
um warmes Blut.

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Sonntag, Juni 14, 2009

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Weizenfeld abends/singing



Abends streichelt sie jetzt Weizenfelder.
Reist unter Bäumen weite Bahnen in die Nacht.

Heftet flüchtig an die Fersen
Düsterkämme, daß sie keine Spuren macht.

Wieder munter unter Kalksteinbögen
träumt sie sich blaue Schleifen in das helle Haar.

Süß gekaute Erbsenschoten,
Regenhände greifen aus dem Laub ins Gras.

Ausgewanderte Gestalten,
ihre weiße Stirn zeigt euch.

Dunkelheit zahlt aus dem Vollen.
Das Darüber kostet nicht.

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Donnerstag, Juni 11, 2009

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Vorabend Euphorie/singing

Viola aus den Gärten,
Zuckerhut und Kuß,
und Wolken, ja,
gewaltig,
es türmt sich auf,
es muß.
Eiskalt, und doch
kein Frieren,
Weizenfeld
auf Arm.
Auf allen Vieren
suchen
nie gefunden,
dann Lachen,
Frohsinn, Lärm.
Die Kleine
wird sich spreizen,
sie kichert heimlich schon,
reibt sich die Nacht
als Morgen
zum Abend
in die Haut.
Viola aus den Blumen,
die Kleine lebt.
Genau.

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Dienstag, Juni 09, 2009

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Beschäftigung #24/soap

Zum AnfangZum vorherigen Kapitel

Hinter dem langen Tresen im Rabenhof regierte wie jeden Abend ein stämmiger, mittelalter Mann mit schütterem Haar und davon offensichtlich unerschüttertem Gemüt. Starke Arme und eine niemals laut werdende Stimme machten ihn schier unangreifbar. Jedenfalls für den spätabendlichen Mut, den Alkohol und die Begleitung einer schönen Frau in seinen männlichen Gästen entfachen mochten. Seine väterliche Art gefiel ihr und schützte sie auf die Entfernung gegen nahezu alles. Gegen die dunklen Straßen draußen und das harte Pflaster auf den Wegen dort und die einsame Fahrt in einem Taxi durch die Nacht. Jetzt gerade dagegen, ihrem Zorn freien Lauf zu lassen.... (mehr) Der ungerecht wäre, auch wenn nur zu verständlich. Robert hatte vor einen Paar Minuten angerufen und abgesagt. Das passierte nicht das erste Mal, aber es stach stets tief und hart und an einer Stelle, an der es weht tat, ohne daß sie sich dagegen hätte wehren können. Und der Barmann sah ihr das an. Mit einer sanften Geste stellte er ein neues Glas vor sie hin und gönnte ihr dazu einen kurzen, prüfenden Blick. So oft hatte sie noch nicht hier gesessen, daß sie das für selbstverständlich nahm. Und ohne Begleitung in einer Bar zu sitzen machte sie ohnehin unsicher. Der Rabenhof war kein Lokal, das sie sich ausgesucht hätte. Robert mochte diese Bar und ihre Atmosphäre, und sie versuchte daher auch, der langen Reihe aus wuchtigem Tresen und den paar Tischen mit halbhohen Zwischenwänden etwas Gutes abzugewinnen. Was sie heimlich ärgerte. Zu viele solcher Bereitwilligkeiten entdeckte sie immer wieder in sich. Wie etwa ihre Aufmachung heute Abend, die ihr fremd erschien, obwohl sie selbst sich jedes Detail ausgesucht hatte. Natürlich mit Hintergedanken an das, was Robert an ihr sehen mochte. Und mit ihm offensichtlich auch andere Männer, wie sie an den Blicken des Mannes, der fast reglos ein paar Hocker weiter in Richtung Ausgang saß, bereits beim Hereinkommen hatte feststellen können. Dagegen also behütete sie jetzt der Barmann, oder genauer die Vertraulichkeit, mit der dieser sie bediente. Er und Robert kannten einander, wechselten meistens ein paar kurze Worte wie alte Freunde, die sich nicht mehr viel zu sagen hatten und dennoch nicht ganz stumm aneinander vorbei gehen wollten. Vielleicht übertrug sich dieser Zusammenhalt jetzt auch auf sie. Was erneut etwas wäre, das sie nicht ganz geheuer anmutete. Weil es etwas war, das wie eine übermächtige Flut von ihm über sie hinweg schwemmte. Es kam ihr vor, als verlöre sie allmählich ihr ureigenstes Leben und schlüpfte Stück für Stück in eines von Roberts Gnaden hinein. In dem sie sich allerdings verführerisch wohl fühlte und dessen solide Hülle ihr so unendlich gut tat, daß sie es nicht mehr missen mochte. Eine klebrige Vermengung von Sehnsucht und Trost und Zufriedenheit, gegen die sie nicht ankam.

Sie setzte das frische Glas an und schmeckte einen angenehm leichten Wein. Nach dem Wasser, das sie sich zuerst bestellt hatte, sicherlich eine deutliche Verbesserung. Hoffentlich dachte der Barmann nicht, sie wolle sich als Sitzengelassene nun mit Alkohol trösten. Weder würde sie sich das leisten können noch würde das gut ausgehen. Ihre Stimmung war zu gefährlich. Hinter der ersten Enttäuschung glomm bereits eine Spur von wildem Zorn. Ziellos würde der sich gegen alles und jeden richten, wenn sie ihn nicht irgendwie kanalisieren konnte. Alle Freundlichkeit der Welt würde dagegen nicht ankommen können. Schon jetzt war sie versucht, die fragenden Augen des Barmannes nicht mehr als Zeichen seiner Sorge um sie, sondern als dreiste Aufdringlichkeiten zu nehmen. Die sie von ihm absolut nicht haben wollte. Denn dazu war er ihr körperlich nicht angenehm genug. Sie warf einen Blick zur Seite. Ganz anders der Mann dort, den sie sofort mit Robert verglich. Beide vermutlich in der gleichen Altersstufe. Und beide umgaben all diese dezenten und im Effekt doch weniger dezenten Symbole des Erfolgs. Solche aus guten Stoffen oder weichem Leder, wieder andere aus Körperhaltung und Mimik, und dann die der Klangfarbe ihrer sonoren Stimmen, die alle wie aus einer gemeinsamen Sprachschule zu stammen schienen. Sie lachte innerlich. Hatte sie mit diesem Typus Mann nun endlich ihr Lebensziel als Frau erreicht? So etwas wie Ekel umkreiste ihre Gedanken, ohne recht einen Weg in deren Mitte finden zu können.

Sie drehte den Kopf und besah sich in den Spiegeln hinter der Bar. Hübsch zurecht gemacht, das fiel ihr als Erstes auf, weil sie das schon zu Hause gedacht hatte. In einer Mischung aus Zufriedenheit und Verwunderung und dem Gefühl, sich selbst fremd zu sein. Die endlich lang genug dazu gewachsenen Haare fielen wellig und wie zügellos, von ein paar Spangen so eben noch in Form gehalten, über beinahe bloße Schultern. Was Robert über alles liebte. Gegen die Blässe ihrer Haut stachen dunkel geschminkte Augen schroff ab, und die kaum merklich abgetönten Wangen machten ihr Gesicht noch durchscheinender, eine weitere Remineszens an seinen Geschmack. Die Lippen hielt sie jetzt geschlossen, was energisch und sogar ein wenig trotzig aussah und das bisschen weichen Schwung, das sie ihnen aufgemalt hatte, komplett verschwinden ließ. Sie lächelte probehalber, und sofort erschien jene Zaghaftigkeit in ihrem Gesicht, die sie verabscheute. Nicht zuletzt, weil sie um deren zuverlässige Wirkung wußte. Das tief ausgeschnittene Kleid mit den schmalen Trägern half dabei sicherlich eine Menge. Auf ihr Dekolleté bildete sie sich zwar nicht viel ein, doch das würde niemanden wirklich abhalten. Das schiere Entblößen, der einzige Zweck eines solchen Kleides, reichte immer. Gab ihr einen fast automatisch ritterliche Stärke provozierenden Ausdruck von Hilflosigkeit. Und natürlich eben den einer zaghaften Verheißung, auf den es Robert uneingestandenermaßen immer wieder ankam. Und mit dem sie sich trotz ihrer augenblicklichen Abneigung deshalb am Ende nur zu gerne abfand.

In den Spiegeln überflog sie die anderen Gäste. Der Rabenhof war klein und sehr exklusiv. Eigentlich nur ein langer, schmaler Raum mit einer Bar auf der einen und einer Reihe Nischen auf der anderen Seite. Die Bänke waren mit dunklem, braunrotem Leder gepolstert, die Wände in hellen Erdtönen gestrichen und von kleinen, scharf umrissenen Lichtquellen beleuchtet. Nur wenige Bilder und Spiegel störten das Makellose des Putzes. Alles sah nüchtern und teuer aus, nicht modern und auf keinen Fall modisch, und dennoch strahlte es nicht die behäbig altmodische Aura aus, die als Gegenrichtung gegen die neue Sachlichkeit deren bloß schlechte Verneinung bildete. Die Menschen, die hierher kamen, blieben einfach gerne unter sich. Und achteten nicht allzu sehr auf modische Accessoires. Sie wollten Ruhe und Exklusivität und wurden selten laut oder aufgeregt. Blieben gelassen und hatten nur unter der Hand ein Auge auf ihre Umgebung. So wie der Mann weiter vorne an der Bar, dessen Aufmerksamkeit ihr offenbar ausschließlich gehörte. Nur zwei der Nischen waren besetzt. In der hintersten Ecke saß ein Paar sich gegenüber, das leise, aber durchaus heftig etwas Wichtiges miteinander zu diskutieren hatte. Ein vierschrötiger, dunkler Mann in einem um die Schultern sehr eng sitzenden Anzug und eine nicht mehr ganz junge, sich dafür aber sehr gerade haltende Frau mit rötlichen Haaren und einem hellgrauen Kostüm, das quer durch den Raum nach der Verkleidung der gehobenen beruflichen Position aussah. Weiter vorne saßen zwei müde Männer und schauten schweigend in ihre Gläser. Eher schlecht angezogen, wenn sie ihre grauen Sakkos mit dem ihres einzigen Nachbarn an der Bar verglich. Der war rundum perfekt und tadellos. Sauber geschnittene Haare und ein dunkelblauer Anzug, der womöglich von einem Schneider stammte. Daß er bisher noch keinen Versuch einer Annäherung gemacht hatte, unterstrich diesen Eindruck von Solidität. Und würde, falls er es schließlich doch versuchte, ihm erheblich mehr Chancen einräumen. Zumindest bei ihr, wie sie sich eingestand. Seine Blicke streiften immer wieder gemächlich über ihre Gestalt hinweg. Sie spürte fast jeden davon auf den bloßen Schultern und ihren übereinander geschlagenen Beinen. Die sie schließlich genau deswegen so hielt, wie ihr jetzt auffiel, als sie über den Mann und seine Blicke nachdachte. Warum auch nicht? Mit ihrem Beruf oder gar ihrem Gehalt würde sie hier keine Furore machen können. Selbst der Barmann verdiente vermutlich mehr als sie. Und niemand würde das auch von ihr erwarten. Was dagegen von ihr erwartet wurde, das bot sie auch tapfer feil und zeigte es allen Blicken brav her. Kein schöner Gedanke, anfangs. Er sollte eher auf eine andere Frau zutreffen, nicht auf sie, versuchte sie sich einzureden.

Wann immer sie sich auf ein solches Spiel eingelassen hatte, war sie am Ende als die Verliererin heraus gekommen. Zu gut noch erinnerte sie sich an jede ihrer übersprudelnden Begeisterungen und Hoffnungen. Für Männer meist, aber fast immer auch für das Leben, das diese ihr darzustellen und zu versprechen schienen. Und in dem diese Männer ihr einen Platz erobern sollten. Was sie dann meistens doch nie taten. Plötzlich wußte sie, auch Robert würde das nicht tun, obwohl er ihr einen neuen Job besorgt hatte, als das Café Florian schloß. Obwohl er jede freie Minute, die er erübrigen konnte, mit ihr zu verbringen versuchte. Er stand für ein Leben, das ihr verschlossen bleiben und nichts als immer wieder solche Bars wie den Rabenhof für sie bereit halten würde. Einsame Abende vis-a-vis eines freundlichen Barkeepers, der stellvertretend für den leider Verhinderten ein Auge auf dessen hübschen Schatz warf. Denn ohne Begleitung war dieser so gut wie vogelfrei. Oder fühlte sich so. Sie verspürte einen heimlichen Trotz, einen knisternden und verletzten Stolz, einen aus der Ahnung einer Demütigung entspringenden Zorn in sich. Und eine Spur von Mut. Denn das Vögelchen hatte heute sein Gefieder geputzt und spreizte nun seine bunten Flügel. Ein winziges Stück jenseits der Klappe am Ende der Stange, auf der es täglich herum zu hüpfen pflegte. Es war inzwischen spät geworden, nicht viel würde sich mehr ändern hier. Ihr Liebhaber würde nicht mehr kommen, sondern seinen wichtigen Geschäften nachgehen. Das Paar in der Ecke würde sich nicht einigen, sondern nur irgendwann in seinen Wortfluten ersticken und dann erlahmen. Auch die zwei schweigsamen Männer würden keine Worte mehr füreinander finden und dann resignieren. Nichts schien ihr lebendig in dieser Tristesse. Nur sie und der Fremde an der Bar blieben noch als variable Größen. Und dieser Gedanke erregte sie auf einmal. Sie war hergekommen, um einem Mann zu gefallen. Der, dem sie gefallen wollte, fehlte entschuldigt. Diesem nicht übel aussehenden Mann nur ein paar Schritte weiter aber gefiel sie. Was doch einen ganz guten Anfang darstellte.

Der Barmann bekam ein bekümmertes Aussehen, als sie begann, mit dem Fremden zu spielen und alles das zu tun, was ein solches Spiel üblicherweise von ihr verlangte. Sie sah zu ihm hin, wartete, bis sie seinem Blick begegnete, und ließ diesen gleich wieder los, als wäre der kurze Kontakt ihrer Augen nur ein Versehen. Schaute sinnend in ihr Glas und umkreiste dessen Rand langsam mit dem Finger. Machte ihre Schultern schwach und hielt dennoch ihren Oberkörper aufrecht. Blickte häufig in den Spiegel und traf auch dort auf seine Blicke. Verzog dann endlich kurz die Lippen. Er würde es als Lächeln nehmen. Allein, daß sie reagiert hatte, reichte ihm sicherlich dafür. Sofort wandte sie sich wieder dem Barmann zu. Der hantierte mit seinen Gläsern herum und schien verärgert. Was ihm nicht anstand und sie wütend auf ihn werden ließ. Also trank sie ihr Glas leer und hob es leicht in seine Richtung an. Nickte, als er die Brauen hob, und bekam umgehend ein neues Glas. Eine Sekunde war sie sogar enttäuscht. Er hätte es ihr verweigern sollen, dachte sie. Sich zu ihr herüber beugen und etwas Tadelndes sagen sollen. Aber er tat es nicht. Bestimmt war er am Umsatz der Bar beteiligt. Auf jeden Fall war es nicht seine Aufgabe, die Gäste vom Trinken abzuhalten, im Gegenteil. Und sie war nichts anderes als irgend ein Gast. Was sollte sie ihm schon bedeuten? Eine junge Frau wie viele andere, die er an einigen Abende in Begleitung eines Mannes gesehen hatte, der ihm ein paar Worte schenkte, wenn er hierher kam. Belangloses Zeugs, vermutlich, das nur beweisen sollte, daß der Gast hierher gehörte und daß er den Barmann großzügig als Teil dieser Umgebung akzeptierte. Um sie selbst ging es dabei überhaupt nicht. Sie griff nach dem Wein und kostete seinen Geschmack. Dachte für einen Moment daran, daß sie vielleicht nicht genug Bargeld in der Tasche haben könnte, um die Zeche zu zahlen. Sah dabei zu dem Fremden hinüber und wußte dann auf einmal, daß sie an diesem Abend, wenn sie nur wollte, auf keinen Fall zu bezahlen hätte. Das Zahlen käme erst später, am nächsten Tag, oder irgendwann in den Tagen danach. Nichts im Leben war umsonst, das hatte sie allmählich gelernt. Und die Höhe des Preises richtete sich nur selten nach den Motiven für das Handeln, an dem das Preisschild viel zu unauffällig für ihre leichtgläubigen Augen geklebt hatte. Noch einmal dachte sie an Robert. Den Mann, um den sich ihr Leben seit Monaten zu drehen begonnen hatte. Ihr neuer Job hing an ihm, und die neue Art, wie sie mit Max umging und dieser mit ihr. Sogar ihre neuen Kleider hingen an Robert, dachte sie, als sie ihr Aussehen im Spiegel hinter den Batterien aus Alkohol und wartenden Gläsern noch einmal prüfte. Alles in ihrem Leben hing wieder einmal an einem Mann. Sie setzte ihr Glas an die Lippen und schluckte herunter, was an Geschmack sich in ihrem Mund angesammelt hatte. Und lachte boshaft ihrem eigenen Spiegelbild zu. Ohne zu wissen, ob beide sich nun haßten oder mochten, oder ob es ihnen am Ende gleichgültig geworden war, wie sie zueinander standen.

Aus den Augenwinkeln nahm sie war, daß der Fremde dem Barmann etwas zuflüsterte. Sie hätte jede Wette darauf gehalten, was es war, das dort geflüstert wurde. Und als Letzterer zu ihr trat und sie leise ansprach, hätte sie ihm in seinen Text einhelfen können. Es gefiel ihm nicht, was er zu sagen hatte, aber er tat es dennoch. Auch nur ein Lakai, dachte sie sofort voller Enttäuschung. Wie sie auch, setzte ein dumpfer Teil ihres Verstandes hinzu. Und unter Dienern gab es keine Solidarität. Nur Neid und, selten genug, ein wenig Bitterkeit. Beides wollte sie nicht, sondern sich amüsieren. Jetzt, hier. Mit jedem, der ihr das Gefühl geben würde, aus eigenem Impuls zu leben. Sie wollte berühren und sich berühren lassen. Irgendwo, sehr tief und fest und aufrüttelnd. Wenn das nur in ihrem Schoß ginge, dann halt auch dort. Sie lächelte, nickte. Folgte mit den Augen dem Barmann auf seinem ihm deutlich schwer ankommenden Weg, zurück mit ihrer Antwort zum Absender seines Auftrags. Der hatte jetzt kaum mehr ein Auge für seinen Boten und sah unverwandt sie an. Nickte auch, erhob sich von seinem Hocker und kam auf sie zu, sein Glas sorgsam in der Linken geborgen. Sie musterte seine Gestalt und seinen Gang. Der war gelassen und zielsicher. Der Gang eines Mannes, der stets geradewegs auf das zusteuerte, was er sich nehmen wollte. Fast hätte sie lachen mögen. Seine Worte hörte sie kaum. Beide wußten sie ohnehin auch so, was er jenseits jeder möglichen Formulierung fragen würde. Sie nickte, schaltete ein zurückhaltendes, aber jederzeit flink ausbaufähiges Lächeln an, griff nach ihrem Glas und ging neben dem Fremden zu einer freien Nische. Sanft faßte er ihren Arm, eine Geste der Höflichkeit und zugleich der Besitznahme. Sein Geleit aber tat ihr trotzdem gut. Er war wenig größer als sie, aber natürlich unendlich viel massiger. Helle Haare und ein freundlicher Ausdruck hinter blauen Augen. Unmerklich dirigierte er sie auf die Seite des Tisches, die er für sie ausgesucht hatte. Wartete, bis sie saß, und setzte sich dann. Jede Bewegung langsam und dennoch schwungvoll. Vermutlich trieb er Sport. In seinem Alter fast ein Muß, um den Kampf gegen die alle Jugend mordende Zeit nicht vorzeitig aufstecken zu müssen. Einen kleinen Bauch hatte er trotzdem, er versteckte ihn nicht. Überhaupt schien er ihr in vielerlei Hinsicht sehr offen zu sein, was den Teil ihres Verstandes, der vorsichtige Ängstlichkeit signalisierte, bald mit dem Geschehen aussöhnen sollte. Nun endlich lächelte sie richtig und so, wie er es gerne haben würde, und erhielt postwendend die verdiente Antwort. Beide hoben sie ihre Gläser und nippten daran.

„Man hat Sie also versetzt?“ begann er das Gespräch. Sie wog nur den Kopf. Er hatte offen gelassen, ob das eine Frage oder eine Feststellung war. Nun lachte er. Ein richtiges, freies Lachen, das sie überraschte. Er lachte wie Robert. Ein dummer Gedanke. Bei diesem Licht und ihren Augen und ihrer jetzigen Stimmung würde jeder Mann wie Robert lachen. „Lassen Sie Ihren Zorn an mir aus,“ bot er sich ritterlich an. Auch sie versuchte ein Lachen. „Das wäre ungerecht,“ antwortete sie. „Ja,“ stimmte er bereitwillig zu, „aber ich denke, daß ich es aushalten werde.“ Setzte vorsichtig sein Glas ab und verfolgte die Bewegung ihres Armes, als dieser seine Handlung nachmachte. „Ihr Lachen entschädigt mich mehr als genug.“ Das klang ehrlich. Plötzlich fühlte sie sich bei ihm aufgehoben. Gegen jede Vernunft, aber seine Worte wischten all ihren Zorn beiseite. Ein Glückstreffer, vielleicht, jedoch einer, der ins Schwarze traf. „Wenn es doch immer so einfach wäre,“ murmelte sie. Erschrak dann doch leicht, als er seine Hand ausstreckte und mit einem Finger ihr Kinn einen Zentimeter anhob. Eine behutsame Berührung, der trotz ihrer Plötzlichkeit jede Aufdringlichkeit fehlte. „Natürlich hilft ihr Makeup dabei,“ gestand er zu. Sie lächelte und legte ein wenig Gewicht auf ihren Kopf. Er hielt dagegen. „Waren Sie auch verabredet?“ wollte sie wissen. Er schüttelte den Kopf. „Nein. Nur einer dieser toten Abende fern der Heimat.“ Seine Antwort hielt die Ehrlichkeit aufrecht, die er zwischen ihnen etabliert hatte. Wie auch die Spannung. Mit einem Lachen würde er sich nicht zufrieden geben, das spürte sie. Seine Worte forderten mehr. Und hatten bereits den Wunsch in ihr geweckt, sich bei ihm anzulehnen. Nicht nur mit dem Kinn auf einem festen Finger. Als wüßte er das, drehte er seine Hand, bis sie wie eine Schale unter ihrem Gesicht in der Luft schwebte. Ein Angebot, eine Aufforderung, eine Verlockung. Sofort reagierte sie. Wollte jetzt etwas Verrücktes tun und nicht in einen langen Smalltalk abgleiten. Sanft legte sie ihre Wange in seine Hand, die kaum nachgab. Sich warm und weich anfühlte. Wie die Hand eines Menschen einem Kätzchen vorkommen mochte, wenn es aus dem Regen herein gekommen war und sich schnurrend hinein schmiegte. Das Ganze dauerte nur einen Moment, dann hob sie ihren Kopf wieder an und lehnte sich etwas zurück. Gerade weit genug, es nicht wie einen Rückzug und lediglich wie ein Zögern erscheinen zu lassen. Seine dadurch arbeitslose Hand ließ sich auf dem Tisch nieder und wartete ab. Sie betrachtete den Handrücken und die Finger. Schlanke und gepflegte Hände besaß er. Was auch sonst! Die Phalanx der Knöchel wurde aufgenommen von einer deutlich sich abhebenden Ader, die quer über die langen Sehnen der Finger verlief. Ein lichter Teppich heller Haare lag daneben, und deutlich zu erkennen war die feine Altersmaserung der Haut. Der Anblick erregte sie. Diese Hand würde sich gut ausmachen auf ihrem bleichen, warmen Leib, dachte sie mit nur wenig Tadel von Seiten ihres Verstandes. Diese Finger würden fest in ihr Fleisch greifen wollen. Oder sich um ihre dünnen Handgelenke legen. Oder über ihre Wangen streichen und dabei ein leises, trockenes Geräusch erzeugen. Vorstellungen, die ihren Schoß immer deutlicher sich bemerkbar machen ließen. Sie rieb ihre Lippen aufeinander und schluckte. Beides würde er genau beobachtet haben. „Eine feine Hand,“ stellte sie sachlich fest und fuhr mit einem Finger deren Linien nach. Viel reden würden sie also nicht miteinander, das wußte sie jetzt. Vielleicht aber auch nicht viel mehr tun als einander gegenüber sitzen und, jeder in seiner privaten Welt gefangen, den Abend und die Gegenwart des Andern genießen. Das würde ihr schon genügen, oder zumindest würde es eine Empfindung sein, die alles weitere, das er von ihr verlangen mochte, nicht allzu wichtig erscheinen ließe. Und die vorläufig ihr schlechtes Gewissen beruhigte.

Wortlos sah er, wie auch sie, auf die beiden übereinander liegenden Hände hinunter. Ein kleiner, weißer Finger, der eine gebräunte, große Hand bezirzte wie eine emsige Hummel eine pralle Blüte. Der fasziniert von ihr war und jedes Detail daran erkunden wollte. Die Hand ließ ihn gewähren. Wartete, wie der Mann vor ihr ebenfalls abwartete. Es wäre so leicht, jetzt noch einen Rückzieher zu machen, überlegte sie. Irgendeine neutrale Frage zu stellen, nach seinem Beruf oder wie ihm die Stadt gefiele. Ob er oft hier wäre, und warum er ausgerechnet hier im Rabenhof seinen Abend verbrachte. Das gehörte womöglich sogar zum Spiel. Aber sie wollte jetzt nicht mehr mitspielen. Oder wenn, dann nicht nach den üblichen Regeln. Sie grinste und hob den Blick. Er tat es ihr gleich. „Haben Sie eine Geliebte?“ fragte sie. Weil es in dieser Sekunde genau das war, was sie interessierte. Das überraschte ihn ein wenig, aber er fing sich schnell. Grinste zurück und schaute kurz zur Bar hinüber, als befürchtete er, daß dort ein unbefugter Lauscher säße. Dann beugte er sich zu ihr hin. „Ich hatte einmal eine,“ gab er zu. Sie nickte. Das hatte sie gewußt. „Ich bin eine,“ beichtete sie ungefragt. „Ich wünschte, Sie wären meine,“ kam es ohne das geringste Zögern zurück. Sie lachte, pflichtschuldigst geschmeichelt. „Sie wissen doch nichts von mir,“ wich sie einen winzigen Schritt zur Seite aus. Er schüttelte den Kopf. „Aber ja doch,“ protestierte er lächelnd,“ich weiß alles über Sie. Sie sind eine Geliebte.“ - „Das nennen Sie Alles?“ - „Was wären Sie lieber?“ Sie schwieg. Betroffen von der Direktheit seiner Frage und ihrer Unfähigkeit, darauf eine gute Antwort zu finden. Er machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung des Pärchens hinten in der Bar. „Wollen Sie lieber eine Frau im grauen Kostüm sein?“ Auch seine Frage war direkt. Und nahm viel von der Spannung aus ihrem Beieinander, die sich zu schnell aufgebaut hatte. Sie fühlte eine zarte Enttäuschung und eine viel heftigere Erleichterung. Zog ihren Finger zurück und lehnte sich bequem gegen die luxuriös gepolsterte Rückwand der Bank. Jetzt übernahmen seine Augen die Rolle ihres Fingers und ihre Brust die seiner Hand. Das half ihr, klarer zu denken. Ihm vielleicht nicht, so hoffte sie heimlich.

„Macht das Kostüm so viel aus?“ fragte sie schließlich. Sein Auflachen hatte einen galligen Unterton. „Es sollte es nicht, tut es aber immer.“ - „Sie kennen sich aus mit solchen Frauen?“ Ihre Frage klang spitz, aber er nickte, als hätte er den Anflug von Kritik darin überhört. „Und mit den Männern, die dazu gehören auch,“ komplettierte er, was sie nur angedeutet hatte. „Weil Sie selbst einer von ihnen sind,“ sagte sie. Erschrak ein wenig, weil ihre Worte zu hart klangen. Doch er zeigte keinerlei Unwillen über diese summarische Kennzeichnung. Immerhin hatte er sie implizit selbst aufgebracht. Sein Lächeln blieb weiterhin weich und offen. Gefiel ihr immer mehr und gab ihr neuen Mut. „War Ihre Geliebte auch eine Frau im Kostüm?“ bohrte sie nach. Etwas in seinen Augen veränderte sich, doch sie konnte den neuen Ausdruck nicht deuten. Dachte im ersten Moment, dort den Zorn zu sehen, den sie vorhin empfunden hatte und der letztlich sie beide hier zusammen geführt hatte. Aber das erschien ihr unwahrscheinlich. Und genau deswegen wiederum beinahe gewiß. Sie kicherte. Plötzlich wollte sie seine Hand in ihrem Schoß spüren. Wollte seine Finger sich in ihren Leib vorarbeiten fühlen. Der Wunsch war so heftig und eindeutig gierig, daß sie errötete. Er sah das bestimmt, reagierte aber nicht. Ein jäher Schwall von Zuneigung für diesen Fremden schwemmte alle Vorbehalte ihres Denkens fort. Paradox, dachte sie, daß er gerade, weil er in diesem Moment nicht ausnutzte, was er als greifbar vor Augen haben mußte, er dieses um so leichter sich würde nehmen können, griffe er später danach. „Ja,“ beantwortete er endlich ihre Frage, „sie war eine solche Frau. Bescheiden wir uns nicht immer wieder mit dem Altbekannten?“ Sie schüttelte heftig den Kopf und spürte, wie sich eine Haarsträhne dabei löste. Kümmerte sich aber nicht darum. Das sah vielleicht sogar niedlich aus. Oder schön, dachte sie voller Eitelkeit. „Nein,“ widersprach sie mit lauter Stimme, „wir sollten immer nach dem Unbekannten schauen.“ Und lachte über sich selbst, über ihre nicht abebbende Gier nach seiner Hand und den für sie ungewohnten Ton kräftiger Gewißheit, den ihr Einspruch aufwies. Ihr Lachen steckte ihn an, und da wußte sie endgültig, daß sie sich von ihm verführen lassen würde. Wie auch, daß er das jetzt gleich in Angriff nehmen würde. Oder das womöglich schon getan hatte. Gelassen und seiner Sache sicher, wie er die ganze Zeit über bereits vor ihr gesessen hatte. Eine matte Fröhlichkeit breitete sich in ihr aus und machte sie absolut leichtsinnig. Sie griff nach seiner Hand, hob sie von der Tischplatte hoch und schmiegte wieder ihren Kopf hinein. Vielleicht schnurrte sie sogar, aber wenn, dann stimmlos und ganz tief im Inneren ihres Körpers verborgen.

Oben auf seinem Hinterkopf glänzte blanke Haut in einem kleinen Kreis zwischen drahtig wirkenden Haaren. Der Anblick faszinierte sie, vor allem das Wippen seines Kopfes, wenn seine Zunge sich mit scheinbar irrwitziger Kraft durch ihren Schoß hindurch zog oder seine Lippen schmatzend neu ansetzten, um aus einem anderen Winkel an ihr zu saugen. Ihre weit gespreizten Schenkel folgten jeder seiner Bewegungen, und in ihr schwoll die Gier nach dem ewig Ungreifbaren wie ein ganzer Ozean unendlich massiv an, wenn die Erregung fast zu viel zu werden drohte. Sie war im Sessel herunter gerutscht und wäre sicherlich zu Boden geglitten, hielte sein Körper nicht mit seinem Gewicht dagegen. Ihre Hände hatten nicht die Kraft, sie zu halten. Klammerten sich mehr aus Lust daran, sich vor ihm oder für sich zu strecken, an der Querstrebe über ihrem Kopf fest, als daß sie ihr damit einen Halt hätten geben können. Manchmal trippelte sie mit den Hacken über seinen Rücken hinweg. Er schien es nicht zu spüren. Griff aber immer wieder in ihre Kniekehlen und drückte ihre Beine noch weiter auseinander. Nicht gerade die bequemste Haltung, doch darauf kam es nicht an. In Wellen riß sein Mund sie mit sich, und dann schloß sie die Augen, obwohl sie zu gerne auf seinen Glatzenansatz herab geschaut hätte. Blind verfolgte sie, wie seine Hände von ihren Beinen ab ließen und sich ihren Brüsten widmeten, die er ihr längst aus dem Büstenhalter heraus gezerrt hatte. Rasch gleich zu Anfang, nachdem er ihr das Kleid mit ein paar Handgriffen eher roh vom Leib herunter gezogen hatte. Jetzt war er nicht mehr rasch, und alles andere als roh. Mit einer Ausdauer, die sie verwunderte und begeisterte, widmete er sich ihrem Schoß. Zärtlich und doch fordernd, aber im letzten Moment immer wieder nachlassend. Er schien ihr alle Zeit der Welt zu geben, und sie wollte eben diese Zeit sich nehmen. Wenn seine Finger ihre Brustspitzen schier aus ihrem Leib heraus zu drehen schienen, hielt sie es kaum mehr aus. Japste laut und hätte ihn fast darum angebettelt, niemals aufzuhören mit was immer er mit ihr machen wollte. Doch jedes mal ließ er von ihr ab, bevor sie sich unrettbar verlieren konnte. Einmal hatte er eine Hand auf ihr Gesicht gelegt. Wie ein großes, krabbelndes Tier aus harten Muskeln und Knochen, das sie als seine Beute wollte. Sie wand sich hinein, leckte seine Finger, schaffte es, einen davon in ihren Mund zu locken und wie einen vergeblich sich gegen die feuchte Umklammerung krümmenden Lutscher abzuschlecken. Seine andere Hand legte sich plötzlich um ihren Hals, was ihr einen Moment panischer Ängstlichkeit verschaffte. Beließ es aber bei dem eher zärtlichen Griff. Den sie dann genoß, rücksichtslos und voller Begeisterung über seine sanfte Stärke.

Überhaupt waren seine Berührungen nach der ersten, schroffen Überwältigung von einer ungeahnten Sanftheit. Warum sie auf die Idee gekommen war, ihn zu sich in ihre Wohnung mitzunehmen, wußte sie jetzt nicht mehr. Vielleicht, weil sie Hotelzimmer haßte. Weil Max nicht zu Hause war und sie nicht allein dort sein wollte. Oder weil das gut zu ihren wild durcheinander wirbelnden Gefühlen paßte. In denen Sex nicht die Hauptrolle spielte. In seinen schon, daß wußte und sah sie, und das nahm sie auch hin. Keineswegs ungern. Doch wichtiger war ihr seine Gegenwart. Die Lockerheit, mit der sie sich unterhielten, redeten, Dinge nur andeuteten und dennoch verstanden. Dafür gab sie ihren Körper her, und hätte das auch getan, wenn er am Ende weniger einfühlsam gehandelt hätte. Vielleicht wollte sie aber einfach nur nach Hause gefahren werden, durch die kalte und dunkle Nacht, die sie traurig machen würde ohne seine Begleitung. Also brachte er sie nach Haus. Und gab ihr die kleine Genugtuung, sich beim Einparken in der engen Reihe der Wagen vor ihrem Häuserblock doch etwas schwer zu tun. Leicht schief und mit einem Rad auf dem Bordstein stehend ließen sie seinen Wagen zurück. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie die Blicke, mit denen er die Umgebung, in der sie lebte, abschätzte. Sicherlich nichts, das ihn beeindrucken konnte. Dennoch enthielt er sich jeder herabsetzenden Bemerkung, vor allem aber jedes halbherzigen Lobes. Zu loben gab es hier wenig, zumindest für einen Mann, der einen Wagen wie den seinen fuhr und solche Anzüge besaß wie den, dessen Knie er nun auf dem Teppich vor ihr ruinierte. Mit ihrem Kleid war er sorgfältiger umgegangen, hatte es ihr noch im Flur begonnen auszuziehen, nach einer ersten, heftigen Umarmung und einem Kuß, der mehr obligatorisch durchgespielt wurde. Dann, in ihrem Zimmer, hatte er es ordentlich über die Lehne des Schreibtischstuhls gelegt. Vermutlich, weil er daran dachte, daß sie sich solche Kleider nicht im Dutzend leisten konnte. Zum Kaffeekochen war sie gar nicht erst gekommen. Er hatte sie auf den größten, weil einzigen Sessel ihres Zimmers gesetzt und eine Weile angeschaut. Über ihr stehend, während sie beinahe reglos in dem Sessel lag und sich her zeigte. Nicht gerade die ideale Position für eine selbstbewußte junge Frau, aber sehr praktisch, wenn es darum ging, ihren in nur zu diesem Zweck existierender Wäsche gekleideten Leib zu voller Wirkung kommen zu lassen. Das klappte, wie sie sehen konnte. Mag sein, sie hatte nicht den aufregendsten Körper des Universums, aber ihrer war jetzt für ihn hier und ging nicht mehr weg. War vor ihm, unter ihm, war lockend da. Seine Augen saugten sich daran fest und bekamen jene leicht dümmliche Starre, gegen die noch kein Mann, den sie kannte, je etwas hatte unternehmen können. Mag sein, weil Männer das viel zu selten wirklich aneinander beobachten konnten.

Der Gedanke, wie ähnlich sich dieser Fremde und Robert sahen, ja wie ähnlich in einem solchen Augenblick sie auch jedem anderen, jüngeren Mann waren, gefiel ihr. Er besaß etwas Tröstliches, das den Eindruck der sie immer wieder verängstigende Unbedingtheit in männlichen Gesichtern ausglich. Natürlich erregte sie es durchaus, so begehrt und angesehen und vielleicht auch ein wenig bewundert zu werden. Und der Ausdruck von Gier, den seine blauen Augen hoch über ihr zeigten, rührte ebenso heftig an der Ihren. Zugleich aber verwirrte sie die Verengung des Blickwinkels, die für sie in der Art lag, wie ein geiler Mann sich immer mehr ihrem Körper zuwandte. Und an diesem Körper sich dann auf immer weniger Regionen konzentrierte. So hatte auch dieser Mann sich nach einer Weile zu ihr herab gebeugt, eine Hand ausgestreckt und ihre Brüste aus den sie bergenden Körbchen befreit. Umstandslos und wenig zimperlich. Sie erschrak. Daß er gewalttätig werden könnte, war ihr nicht in den Sinn gekommen, nicht bis zu diesem Augenblick. Er wurde es nicht, aber ein Rest von Angst blieb, während er mit ihren Brüsten spielte, als wollte er sie auf Echtheit untersuchen. Erst als er sich zwischen ihre Beine drängte und dort niederkniete, um langsam und begleitet von einem fast entschuldigenden Lächeln ihr das Höschen abzustreifen, beruhigten sich die heulenden Alarmsirenen hinten in ihrem Kopf wieder.

Jetzt, mit seinen Lippen zwischen ihren Beinen, lösten sich nach und nach alle ihre Rückhalte. Ihre kindliche Begeisterung über die angehende Glatze hinten auf seinem Kopf half dabei, und natürlich der physische Reiz, den er unermüdlich mit Zunge und Lippen und, selten, aber dann beinahe wunderbar heftig, mit den Zähnen ausübte. Geduldig wartete er ab, bis ihr Körper sich ihm völlig ergeben hatte. Aus Furcht, einen falschen Namen auszustoßen, blieb sie still, obwohl sie gerne etwas gesagt oder wenigstens gemurmelt hätte, und das vielleicht im letzten Moment auch tat. Aber da hörte sie nicht mehr hin, und dann war es ihr letztendlich auch gleichgültig. Sie griff in sein Haar und zerrte wild daran herum, und danach ließ sie ihre Hände schlaff zu den Seiten herab fallen. Ein deutliches Zeichen, das er auf der Stelle verstand. Sein Mund löste sich aus ihrem Schoß und sein Körper schob sich über Bauch und Brust an ihr hinauf. Sie öffnete die Augen und sah ihn atemlos an. Das genoß er schweigend und reglos. Nur der Druck seiner Körpermasse verringerte sich ein wenig. Fast rutschte sie deswegen zu Boden, aber er griff schnell um ihre Hüften und schob sie wieder hoch. Die Kraft, die er dabei aufwandte, erregte sie nicht minder heftig, als es sein Geschick zuvor gekonnt hatte.

Er zögerte, die Hände immer noch fest auf ihren Hüften. Hätte er gewußt, wie sehr er sie in diesem Moment besaß, wären die Worte nicht über seine Lippen gekommen, die nun auf sie herunter tröpfelten. „Hast du vielleicht ein Kondom zu Hand?“ fragte er. Und plötzlich mußte sie lachen. Laut und unwiderstehlich. Jede Sekunde dieses Abends lag in ihrem Lachen, jedes Gefühl und jede Bewegung, und die ganze Weichheit, zu der er ihr soeben verholfen hatte. Sie lachte Tränen, oder hatte vielleicht bereits schon vorher Tränen in den Augen gehabt. Lachend legte sie ihre Arme um seinen Hals und zog ihn an ihre Brust. Lachend streichelte sie seine kurzen Haare, und lachend umklammerte sie mit ihren Beinen seinen schweren Leib. Fühlte sich auf einmal stark, unendlich viel stärker, als er es jemals für sie sein könnte. Und mochte ihn. Immer noch lachend dirigierte sie ihn zu der Schublade, in der sie eine Packung Kondome wußte, und nahm ihn danach derart gerüstet willig in sich auf. Nichts davon war noch wie Sex für sie. Er war süß, er war bemüht, er bekam, was sein Körper wollte. Und sie betrachtete ihn dabei, seine Bewegungen, seine Anstrengungen, die am Hals hervor tretenden Sehnen, als er sich in das schützende Plastik entlud. Das erregte sie nicht und gefiel ihr dennoch weit mehr als alles andere, was er jetzt noch hätte tun können. Ob er fühlte, was sie fühlte, wußte sie nicht. Vermutlich entging es ihm. Und sie liebte seinen Stolz, als er keuchend auf ihr zur Ruhe kam. Liebte seinen Körper und seine Verletzlichkeit. Lange streichelte sie seinen Rücken und seine Schultern. Genoß es, als er sie zum Bett trug und sie darauf ablegte, sich neben sie legte und dort langsam ruhiger werdend in ihren Armen lag. Die Nacht vor dem Fenster war jetzt schwarz und stark. So wie sie auch. Fast hätte sie ihn Robert genannt, als sie in seine Ohren hinein irgendetwas Albernes flüsterte. Er kam ihr so vor. War kaum zu unterscheiden von dem Mann, den sie gerade durch einen anderen ersetzt hatte. Im Grund war er ein Abstraktum, dachte sie. Nur ein Mann, kein Name, keine Identität. Eine gewaltige Masse aus Fleisch und Muskeln und Knochen, derer sie sich bemächtigt hatte. Ein so absurder Gedanke, daß sie ihn fast ihm verraten hätte. Nur die Angst, daß er sie auslachen könnte, hielt sie ab.

Am frühen Morgen ging er. Höflich, immer noch zärtlich, aber mit seinen Gedanken schon weit weg in seiner Welt, in die er wieder eintreten würde. Sie schloß die Wohnungstür hinter ihm und lief in die Küche, um zu beobachten, wie er aus dem Haus kam und zu seinem Wagen ging. Hinein stieg, den Motor startete und abfuhr. Nichts davon tat ihr weh. Die Straße draußen gefiel ihr. Zwei Reihen dicht an dicht geparkter Wagen, dunkle Vierecke mit den großen Mülltonnen, flache Rasenstücke mit Bäumen und dürrem Buschwerk und die krummen Bänder der Bürgersteige rechts und links. Sogar die Schachteln der Häuser gefielen ihr. Sie öffnete das Fenster und atmete die frische Luft der schlafenden Stadt. Es roch nach blühenden Bäumen und Büschen. Nach etwas Metallischem, vom Betriebshof der Stadtbahn herüber gekommen sicherlich. Es roch nach wartendem Leben und nach einfacher Gewöhnlichkeit. Plötzlich dachte sie an Max, der morgen Abend zurück kommen würde. Vielleicht sollte sie etwas für ihn kochen. Sich etwas Nettes anziehen, nichts aufregendes wie das Kleid des letzten Abends. Sondern etwas, das hierher paßte. So wie sie hierher paßt. Alle Roberts dieser Welt taten das nicht, aber sie. Vorsichtig schloß sie das Küchenfenster und ging ins Bad. Ließ heißes Wasser in die Wanne und legte sich in seine beißende Hitze hinein. Das Haarwaschmittel ging zur Neige, sie müßte morgen neues kaufen. Morgen, wenn sie wieder in ihr Leben zurück gekehrt wäre und diese Nacht irgendwo sicher in sich vertäut hätte. Lächelnd wusch sie aus ihre Haut fort, was immer der Fremde darin hinterlassen hatte. Sein Gesicht hatte sie schon vergessen. Das Gefühl seiner Hand auf ihrem würde sie nicht vergessen. Ein kleines Stück Glück, etwas Heimliches, Eigenes. Nichts Großartiges, aber etwas, das sie sich hatte nehmen können. Wohlig warm kletterte sie aus der Wanne heraus und trocknete sich zum Gurgeln des ablaufenden Wassers ab. Putzte sich gründlich die Zähne und beseitigte die letzten Reste ihres Makeups. Dann ging sie in ihr Zimmer hinüber und kroch unter die wartende Bettdecke und stopfte sich das Kissen unter den Kopf. Lächelte in die Dunkelheit hinein und schlief fast sofort ein.

Zum Anfang

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Barfuß/singing

Wiese voll mit Nimmerliebchen,
Schienen quer hindurch, ein Mast.
Leises Summen kommt von oben,
Starkstromvögel hocken dort.

Schwänze tauchender Kaulquappen,
strampeln um ihr Leben, Gier.
Bleiern spiegelt sich der Himmel,
Pfützenspringer wollen fort.

Barfuß sind wir ausgegangen,
saugen mit der Haut die Welt.
Heiser lockt ein Asphaltläufer,
Chromstahltäter leichtern Hast.

Gefangene im Kreisverkehr,
buchen täglich Paradies.
Steifes Wandern unter Sternen,
Nachtvernichter, kalte Last.

Hastig eingegipste Dübel,
Dächer glänzen. Ganztag ist.
Abwärts spielen Treppenkinder
Völkerball, der Wimpel fällt.

Stierkampf unter Tannenzweigen,
Troubadoure stechen Pik.
Östlich lauern Wetterfronten,
Rampenlicht, der Gleichstromheld.

Nahmen Wort für bare Münze,
Werden knapp mit Wechselgeld.

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Montag, Juni 08, 2009

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Politisches Gedicht #5/singing

Im Hammerbett liegt Gretchen lau,
der Frosch hat sie vermessen.
Am Felsenkliff im Drahtverhau
der steile Held: der Teufel speit Tantiemen.

Im Saldensarg ist hohe Zeit,
die Glocke hat gebimmelt.
Zum Sommer im Pailettenkleid
auf's Rübenfeld: den Styx quert Automatik.

Im Groschenfall stirbt Alberich,
die Quote hatte Baisse.
Alleine Mut schöpft Kraft aus Milch,
now come on, Bert: das Unterhaus ist abgebrannt.

Derweilen donauabwärts schon
Krim hielt, doch Guy Fawkes nie.

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Sonntag, Juni 07, 2009

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Die weißen Schuhe/singing

Ich trage weiße Schuhe.
Weiche Sohlen, weicher Stoff.
Die Schuhe einer Pflegerin
auf ihren Gängen rund herum.
Sorgfalt weiß ich still anzuwenden,
das flinke Kommen auf den Ruf.

Ich reiche leise meine Hand,
ich leihe her den festen Stand,
borge aus von beider Sohlen Kraft,
gebe ab von schmaler Wade Halt.

Sehnen, die sich langsam dehnen,
Muskelspannung, Knochenbau.
Schuhwerk der Unberührbarkeit,
das Mal der Unschuld in der Haut.

Ich schnüre mir die Schleifen
gegen die Vergeblichkeit,
von früh bis spät, ihr Wippen
auf dem Spann erfreut,
die Glätte ihrer Farben
zeigt den Mut. Beharren
unter Bannern sanft
verstreuter Unermüdlichkeit.

Ich beuge weiße Knie zur Stütze
fremder Schwäche, Scharnier in Hell,
Hebel und Arm und Kran.
Ich gieße weiße Munterkeit reichlich
auf's leere Laken der Versprechen.
Ich streiche krumme Linien aus,
bin Licht für alle dunklen Zeichen,
schwesterliches Blatt, auf das
sie ihre Tänze malen wollen.

Ich trage weiße Schuhe zu dem weißen Kleid.
Eng auf meinen Rippen liegt es an.
Bauscht sich bei jedem Schritt
zur Schere meiner Schenkel.
Der scharfe Kragen kränzt den Hals,
zum weißen Rot der stummen Lippen.
Die Fersen glänzen silberweiß.
Wild flirren blasse Härchen.
Biegsame Taille, straff gezurrt.
Geschmeidig fallen Falten.

Zwei matte Möwen vor dem Sturm.
Das falsche Spiel der Wellenkämme.
Der Kalk, an dem das Wasser ewig nagt.
Die Weite unter bleichem Licht.

Ich trage weiße Schuhe.
Nichts kommt mir nah.
Ein schattenloses Gleiten.
Gleichmäßigkeit.
Entfernung vor dem Ende.

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Freitag, Juni 05, 2009

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Die roten Schuhe/singing

Das sind die roten Schuhe.
Mein Blut hat sie versteift.
Ich ging in ihnen
eine Treppe.
Ich lag in ihnen
einem Mann.
Das wurmt in mir,
das Band des Möbius,
in sich gedrehte Schand.
Das ist das Leder,
das mich zwang.
Der Riemen
fest um meinen Stolz.
Gedanken,
wären sie nur frei,
sie hätten mich begleitet,
doch wie nur Luft
waren sie mir.
Das sind die Schuhe
meiner Gier.
Das Schwanken
meiner nur mich selbst,
mich nur allein
behutsam tröstenden
Sozartgedanken.
Das ist der Schuh,
in dem ich knie.
Das ist das Zeichen,
das ich nie
verzieh.
Nicht mir,
und niemals nie,
noch dir.

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Donnerstag, Juni 04, 2009

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Am Boden/talking

Ich will nicht aufstehen. Der Boden genügt. Es ist ein guter Boden, hart und fest, und er weicht mir nicht aus. Das tut ein wenig weh, aber was im Leben tut irgendwann nicht weh? Ich kann mich daran kühlen, und das ist jetzt wichtig. Denn meine Haut brennt. Ich schwitze, das liebe ich nicht. Es sollte kalt sein zwischen den Sternen, ein ewiges Frieren im Angesicht Gottes. Beides ist Lüge. Es ist schwül im luftleeren Raum, und die Götter saugen verzweifelt um Haltung bemüht an ihrem Glimmen. Tand, Schund und Betrug. Ich möchte weinen, aber meine Tränen sind verbraucht. Wie meine Kraft, wie alles, was mich umgab. Ich bin nackt. Guckte jetzt einer, er sähe mich an, nicht irgendein Kleid. Keiner guckt, also macht's nichts. Und ich krieche dahin.

Die Uhrzeit würde ich gerne wissen. Sie hilft. Du ordnest dein Leben entlang einer Zeit. Jetzt ist hier, und Eben war da. Und Gleich wird dort sein. Wie schön. Nicht nur Schatten und Schemen, sondern Perlen aufgereiht an einem dünnen aber festen Faden. Ein Geschenk einer Schwester. Ein Schatz tief in dir. Licht hat es auch. Ein weiches, wie aus unendlicher Ferne zu dir kommendes Licht. Es umgibt dich, und gibt dich nicht Preis. Mag sein, es kostet, aber wen kümmert das jetzt? Ich bin nur eine Flocke in einem Flokati, eine Schuppe auf einem Fisch. Ich rieche, aber ja doch. Nach Angst und nach Gier, nach Mut und nach Feigheit, nach Lust und nach Ödnis. Ich bin da, deswegen tue ich das. Riechen und mich anhören und Platz brauchen. Nur eine Winzigkeit, dennoch eine Unendlichkeit. Das sind so die Paradoxen, die wir brauchen. Sie machen uns schwer. Sie geben Gestalt und Gehalt und Bedeutung, zumindest für den Moment. Ach, der Moment! So oft ganz verkannt. Kaum da, ist er weg, und eben noch war er und gleich kommt er schon. Ist es denn das? Dieses Hasten und Stochern und Nehmen und Scheinen? Ich weiß nicht.

Ich liege auf dem Boden und glänze voll Stolz. Weil ich da bin, nicht weg ging, weil ich blieb. Das halte ich in mir. Was sonst? Mir wird kalt, mir wird einsam, mich fröstelt, ich fürchte mich sehr. Aber, ehrlich, was nützt das? Es bleibt wie es war, es wird, wie es ist, es ist, was es wird. Ewig dreht sich die Spindel. Ich liege, das ist. Ich bin, das legt klar. Und immer und ewig bleibt das, was mal war.

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Güterbahnhof #8/singing

Ich wollte stets
gehabt sein.
Im Nest.
Ein Gast
auf der Schwelle.
Nur fast.
Niemals da.
Schraub mich fort
in die Ferne,
verdreh mich,
wirf hoch.
Meine Liebe
ist Gleich,
meine Lust
das Demnächst,
meine Sehnsucht
ein Bald.
Voller Magen
mißfällt.
Nur der Hunger
macht gut.
Wollte nicht sein,
noch nicht.
Wie ein Schimmer
des Tages
am Himmel der Nacht.
Nur ein Licht,
kurz,
danach,
und wonach
weiß ich nicht.

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Güterbahnhof #7/singing



Der abbezahlte Nichtangriffspakt
wurde beiseite gelegt und ersetzt
durch zähe Nachverhandlung
gleichrangige Güter mit direktem
Inkasso. Bei Nichterfolgen
droht Strafverfolgung unbeschadet
der Rechte am Pflichtenheft
Dritter -

eine Lähmung ergreift sie.

Laut summendes Atemholen emsiger
Festplatten, die Lüfter erregt, das Zucken
der häßlichen Licht Emittierenden.
Beschäftigt.
Im Vorhof von Karies Zahnreduktion.
Protokoll führt zur Nacht.
Unterputzschalterdosen,
wie zart wölbt sich Fläche
dem täglichen Blick.

Unjähes Genügen.

Der Schließmechanismus modernster
Version greift am Fenster wie Galle
das Bitter der Brust fröhlich an. Sinnlos
rennt ein Vogel dem Abend davon.
Geschäftsschlußzeit ist und vermeidet
so tüchtig die Provokation. Allerliebst,
wie das Pflaster das Tagwerk gummiert.

Obstruktion. Happy Day.
Meet the Hour to go.
Erblindende Scheiben
umschließen barmherzig
den Haß der Idee.

Im Schirmständer Fahnen. Standarten.
Gehaltsscheck, eine Rolle mit Bild,
Passpartout.

Zwei Blumen in bröckelnder Erde,
der Kampf um den Raum, um das
Naß, das sie nährt. Platz und Freiheit,
über allem liegt Staub, Distorsion,
eine gütige Hand, Edelweiß,
schwarzer Grund,
Sansibar.

Das Ende der Züge
versinkt in Natur.

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Mittwoch, Juni 03, 2009

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Die blauen Schuhe/singing

Ich habe ein Paar blaue Schuhe erstanden.
Schwarzes Blau, die Farbe der Nacht,
wenn sie sich dem Schlaf noch nicht ergeben hat.
Das Leder weich und fein durchgezeichnet,
sorgsam gefüttert,
wie Pauschen von Sätteln,
die Sohlen sind hart und hell aufpoliert.
Die Linien eines Clippers,
den die leichteste Böe nach Westindien treibt.
Die Sonne leuchtete mir,
und leuchtet auch jetzt,
liegt vor dem Fenster grell auf dem Feld,
ich schaue hinaus und stehe reglos.
Ich stehe gut.
Die Schuhe bieten mir den Rahmen,
den ich brauche,
will ich meinen Füßen trauen,
statt zu straucheln,
wenn ich weiter gehen muß.
Ich gehe hin und her.
Jeder Schritt ein Kompromiß
aus Vorwärtsdrängen,
das meine hochgestellten Hacken
mir als Stoß aufzwingen,
und dem soliden Setzen
zärtlich abgestützter Ballen
ins Voraus dieser Welt.
Ich spanne meine Waden an.
Ich strecke mich.
Ich schaue fest nach vorn.
Ich habe Glück gekauft,
das glatt wie eine neue Haut
an meinen Füßen klebt.
In mir herrscht Ruhe,
Wohligkeit.
Ein guter Stand
vorm nächsten Schritt -
hinaus.

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Dienstag, Juni 02, 2009

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Sommerliches Fühlen/singing

Abend wird es wieder wollen.
Es sackt Moderne in mir ein.
Das Wort zu dick, nicht voll.
Mein Hinterhof ist weiß.

Ich träumte einen Hut, sehr steif.
Man goß das Blei in voller Blüte.
Belobigt ward ich wund mir, ja.
Mein Schwarm. Verzicht.

Will angestellt sein, oben lachend.
Porös war mir, wie du mich liebst.
Umgarnte Herren machen Sachen.
Der Dieb, schrie es, ein Held, Helau!.

Ich bin mir Schutz in Wachstumsgräben.
Wacholder, Beere, Stamm und Strauch.
Ein Babylächeln, Smith und Wesson,
und meinem kranken Hirten auch!

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Sonntag, Mai 31, 2009

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Du Alles/singing

Du Alles! Du mein Universe.
Dir unterworfen wär ich etwas,
dir eingeschrieben gelte ich.
Allein, du weigerst dich.
Mein Zorn schwemmt deine Dämme,
mein Wollen reißt dich ein.
Du Alles, eitler Fatzke,
bin ich nicht dein, will ich nicht sein.
Ich weiß noch deine wilden Locken.
Ich weiß das Bein, das Knie, die Stirn.
Ich spüre, wie deine Hand mich faßte,
die Sonne hinter Dach und Wand.
Du Alles! Hast mich ausgetrieben,
mich hingeworfen, mich verkehrt!
Ich las in deinen Augen, deinen Haaren,
ich las das Bild aus deinem Hirn.
Genügte nicht, du Alles,
war unzureichend,
nur ein Zwirn,
der deine Seiten hielt,
du Alles, stark war mein Zorn!
Du Alles, leise bin ich,
kaum mehr zu hören,
nur ein Traum.
Du Alles,
wilde Sehnsucht,
Licht, und Hitze,
Schaum..

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Ich bin die Worte/singing

Ich bin die Worte
bin der Laut
ich bin die Orte
bin gebaut
ich bin die Last
bin schwer
ich bin die Hast
bin Meer
ich bin das Aleph
bin der Spin
ich bin das will nicht
bin der Sinn
ich bin die Welt
das Gottesgeld
in mir bist du
bei dir zur Ruh
ich bin die Enden
deiner Lenden
ich bin das Muß
ich will ich kann
ich bin Genuß
ich bin das Dann!

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Freitag, Mai 29, 2009

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Komet/singing

Du dringst tief ein,
dein Schweif zeigt mir
mit seiner Länge
das Ausmaß deines Opfers an.
Verrückter Stein.
In meinem Pelz will ich dich fangen.
Ich rolle dich darin,
poliere dein Gesicht,
und bin dir Nest.
Du bist so kalt.
Laß mich dich wärmen,
auch wenn meine Wärme
dich verzehrt.
Du Weltenwanderer,
wer rechnet deine Bahn?
Du stürzt dich
in den engen Bogen,
der Staub aus deinen Poren
glitzert hell.
Und jedes Mal
verlierst du dich,
Gestoßener,
zermalmter Ball
aus Gier und Kraft.
Du leuchtest kurze Nächte,
glimmst wie ein Nadelstich
im weit gespannten Schwarz.
Gefangener
in deiner Tod dir bringenden
Kometenbahn.
Kreist durch die Räume
meiner Lippen,
brichst ein
in meinen heißen Schoß.
Nicht zugehörig,
nur ein Gast, ein Schneller,
um dessen Schultern
Sonnenwinde
fordernd wehn.
Wie winzig bist du,
nur Eisklumpen.
Ich gönne dir
den Aufgang,
den Zenith,
und auch das Fort.
Ich stelle Zeit
heim in Sekunden,
ein Blinzeln
grell im Perihel.
Vorbei,
und tief ins Dunkle dann
entschwunden,
mein kurzer Stern,
mein Prinz der Nacht.

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Donnerstag, Mai 28, 2009

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Lobster/singing



Da ist eine deiner Scheren immer um mich.
Ich achte genau auf meine Finger.
Und deine Beine krabbeln rechts und links.
Ich krieche sicher nicht davon.
Hast auch ein Auge, oder zwei.
Was glotzt du so?

Ich komme morgens in die Zimmer.
Ich wende alle Betten. Lüfte.
Ich schmeisse Dreck in große Säcke.
Ich sprühe Reinlichkeit umher.

Da ist die Last von deiner Masse auf mir.
Ich atme flach und spare Luft.
Und deine Muskeln räkeln sich so glatt.
Ich schmiege meine deinen an.
Hast auch die Lippen, um zu sprechen.
Was schweigst du nur?

Ich gieße Wasser auf das braune Mehl.
Ich lege Teller, schiebe Tassen.
Ich fülle Zucker nach, ich achte.
Ich schmecke Kräuter wild.

Da ist dein Horn, auf dem ich gleite.
Ich strecke mich und zeige dir.
Und deine Augen leuchten weit wie Galaxien.
Ich tänzele in sie hinein.
Hast auch die Hände, mich zu fassen.
Was drängst du mich?

Ich renne zwischen aufgestellten Waren.
Ich wähle zwischen Geld und Wohl.
Ich zeichne gegen, tippe Zahlen.
Ich packe aufeinander gut.

Da ist ein Stop. Ich schaue.
Dahinten
bei den hingeducken Büschen,
den strammen Bäumen,
über Kanten aller Dächer
hüpft mir mein Lachen aus der Welt.

Ich rechne.
Ich war stets gut
darin.

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